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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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- 105 - davongejagt wurden. Einer der größten Talmudlehrer, Samuel Jarchinai, konnte sich rühmen, die Wege des Himmels ebenso genau zu kennen, wie die Straßen in seinem Wohnorte Nehardea. Es ist hiernach erklärlich, daß die Sterne für den Orientalen infolge seiner Vertrautheit mit ihnen eine Sprache besaßen und ihm von den Geheimnissen der Schöpfung zu erzählen vermochten. Dagegen trug das Wappen oder Siegel des Kardinals und Ministers Alberoni, worauf ein gestirnter Himmel abgebildet war, die Devise: Ojos muelio;-, lengua niuguna (Viele Augen, keine Zunge). Hier erscheinen die Sterne als Augen, >vie wir ja auch von Augensternen sprechen — ein Bild, welches die hebräische Sprache nicht kennt —, und während der Psalmdichter bei Betrachtung des Sternenhimmels an Millionen lobpreisender, wenn auch nicht vernehmbarer Zungen denkt, ist es in der angeführten, für einen Diplomaten passenden Devise der aus Millionen Augen auf den Menschen gerichtete stumme Blick, der geheimnißvoll auf ihn einwirkt. Diese Beispiele sollen nur einen Begriff davon geben, daß die Entstehung einer Metapher von den verschiedenen Bedingungen der Lokalität, der Auffassung, der Lebensstellung u. s. w. abhängt. Kommen wir nunmehr auf die Metapher des Lichts zurück! Welches Licht mag wohl zuerst die Veranlassung ihrer Entstehung gewesen sein? Man sollte glauben, das Tageslicht, denn „süß ist das Licht, und wohlthuend ist es für die Augen, die Sonne zu sehen" — sagt Koheleth (11, 7). Aber hier soll durch das Sehen der Sonne nur im Allgemeinen die Freude am Dasein zum Ausdruck kommen (vgl. das. das. 8; das. 6, 5. Ps. 58, 9), denn thatsächlich ist es nicht wohlthuend für die Augen, die Sonne zu sehen. Wenn trotzdem nicht zu bezweifeln ist, daß man sich des Tageslichts als einer Metapher bedient habe, so meine ich doch, daß nian erst auf einem Umwege dazu gekommen ist, indem man von den: künstlichen, die Nacht erhellenden Lichte, also der Leuchte oder Lanipe, ausgegangen ist. Das Tageslicht ist zu gewöhnlich und kostet nichts. Das Interesse des Menschen wird aber nur durch dasjenige geweckt, was ihn'Mühe kostet. Hinzukommt, daß die Tageshelligkeit, zumal im Orient, mit oft unleidlicher, Krankheiten erzeugender Hitze (Ps. 91, 6) verbunden ist. Die hebräischen Metaphern für angenehme Empfindungen sind der Kälte entlehnt. Etwas anderes ist es mit der die Nacht erhellenden Leuchte oder Lampe oj). Ihre Erfindung, welche Clemens von Alexandrien den Aegyptern zuschreibt, hat gewiß so große Sensation hervorgcrufeir wie in unseren Tagen das Gas- oder elektrische Licht. Um aber die Wohlthat zu ermessen, welche den Menschen dadurch erwiesen wurde, muß man sich vergegenwärtigen, daß in alten Zeiten das Dunkel der Nacht wegen seiner schwierigeren Er- . Heilbarkeit und wegen der allgemeinen Unsicherheit das Gefühl größten Unbehagens hervorrief. „Der Schrecken der Nacht" ist eine in der Bibel gebräuchliche Redensart (1. B. M. 28, 66; Ps. 91, 5; H. L. 3, 8). Bei Nacht allein ausgehen, galt als Erkennrmgszeichen eines Narren (Chagig. 3 b). Es war sogar verboten, in einem Hause allein zu schlafen (Sabb. 151b). Vor dein ersten Hahnenschrei sich auf die Reise begeben, hieß, sich muthwillig in Lebensgefahr bringen (Joma 21a, vgl. Tr. Dercch Erez e. 11). Der Satz „Alle Wege stehen unter der Vermuthung der Gefährlichkeit" war noch im späten Mittelalter ein unbestrittenes Axiom (vgl. meine Geschichte lll, 63). Damit hängt auch der metaphorische Gebrauch des „Weges" für die Lehre (Spr. 6, 23; Ps. 143, 8 u. ö.) zusammen, worüber besonders zu handeln wäre. Unter diesen Umständen mnßte die Erhellung des nächtlichen Dunkels durch künstliche Beleuchtung das Interesse des Menschen in höherem Grade erregen, als das Tageslicht, und wie man besonders bei freudigen Anlässen die Nacht durch Fackeln oder Lampen zu erleuchten pflegte (II. Matt. 4, 22; Matth. 25, 1), so wurde „Licht" gleichbedeutend mit Freude (Esth. 8, 16). Auch dem Talmud schwebt noch die Erfindung oder Einrichtung nächtlicher Beleuchtung als eine bemerkenswerthe Heilsthat vor. Oeffentliche Beleuchtung hat es zwar im Allgemeinen im Alterthum nicht gegeben, dies erkennt man auch aus der Schilderung Spr. 7, 8, 9. Aber in jer. Schebiit c. 3, Ende (vgl. Midr. Wajikra e. 9) wird die Wahl Sauls zum König auf das Verdienst zurückgeführt, welches sich einer seiner Stammväter (Ner-Leuchte) angeblich durch Einrichtung nächtlicher Straßenbeleuchtung erworben hatte. Sehr sinnig wird dieser Edison des israelitischen Alterthums mit Bezug auf Ps. 50, 23 als „Wegmacher" bezeichnet. Er hat eben durch Beleuchtung der Straßen dieselben während der Nacht erst gangbar gemacht. Wie nun die das Dunkel der Nacht erhellende Leuchte von den Menschen als besondere Wohlthat empfunden wurde, so wird man auch zuerst ihrer als einer Metapher für die göttliche Lehre oder für den göttlichen Lehrmeister selbst sich bedient haben. Denn die Religion soll ja gerade da den Menschen dienen, wo das Tageslicht sie im Stich läßt, will sagen: wo die eigene Vernunft nicht ausreicht, in den Dunkelheiten und Schwierigkeiten des Lebens. Es ist deshalb gewiß nicht zufällig, wenn David für seine Errettung aus den Händen seiner Feinde und Sauls Gott nicht als Sonnenlicht anspricht, sondern mit den Worten preist: „Du bist meine Leuchte, Ewiger, der Ewige erhellt meine Finsteciiiß" (II. Sam. 22, 29; Ps. 18, 29). Denn der von persönlichen Gefahren Errettete denkt in der frohen Empfindung, daß es in ihm und um ihn hell geworden, nicht an das Tageslicht, das Allen leuchtet, aber auch bei anbrechender Dunkelheit Allen entschwindet, sondern er stellt sich unwillkürlich seine Erlösung vor als geschehen mit Hilfe einer ihm persönlich dargereichten Leuchte, bei deren Schein er aus den dunklen Gangen, in die er hineingerathen, den Weg ins Freie findet. Es würde uns von unserem Gegenstand zu weit abführen, wollten wir zeigen, wie gerade in der dankbaren Betonung des persönlichen Erlebnisses eine natürlichere und wahrhaftere Frömmigkeit sich äußert, als in der Beziehung auf das Allgenieine, wofür in der eigenen Persönlichkeit der Resonanzboden gar nicht vorhanden ist, und die blos deklaniatorischen Werth besitzt — doch mag auf diesen Unterschied, der durch das gewählte Bild sehr gut veranschaulicht wird, in Kürze hingewiesen sein: Es ist ebenso auch gewiß nicht zufällig, wenn in Sätzen, wie „Eine Leuchte meinem Fuße ist Dein Wort und Licht meinem Pfade" (Ps. 119, 105), „Eine Leuchte ist das Gebot, und die Thora Licht" (Spr. 6, 23), die Leuchte vorangestellt, oder wenn das. 20, 27 die menschliche Seele als eine göttliche Leuchte bezeichnet wird, denn wie oben allsgeführt wurde, schwebt dem Dichter zunächst die Nacht des Lebens vor, in welcher die göttliche Lehre oder die eigene Vernunft den Menschen sich zurechtfinden läßt, Aus dieser Auffassmig heraus erklärt sich auch, daß David als Leuchte Israels bezeichnet wird (II. Sam. 21, 17). „Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen." Dieser Gedanke liegt auch der für David gewählten Metapher zu Grunde. Die angeführten Stellen scheinen niir die Meinung, daß man ursprünglich bei dem metaphorischen Gebrauche des Lichts von der nächtlichen Leuchte ausgegangen sei, hinreichend zu bekräftigen. Diese Meinung rechtfertigt sich auch dadurch, daß die Leuchte oder Lampe zu allen Zeiten nicht blos eines der nothwendigsten, sondern auch eines der poetischsten Hausgeräthe war. Zwar hat der Gegner des Demosthenes diesem vorgeworfen, daß seine Reden nach der Lampe röchen, wodurch sie in keinen guten Geruch gekommen ist, aber ihr traulicher Schein ist vielleicht ebenso oft besungen worden wie der Sonnenschein, der mitunter zu viel beleuchtet, mehr, als Manchem lieb ist. Andererseits hat die Lampe oder Kerze den Vorzug, daß man damit Verstecke, die dem Sonnen-

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