Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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-- 100 -- Der letztverflossene Landtag des G r o ß f ü r st e n t h u m s F i n n l a n d sprach sich für Aufhebung des Verbotes aus dem Jahre 1889 aus, dem zufolge Kinder von „mosaischen Glaubensgenossen" nach eingegangener Verehelichung das Land verlassen mußten. Der Landtag sprach sich dahin aus, daß einer Jüdin, die mit einem Juden eine Ehe eingeht. dem die Erlaubnis zum Aufenthalt im Lande ertheilt worden ist, auch dasselbe Recht zum Aufenthalt wie dem Manne ertheilt werden müffe, und mosaischen Glaubensgenossen müsse auch das Recht zugestanden werden, in gewissen für solchen Zweck ihnen von der Regierung angewiesenen Städten Synagogen zu besitzen und an diesen einen Rabbiner und nothwendige Kirchendiener anzustellen. In Veranlassung dieser Petition des finnländischen Landtages an die Regierung des Großfürstenthums hat der finnische Senat den Auftrag von Petersburg erhalten, einen Gesetzvorschlag in Betreff der Stellung der Juden in Finnland auszuarbeiten und dem Gouvernement vorzulegen. $ Die energische Haltung der Konsuln in der Frage des Einwanderungsverbotes in Palästina scheint bereits ihre Früchte zu tragen. Ein Jude aus Aden, der englischer Unterthan ist, war von der Polizei verhaftet worden und sollte ausgewiesen werden, weil er nur die Erlaubniß zu dreißigtägigem Aufenthalt erhalten hatte. Der Konsul Dickson erhob nun einen scharfen Protest, verlangte sofortige Freilassung des Verhafteten uud einen Tadel gegen die Polizei. In der That erhielt er einen Entschuldigungsbrief des Gouverneurs mit der Anzeige, daß sein Schützling unbelästigt in Palästina weilen dürfe. Es bleibt abzuwarten, wie sich die türkischen Behörden in der Zukunft benehmen werden. * Es ist nicht uninteressant, die Stellung der jüdischen Presse in den Vereinigten Staaten zu der Frage der Einverleibung der Philippinen und Kubas zu beobachten. Mit seltener Einmüthigkeit treten die jüdischen Zeitungen dafür ein, daß sowohl dke Filippinos als die Kubaner volle Freiheit und volles Selbstbestimmungsrecht erhalten sollen. Die energischsten Verfechter dieses Gedankens gehen so weit, den Annexionisten vorzuwerfen, daß die Juden sich deshalb so sehr für die Vereinigten Staaten und für den von diesen geführten Krieg begeistert haben, weil sie in demselben einen Befreiungskrieg für die Bedrückten sahen. Diese Begeisterung würde aber schwinden, wenn es sich nur darum gehandelt haben sollte, daß die Kubaner und Filippinos nur ihre Herren getauscht hätten. Mit besonderem Eifer feiern darum auch die amerikanischen Juden den Geburtstag Lincolns, des Sklavenbefreiers. Was ist vom Antisemitismus zu hatten? Von Dr. F. Reuß.i) den häßlichsten Auswüchsen unseres Jahrhunderts, das auf seine Bildung und Humanität, seine Fortschritte in Künsten und Wissenschaften, sein gehobenes Verkehrs- und Wirthschaftsleben mit Recht stolz ist, gehört unstreitig der Antisemitismus Nicht umsonst wurde derselbe von edlem Fürstenmunde* 2) „eilte Schmach des Jahrhunderts" genannt; nicht umsonst sagte die verewigte Kaiserin Augusta, daß der Antisemitismus durchaus unf Der Verfasser dieses Aufsatzes ist Nichtjude. Aus seiner Feder stammt das vortreffliche Buch über Dohm und seine Schrift über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Die Red. 2) Von Kaiser Friedrich III. I christlich, weil inhuman und intolerant sei, die Herzen verhärte und blos zu politischen Zwecken benutzt werde. Und der berühmte englische Kardinal Manning richtete einst an eine ihn beglückwünschende Deputation der angesehensten Israeliten Englands die trefflichen Worte: „Es giebt, glaube ich, drei unzerstörbare Elemente in der Geschichte: Das Volk und der Glaube Israels, die daraus entsprungene katholische Kirche und die Welt, welche beide verfolgt hat. Im britischen Reich, wo ihnen jede gerechte und ehrenvolle Bahn offen steht, sind unsere jüdischen Mitbürger loyal, friedlich und edelmüthig; sie nehmen Theil an unserer Stärke und erhöhen dieselbe. Die Menschen werden das. was ihre Regierungen aus ihnen machen n. s. w." Obwohl nun der Antisemitismus von so hohen Autoritäten und so reinen Charakteren verurtheilt oder gerichtet wurde und noch täglich wird, so erhebt er doch immer wieder kühn sein Haupt und sucht immer weitere Volkskreise in seinen Bann zu ziehen. Ja, es ist für die Verbreitung dieser sozialen Krankheit bezeichnend, daß der Antisemitismus bei Wahlen in gemeindliche und parlamentarische Körperschaften hier und dort zum Schlachtruf geworden ist, daß sich Tausende und Abertausende um sein düsteres Banner schaaren, und daß es manchenorts sogar antisemitische Fraktionen giebt. Angesichts solcher Thatsachen, welche zu dem täglich mehrenden geistigen Kapital unserer Nation sowie zu der humanen Tendenz unseres Jahrhunderts einen schreienden Kontrast bilden, mag es wohl am Platze sein, die Frage aufzuwerfen: Was ist vom Antisemitismus zu halten? Diese Frage soll von uns ganz 81116 ira et studio und durchaus objektiv an der Hand der Geschichte und eigenen Erfahrung beantwortet werden. Der Antisemitismus ist vor allein inhuman; denn er will eine ganze Klaffe von friedlichen, gebildeten Staatsbürgern, die im Vaterlande geboren und erzogen sind, und deren Ahnen und Urahnen Bürger dieses Landes waren, ihrer heiligsten Menschenrechte berauben, sie aus der Heimath verstoßen und somit unglücklich machen. Im schroffen Gegensatz zu der ganzen Richtung unserer Zeit, welche darauf hinwirkt, die Schranken niederzureißen die zwischen Raffen, Nationen, Religionen und Ständen noch bestehen,. erblickt der Antisemitismus sein Ideal in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters und möchte vielleicht jene schrecklichen Judenverfolgungen, bei deren himmelschreienden Greueln der Genius der Menschheit trauernd sein Antlitz verhüllte, erneuert sehen. Man wende uns nicht ein, der Kampf der Antisemiten sei blos gegen die Präponderanz der Juden in kapitalistischer und merkantiler Hinsicht gerichtet sowie gegen ihre Absonderung von den Christen; man wolle sie nur auf gesetzlichem (!) Wege bekämpfen. *) Denn der Antisemitismus sucht die häßlichsten Instinkte und Leidenschaften des niederen Volkes aufzurege» oder aufzustacheln, um so jene Gesinnung zu erzeugen, die in Judenhaß und Judenverfolgung gipfelt und darin ihr Endziel hat. Wird doch durch fortwährendes Hetzen der Neid der unteren Volksschichten genährt und damit zugleich deren Haß geschürt! Denn nach einem sehr zutreffenden Diktum ist der Neid ein Passives Mißvergnügen, der Haß ein aktives; von dem einen zum anderen ist demnach nur ein Schritt, wie vom Denken zum Wollen und ^vom Wollen zum Vollbringen. Die weniger gebildete Masse des Volkes zieht eben aus den aufgestellten Theorien die praktischen Folgerungen und setzt dasjenige, was die gebildeten Führer vielleicht nur andeuten oder schwach durchschimmern lassen, in die That um. Gar leicht könnte es auf solche Weise dahin kommen, daß der gemäßigter denkende Theil der Antisemitenführer 0 Bergl. „Antisemitischer Volkskalender" pro 1888, Leipzig bei Fritsch.