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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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- 101 - mit Goethes Zauberlehrling ausrufen würde: „Die Geister, die ich rief, die werd' ich nun nicht los". Wer kann nach dem Vorhergehenden noch daran zweifeln, daß der Antisemitismus mit der zeitgenössischen Humanität, die keinen Unterschied der Raffe und Religion kennt und selbst den Negersklaven Nordamerikas die Menschenrechte gewährte, unvereinbar, also inhuman ist? Der Antisemitismus ist ferner unchristlich. Auch hierfür werden wir den Beweis erbringen. Bekanntlich ist das Christenthum eine Religion der Humanität; heißt doch sein oberstes Sitteugesetz: „Liebe Gott über alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst!" Aus diesem Grunde hat sich auch dasselbe als eine civilisatorische Macht ersten Ranges erwiesen. Europa, der „christliche" Erdtheil, ist der civilistrteste und zugleich der dominirende Erdtheil geworden. Wenn sich nun, wie wir vorhin dargethan haben, der Antisemitismus nicht mit der Humanität verträgt, so muß er, logisch genommen, auch mit dem Christenthum, der Religion der Humanität, im Widerspruche stehen, d. h. er muß unchristlich sein. Daß dieses der Fall ist, ergiebt sich zumal aus dem historischen Zusammenhänge zwischen Judenthui» und Christenthum. Wer könnte leugnen, daß der Ausgangspunkt und die historische Grundlage des Christenthums im Mosaismus zu suchen ist? Ist doch Christus seiner menschlichen Natur nach aus dem Judenvolk hervorgegangen lind wird deshalb in der Schrift „Sohn Davids" genannt! Maria war ein zartes „Reis aus der Wurzel Jesie". und Pilatus nennt Christus den König der Juden. Christus selbst sagte: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz (Mosis) und die Propheten aufzuheben u. s. w." So erklärte sich's auch, daß der Dekalog aus dem alten Testament ins neue, d. i. ins Christenthum herübergenommen wurde und die Grundlage des christlichen Sittengesetzes bildet.') Aus diesen Gründen haben auch die Bischöfe und Päpste selbst in den finstersten Zeiten des Mittelalters die Juden in Schutz genommen und die Judenverfolgungen mißbilligt. Als wahre Jünger des Stifters der Religion der Liebe betonten sie niehr dasjenige, was Christen und Juden vereinigt, als das sie Trennende.* 2) Im Gegensatz zu dieser wahrhaft christlichen Auffassung nähren die Antisenriten in sich und bei Ailderen die Fiktion, als seien die Juden ihrer Religion nach den Christen durchaus fremdartig und selbst christenfeindlich, wenn nicht gar etwas Schlimmeres. Herrscht angesichts dessen noch ein Zweifel darüber, daß der Antisemitismus unchristlich ist? Thatsächlich stammen auch die Motive der Antisemiten nicht aus dem Christenthum, und die Letzteren sind keineswegs immer die frömmsten Christen; ihre Motive sind vielmehr in den meisten Fällen geschäftlicher Natur; das Christenthum muß nur den Vorwand abgeben, wie ja auch in früheren Jahrhunderten im Namen des Christenthums, aber ganz gegen den Geist desselben, die ärgsten Greuel verübt wurden gegen Juden und — Christen. Man möchte im Gefühl der eigenen Schwäche die mitunter überlegene jüdische Konknrrenz beseitigen und würde sich dann ins Fäustchen lachen. Dabei verschweigt man klugerweise, daß an den vielberufenen Handelsunternehmungen und Börsengeschäften auch Christen betheiligt sind, deren Geschäftsgebaren sich von dem der betreffenden Juden in nichts unterscheidet. Im Fortgang unserer Darlegung haben wir noch den Beweis dafür zu erbringen, daß der Antisemitismus auch ungerecht ist. 1) Vgl. Dr. F. Frank: „Die Kirche und die Juden". (Regensburg bei G. I. Mauz.) 2) Nur die Unwissenheit, Rohheit und der Fanatismus des von geldgierigen Menschen aufgehetzten Pöbels waren Schuld an den Torturen der Juden. Hier liegen gleichfalls die Argumente vor Augen. Strebt doch der Antisemitismus dahin, eine ganze Klaffe von intelligenten, thätigen, betriebsamen, an der zeitgenössischen Kulturarbeit sich rege betheiligenden Bürgern ihrer wohlerworbenen staatsbürgerlichen Rechte zu berauben, sie unter Ausnahmegesetze zu stellen, sie von den öffentlichen Aemtcrn und Ehrenstellen, von manchen Berufszweigen und dem Erwerbe von Grundeigenthum auszuschließen! Der Antisemitismus kennt nicht den alten Rechtsgrundsatz: „Gleiches Recht für Alle", sowie den anderen: „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte". Er möchte die Kulturentwickeluug rückläufig machen und jüdische Parias schaffen, ist also durchaus reaktionärer Natur. Nachdem es uns gelungen sein dürfte, den Nachweis dafür zu liefern, daß der Antisemitismus sowohl unchristlich als auch inhuman und ungerecht ist, wollen wir noch einige Vorurtheile und Jrrthümer bekämpfen und berichtigen, welche hinsichtlich der Judenfrage im Schwange sind, und endlich die einschlägigen Verhältniffe des vorigen und des laufenden Jahrhunderts einander gegenüberstellen. Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hielten Viele die Juden nicht für bildungsfähig und für ungeeignet zum Ackerbau, zu Gewerben u. dgl. Man gewährte ihnen nicht den Zutritt zu den höheren Studien, zum Kriegsdienst und zu den Staatsämtern, da sie hierzu weder fähig noch würdig seien; ja, mau hielt sie stellenweise sogar für meineidig. So erklärt es sich auch, daß aufgeklärte Schriften und dramatische Werke, wie z. B. Lessings Lustspiel „Die Juden" (1749) und „Nathan der Weise" (1779), ferner Chr. W. Dohms treffliche Broschüre: „Ueber die bürgerliche Verbefferung der Juden" (1781/83) u. a., damals so große Sensation und einen so heftigen Kampf der Geister hervorriefen. Wie ganz anders denkt heutzutage die große Mehrzahl der gebildeten Christen! Und welches Bild stellt sich heutzutage unseren Augen dar? Christliche und jüdische Bürger wohnen in Stadt und Land friedlich neben einander und gehen ihren Geschäften, dem Ackerbau, Gewerbe und Handel, nach. Wenn letzterer bei den Israeliten häufig überwiegt, so liegt der Grund wohl in der Jahrhundertelangen Einschränkung derselben auf den Hausirhandel und auf Geldgeschäfte. Ursprünglich waren die Juden ein ackerbautreibendes Volk. Ihre Religion hindert die Juden nicht, den staatsbürgerlichen und sozialen Verpflichtungen nachzukommen, da sich dieselbe im Laufe der Zeit den Verhältniffen des Landes angepaßt oder akkomodirt hat. Und wenn die Juden der großen Mehrzahl nach trotz ihrer Zerstreuung und trotz des früheren Druckes — oder vielleicht wegen deffelben — an ihrem Glauben festhielten und festhalten, so gehört dies zu den ehrwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte und gereicht ihnen zu großem Ruhm. Zeigt sich doch darin ein Festhalten am Autoritätsprinzip, ein hoher Grad von Pietät und Seelenstärke oder Charakterfestigkeit! Mit dieser Anhänglichkeit an den Glauben der Väter stehen jedenfalls auch gewisse Tugenden der Juden in Verbindung die ihnen selbst ihre grimmigsten Feinde nicht absprechen können, so z. B. ihr ausgeprägter Familiensinn und ihre Kindes- und Elternliebe, ihre strenge Sabbathfeier sowie die bürgerlichen Tugenden der Mäßigkeit, Sparsamkeit und des Fleißes. Bezeichnend ist es, daß man ihnen in früherer Zeit ihre Sparsamkeit zum Vorwurf machte, da sie so wenig Geld auf den Luxus verwendeten! Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß die Zahl der gerichtlichen Verurtheilungen und die der Selbstmorde bei den Juden viel geringer ist, als bei den Christen. Wir erblicken die Ursache dieser Erscheinung in dem größeren Bildungsstreben, dem geschlosseneren Familienleben und der größeren Wohlhabenheit der mittleren und unteren Klaffen bei den Juden, wo man that-;; K

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