Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228321--55304-3291497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 102 —- sächlich (wenigstens in Deutschland) nicht von einem Proletariat sprechen kann. Hiermit steht wieder die Thatsache in Verbindung, daß die Juden vom Besuch der Mittel- und Hochschulen verhältnißmäßig viel mehr Gebrauch machen, als die Christen. So erklärt sich auch die relativ große Anzahl von jüdischen Kaufleuten,Großindustrieüen.Aerzten, Rechtsanwälten, Lehrern der Mittel- und Hochschulen u. s. w. Auch die Gemeindevertretungen und die parlamentarischen Körperschaften weisen viele tüchtige Mitglieder aus den Reihen der Juden auf. Endlich ist es die Kunst, zumal die Musik und die dramatische Kunst, welche seitens der Juden mit großem Erfolg gepflegt wird. Es ist wohl nicht nöthig, Namen zu nennen. Wenn zur Zeit auch verhältnißmäßig wenig jüdische Richter und aktive Offiziere vorhanden sind, so hängt das nach unserer Meinung mit den Vorurtheilen höherer und niederer Stände gegen die Juden zusammen, — Vorurtheilen, welche gleich vielen anderen sicherlich noch schwinden werden. Welch gewaltige Fortschritte haben sonach die Juden in Deutschland seit hundert Jahren in Hinsicht auf Bildung, kulturelle Leistungen und bürgerliche Werthschätzung gemacht! Worin hat es nun seinen Grund, daß deffenungeachtet nicht alle christlichen Bürger den Juden die bürgerliche Gleichstellung oder Gleichberechtigung gönnen und sie außerhalb des Gesetzes stellen möchten? Die ruhige, leidenschaftslose, durchaus sachliche Besprechung dieser Frage, welche wir gleich Anfangs betonten, verbietet es uns, den Sittenrichter zu spielen und an so manchem antisemitischen Führer und Agitator Censur zu üben; denn wir müßten viel Schmutz aufrühren und manche dunkle Existenz beleuchten. Nomina sunt odiosa. Wir wollen uns damit begnügen, die Motive darzulegen, welche dem Antisemitismus in der Regel zu Grunde liegen, insoweit das nicht oben schon geschehen ist. Auf diese Weise glauben wir auch der Sache des bürgerlichen Friedens und des Staatswohles einen besseren Dienst zu erweisen als durch persönliche Angriffe und Bloßstellungen, seien dieselben auch noch so berechtigt. Vor allem ist es das Eigenthum der Juden, nach welcheck manches Auge lüstern blickt; dasselbe regt bei der minderbegüterten Klaffe —' in dieser zählt auch der Antisemitismus seine meisten Anhänger — ein Laster auf, das tief in des Menschen Brust wohnt, — es ist der Neid. Fragen wir uns aufrichtig: Würde es Antisemiten geben, wenn die Juden arm wären? Gewiß nicht; demnach ist es blos der Neid auf die Besitzenden, der den Raffen- und Religionsgegensatz zum Vorwand nimmt, den Raffen- und Religionshaß schürt und nach den Gütern der Juden lechzt. War es im Mittelalter anders? Falsche Beschuldigungen der Juden, so z. B., daß sie die Brunnen vergiftet, geweihte Hostien verunziert, Christenkinder geschlachtet hätten rc., mußten für viele Christen den erbärmlichen Vorwand abgeben, um über die Juden herfallen und sie berauben zu können. So lange dann die Juden arm waren, hatten sie Ruhe» kaum aber waren sie, dank ihres Fleißes und ihrer oft staunenswerthen Sparsamkeit, wieder in guten Verhältniffen, so begannen hie Verfolgungen von Neuem. Daß der Aberglaube und der Fanatismus der unteren Volksklaffen an diesen Verfolgungen ihren Antheil hatten, wollen wir nicht in Abrede stellen; gleichwohl war das Hauptmotiv der Neid gegen die Besitzenden. Man täusche sich übrigens nicht: die aufgehetzten und begehrlich gemachten niederen Volksschichten würden gegebenenfalls vor den Häusern und Geldschränkcn der Juden nicht Halt machen, sondern sich auch der Güter der christlichen Kaufleute, Industriellen und Börsianer bemächtigen. Solches haben noch alle revolutionären Bewegungen gezeigt. Von einer anderen Art des Neides, nämlich vom Konkurrenzneid, haben wir oben schon gesprochen; hier sei nur noch so viel bemerkt, daß manche christlichen Kaufleute, Industrielle rc. ihre wirthschaftlichen Mißerfolge, welche häufig eine Folge persönlicher.Mängel oder der ungünstigen Zeitlage sind, meistens der jüdischen Konkurrenz zuschreiben, gegen welche sie dann.de» Krieg bis aufs Meffer zu führen gewillt sind. Ist doch der Mensch gar sehr geneigt, die Ursachen seiner Mißerfolge lieber außer sich als in sich selbst zu suchen. Was verschafft den Inden ihre so oft zu Tage tretende Ueberlegenhcit in wirthschaftlichen Dingen und ihren erfolgreichen Wettbewerb? Wir müffen, der Wahrheit die Ehre gebend, sagen, daß ihr größerer Unternehmungsgeist und ihre größere Geschäftsroutine in Verbindung mit anderen, schon angegebenen Bürgertugenden ihnen diese Ueberlegenheit verschaffen. Hierzu tritt noch ein Faktor, aus dem man auf antisemitischer Seite den Juden schon oft einen schweren Vorwurf machte, es ist ihre Einigkeit, ihr festes Zusammenhalten vor allem in religiösen Dingen. Abgesehen nun davon, daß bei Minoritäten das festere Zusammenhalten ganz natürlich, weil durch das Bedürfniß und die Pflicht der Selbsterhaltung hervorgerufen, ist, so ist nach unserem Dafürhalten diese Einigkeit nichts weniger als tadelnswerth, sondern sogar sehr löblich. Möchten doch auch die Christen einander so lieben und sich gegenseitig so wirksam unterstützen! Manche wirthschaftliche Existenz könnte auf diese Weise gerettet, manchem bedrängten Bürger aufgeholfen werden. Verwerflich wäre die besagte Einigkeit nur dann, wenn sie Ziele verfolgen würde, die sich mit dem Wohle des Staates oder der Gesellschaft nicht vertragen; solche Ziele würden aber zugleich den bestehenden Gesetzen zuwiderlaufen. Zum Schluffe unserer Ausführungen, bei denen uns nur das Gefühl für Menschlichkeit und der Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit geleitet haben, richten wir an unsere christlichen Mitbürger die Mahnung, den Konkurrenzkampf auf merkantilem und industriellem Gebiete stets mit solchen Waffen zu führen, welche einer gebildeten, wahrhaft christlichen, d. i. humanen, gesitteten, ideal gesinnten Nation am Ende des 19. Jahrhunderts würdig sind. Möchten unsere Mitchristen im wirthschaftlichen Jntereffenkampfe nie den Boden des Gesetzes verlaffen und der großen Errungenschaften von Jahrhunderten eingedenk sein, insbesondere der bürgerlichen und der Gewissensfreiheit! Möchten sie endlich nie vergessen, daß Ausnahmegesetze sich immer rächen, seien sie nun gegen eine religiöse oder politische Minorität gerichtet; denn sie verstoßen gegen die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, auch können dieselben heute gegen diese, morgen gegen jene Partei gebraucht werden. Hoffen wir zuversichtlich, daß die Zeit nicht mehr fern ist, von welcher der so humane und weitblickende Herder in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" sagt: Es wird eine Zeit kommen, wo man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei; denn ailch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten des Staates beitragen, woran nur eine barbarische Verfaffung ihn hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen konnte! Gin jüdischer Arzt. Kopenhagen, im Februar. or wenigen Wochen ist hier ein angesehener Arzt, Dr. Levin, gestorben, und mit ihm ist eine eigenthümliche und interessante Persönlichkeit zu Grabe getragen worden. Wie der Name schon andeutet, war er Jude, hervorgegangen aus einem israelitischen Geschlecht der guten alten Schule, das die Liebe zum nordischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.