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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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-- 99 -—— „Gestehell wir uns bei diesen Hergängen allerseits die Wahrheit, daß in der glänzenden Entwickelung der modernen Gesellschaft der Sinn für Recht und Gesetzlichkeit der schwächste Punkt geblieben ist." So schrieb Gneist vor dreißig Jahren; es scheint nicht, daß es besser geworden ist in diesem Punkte. * Im schönen Sachsenlande, in der großen Seestadt Leipzig, ist es vor Kurzem passirt, daß ein dortiger Kriegerverein einen jüdischen Soldaten nicht aufnehmen wollte. Die ultramontane „Kölnische Volkszeitung" schreibt darüber in bemerkenswerther Weise, daß, wenn ein derartiges Prinzip einmal acceptirt würde, dann sehr bald auch die Katholiken in den überwiegenden protestantischen Landestheilen ebcufo behandelt werden würden wie die Juden. Das katholische Organ schließt seine Ausführungen mit folgenden Auseinandersetzungen: „Der Leipziger Militärverein hat einen sächsischen Reservisten nicht ausgenommen, weil er Jude sei. Die „Deutsche Tageszeitung" findet das vollkommen begründet, da die Voraussetzung echter Kameradschaftlichkeit das gleiche Religionsbekenntniß sei. Wer soll denn noch aus dem Verein hinausgethan werden, die Katholiken oder die Protestanten? Denn diese haben auch nicht das gleiche Religionsbekenntniß. Da der Leiterder „DeutschenTageszeitung" bekanntlich nichtviel von „dogmatischem Formelkram" hält, denkt er vielleicht, Katholiken und Protestanten seien wegen des „allgemeinen Christenthums" im Grunde Leute des gleichen Religionsbekenntnisses, aber Andere denken darüber anders. Religion und Politik ist statutengemäß von den Kriegervereinen ausgeschlossen, und danach sollte man sich richten." - Die Vorgänge in Galizien lenken bereits die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die Lage der dortigen Juden ist zu einer Kalamität geworden, die schleunige Abhilfe dringend erheischt. In seinem Buche „Das Elend Galiziens in Ziffern" hat M. Szczepanowski 26 Seiten der Judenfrage und dem Antisemitismus gewidmet. Wir wollen hier die markantesten Stellen wiedergeben: „Was den Antisemitismus betrifft, so ist er ein wichtiges Symptom der Rückkehr zu jener Barbarei, wie sie sich jetzt nach dem Muster Deutschlands über die ganze Welt ausdehnt, und ein Theil jener geistigen Epidemie, die von Deutschland aus über die ganze Welt ihren Weg nimmt. Unsere Nation genießt in dieser Frage eine Ausnahmestellung. Wo anders bilden die Juden lediglich einen geringen Bruchtheil der Bevölkerung, bei uns sind sie eine mächtige soziale Schicht mit einem eigenen nationalen Gepräge. Auf dem Territorium der ehemaligen polnischen Republik zählen wir jetzt 13 Millionen Polen und 4 Millionen Juden, also noch mehr, als fie jemals im selbständigen Palästina gezählt - haben. Und diese Ziffern schließen von vornherein jeden anderen Plan als den auf Berwerthung dieses zahlreichen und kräftigen Elements ,und Umwandlung desselben zu einem Theil der nationalen Macht aus. Und trotzdem besteht in dieser wie in vielen anderen Fragen bei uns eine Unklarheit, Rathlostgkeit und Verwirrung der Begriffe." (S. 113f.) „Wenn wir die Dinge genauer untersuchen, so fällt es schwer, jenes Uebergewicht des jüdischen Reichthums zu finden, von dem so oft gesprochen wird. Ein Einkommen von 9 Millionen auf 686 000 Menschen ist ein Bettelgeld. Diese Zahl beweist durchaus nicht, als ob uns die Juden durch ihre größere Produktivität und durch ein spezifisches Talent, neue Bermögensquellen zu entdecken, überlegen wären." (S. 117.) „Nach einer Richtung ist aber die ärmere jüdische Bevölkerung der wohlhabenden christlichen doch überlegen. Die Gesammtheit dieser Klasse lebt vom Tagesverdienst und von der Tagesarbeit, ihre Majorität existirt ohne ein sicheres Morgen, am Rande des Ruins und des ärgsten Elends, in die sie ein mehrwöchentlicher Berdienstentgang stürzen kann. Unter dem Druck dieser ökonomischen Lage entsteht bei den Juden ein schrecklicher Kampf ums Dasein, und er bewirkt, daß der größte Theil der Juden nicht blos zu den Arbeitenden, sondern auch zu den Sparenden gehört." (Seite 117.) „. . . . Wäre nicht unsere eigene superlative Faulheit, so würde ich in den galizischen Juden nicht Urbilder der Schlauheit und des Raffinements, sondern sehr mäßige Muster der Geschäftstätigkeit sehen. Eine kleine Sparsamkeit und nicht eine Kenntniß der produktiven Arbeit ist ihr Hauptmerkmal. Wie, eine Handel und Industrie treibende. Bevölkerung von 700 000 Seelen sollte nicht im Stande sein, jährlich sieben Millionen zu ersparen? (Sz. behauptet nämlich, daß die galizischen Juden eine solche Summe sparen.) Das soll ein Beweis von Raffinement sein? Nur im Vergleich zu unserer Unbeholfenheit kann man das so nennen. Das Schicksal von sechs Millionen Menschen, die ihr eigenes Land, ihre Landesverwaltung, alle Aemter und Würden besitzen, soll dadurch bedroht sein, daß die Juden sieben Millionen jährlich sparen!? Wenn wir es nicht mit unseren Juden, sondern mit einem wirklich schlauen, energischen und eroberungslüsternen Volk zu thun hätten, wenn wir neben oder unter uns 700 000 Schotten oder Bankers hätten, unternehmungslustige und energische Völker, sie hätten uns schon längst mit Haut und Haaren aufgegessen." (S. 119.) „Und da sollten wir, statt die Schuld in unserer Unbeholfenheit und Leichtfertigkeit zu suchen, alle menschlichen und göttlichen Gesetze mißachten? Da sollten wir statt des Evangeliums der Gerechtigkeit und Billigkeit das des Rassenhasses, der religiösen Intoleranz und der Ausbeutung annehmen, das uns die irregeführten Apostel der korrumpirten öffentlichen Meinung dieses Nachbarstaates, der einst als der gebildetste in ganz Europa galt, predigen? (S. 120.) „In einem Nebel von Visionen und Gespenstern lebend, jedes ökonomischen Wissens bar, haben wir die Juden, die wir vor uns haben, zum Sündenbock für alle unsere Mißerfolge gemacht, denn wir ahnen kaum die wirklichen, aber auch schwerer zu beseitigenden Ursachen unseres Verfalles." (S. 120.) Das schrieb Monsieur Szczepanowski vor — zehn Jahren. Seitdem haben sich die Juden in Galizien kaum geändert. Dafür änderten sich eben Andere, und gerade dieser edle Pole aus der Polakei ist gegenwärtig einer der Führer im Kampf gegen die unglücklichen galizischen Juden! Innerhalb des Centralkomitees der Alliance Israelite Universelle haben letzthin große Veränderungen stattgefunden. An Stelle der verstorbenen oder ausgeschiedenen wurden 14 neue Mitglieder ernannt. Statutenmäßig sollen diese „durch das allgemeine Votum der Mitglieder nach Stimmenmehrheit gewählt werden". Man war aber der Meinung, daß dieser Modus große Schwierigkeiten böte, und hat daher den Vorschlag acceptirt, sich durch einige hervorragende Männer zu ergänzen, „die vorgeschlagen wurden". Wir glauben nicht, daß dieses Vorgehen irgendwelche Berechtigung hat. Die zu ersetzenden Mitglieder waren die verstorbenen Joseph Derenburg, Eduard Kohn, Baron M. von Hirsch, P. M. Oppenheim und Herr S. Wolff, der sein Amt niedergelegt, in Paris ferner Dr. Bamberger, Königsberg; Israel Costa, Livorno; Sir Julian Goldsmid, London; Deutsch de Hatvan, Budapest; Salomon Fernandez, Konstantinopel; Benjamin Luria, Hamburg; Dr. Joseph Perles, München; A.-A. Daniels, Amsterdam, der abgedankt hat. Die für das Centralkomitee in Aussicht genommenen neuen Mitglieder sind: Alfred Bechmann, Bankier; Dr. Dreyfus-Brisac, Arzt; Xavier Leon, Direktor der Revue de Metaphysique; Sylvain Levi, Professor am College de France; Camille Lyon. Stadtrath in Paris; ferner Joseph Deutsch von Hatvan, Präsident des Komitees in Budapest; Jsaac Fernandez, Präsident des Komitees in Kon stantinopel; M. H. Goldschmidt, Bankier in Stuttgart; W. H. Hintichsen, Präsident des Komitees in Hamburg; Claude Montefiore, Präsident der „Anglo-Jewish-Affociation" in London; Vittorio de Rosst, Advokat in Livorno; Professor Dr. Samuel, Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Königsberg; Alexander Simon, Bankier in Hannover; Dr. Werner, Rabbiner in München. Die Bestimmung des Nachfolgers des Herrn A. Daniels in Amsterdam ist der Wahl der Generalversammlung der Mitglieder in den Niederlanden überlassen worden. Diese Wahl wird später stattfinden.

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