Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228320--55290-3291482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
l'WMPMW - 93unserer Bibel zrirückgelegt hat. Alle Metaphern haben ihre Geschichte, sie entstehen und vergehen wie andere menschliche Gebilde unb wie die Menschen selber. Dies ist eine, wie auf anderen Sprachgebieten, so auch auf dem des Hebräischen leicht zu beweisende Thatsache. Die bei den Propheten beliebte metaphorische Bezeichnung Israels als eines WeinstockeS hat bei den Späteren keine besondere Pflege gefunden, ein um so beliebteres Bild für die göttliche Lehre ist in den Schriften der Rabbiner der Wein und, da sie Mäßigkeitsapostel waren, in noch höherem Grade die Milch und das Master. Von diesen und ähnlichen Bildern wird auch heute noch jeder Prediger gern und mit Erfolg Gebrauch machen. Dagegen möchte ich Keinem rathen, an der Bahre eines Menschen zu sagen, er sei so leicht gestorben, „wie nian ein Haar aus der Milch ziehe", er würde geschmackvoller seinen Tod als einen „Kuß" schildern, obwohl der Talmud dieses gewiß poetische Bild durch das erstere, uns unappetitlich erscheinende, zu erklären keinen Anstand nimmt (Berachoth 8 a). Manche Metaphern können auch, wie manche Menschen und besonders Frauen, sich darüber beklagen, daß sie nicht verstanden werden. Sie fristen dann gleich allen Unverstandenen ein kümmerliches Dasein. Es ließe sich ein Langes und Breites darüber sagen. Doch bleiben wir beim Licht. Bereits Zunz (Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie, Seite 627) hat darauf aufmerksam gemacht, daß gewiffe Psalmstellen, welche die göttlichen Lehren ein Licht nennen, ihren Widerhall im Talmud, in den Midraschim, in Gebeten und Segenssprüchen finden. Selbst in einer heute noch üblichen, ursprünglich aus dem Mißverstände einer Abkürzung (Zunz, Zur Geschichte, Seite 309) . hervorgegangeuen Höflichkeitsphrase hebräischen Briefstils kommt das Licht zu metaphorischer Anwendung. Danach ist jeder Adrestat ein Licht, oft sogar ein großes Licht, wenn er auch durch Nichts hervorleuchtet. Man sollte glauben, daß auch den biblischen Schriftstellern nichts näher gelegen sei, als die metaphorische Verwerthung des Lichts. Giebt es doch kein Parlament, keine Volksversammlung, in welchen nicht ab und zu ein emphatischer Redner seinem an die Regierung gerichteten Verlangen nach Aufklärung über verschwundene Gelder ü. s. w. mit dem Schöpfungsruf Nachdruck verleiht: „Es werde Licht!" Die Regierungen denken allerdings nicht immer: „daß das Licht gut sei", aber trotzdem, daß dies im Pentateuch, und zwar gleich im Anfang, ausdrücklich gesagt ist, wird man in demselben das Licht als Metapher, auch wenn man sie mit Licht sucht, nicht finden. Zwar könnte man sie in den „Urim und Thummim" vermuthen, welche den Brustschild des Hohenpriesters schmückten, und zwar umsomehr, als man dieselben nach dem göttlichen „Rechtsspruch" (4. B. M. 27, 1) befragte, wobei es sich also um Licht in übertragenem Sinne handelte. Allein es ist zu bedenken, daß die „Urim und Thummim", wie aus den deu hohenpriesterlichen Ornat betreffenden Stellen hervorgeht, etwas sinnlich Greifbares waren, und in sinnenfälliger Weise, nämlich durch das Aufleuchten gewister Buchstaben der Stämmenamen, oder auf ähnliche Art, gab sich auch, der Tradition zufolge, die gesuchte Entscheidung kund. Mit größerem Recht könnte man behaupten, daß in dem Priestersegen: „Der Ewige lasse dir sein Antlitz leuchten!" eine Metapher enthalten sei. Immerhin bedient sich dieser Segensspruch des Antlitzes als eines sinnlichen Substrates, was in noch höherem Grade in der Fortsetzung geschieht: „Der Ewige wende dir sein Antlitz zu!" (4. B. M. 6, 25). Das Antlitz aber findet sowohl im biblischen, wie im nachbiblischen Hebräisch eine so vielfache Verwendung zur Bezeichnung der in demselben sich spiegelnden sinnlich wahrnehmbaren Affekte, daß man anzunehmen berechtigt ist, auch das leuchtende Antlitz sei als etwas sinnlich Wahrnehmbares vorgestellt worden. So bezeichnet das Einfüllen des Gesichts (1. B. M. 4. 5) Verdruß, das Erblassen desselben (Jes. 29, 22) Scham. Es handelt sich hier nicht um Bilder, sondern um sinnliche Vorgänge, wie denn der talmudische Ausdruck für Beschämung, „eines Menschen Antlitz weiß machen", durch deu pathologischen Vorgang des Erblasteus erklärt wird (Bab. mez. 58 b). Was daher den oben erwähnten Segensspruch betrifft, so ist in beiden Theilen eine Anthropopathie enthalten. Hiervon abgesehen, hat man sich das Leuchten des Antlitzes als einen wirklichen Vorgang, als ein freundliches Blicken oder Zunicken, ebenso wie das Einfallen und Erblasten vorgestellt, aber eine Metapher ist es noch nicht. Eine solche aber liegt in Kohel. 8, 1 vor, wenn gesagt wird: „Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht". Der Satz ist natürlich bildlich zu verstehen. Doch ist immer noch das sinnliche Substrat des Antlitzes beibehalten. Vielleicht ist auch auf die veredelte äußere Haltung abgezielt, wie man ja auch im Deutschen sagt, daß man dem Menschen seine Bildung ansieht. Aber wie es sich auch mit der Zeitfolge der biblischen Bücher verhalten mag, vom Pentateuch bis zu Koheleth ist jedenfalls ein weiter Weg, den das Licht als Metapher keineswegs mit der Geschwindigkeit des wirklichen Lichtes, sondern in abgemessenen Stationen, die sich Nachweisen lasten, zurückgelegt hat. Was den Pentateuch betrifft, so findet sich in den langen paränetischen Ausführungen des 5. Buches für die göttliche. Lehre und den ihr gemäßen Wandel allerdings die umfaffendste Metapher, die man sich denken kann, nämlich das Leben, worin also auch das Licht, wie alles, was zum Leben gehört, enthalten ist. Der Mensch kann nicht blos laut 3. B. M. 18, 5 durch die Uebung der Thoravorschriften am besten für die Verlängerung seines Lebens sorgen, sondern die Thora an sich ist das „Leben (und das Gute)" im Gegensatz zu „dem Tode (und dem Bösen)" (5. B. M. 30, 15). Die Bezeichnung der Thora als das Leben ist eine Metapher. Aber ein Licht heißt das Gotteswort im Pentateuch nirgends, obwohl das „ewige Licht" im Heiligthum ohne Zweifel ein Symbol der Lehre sein sollte (vergl. Bähr, Symbol, des mos. Kultus I, 445). Gehen wir weiter, so bietet sich in den historischen Schriften wenig Gelegenheit zu metaphorischem Ausdruck; es kann daher nicht auffallen, daß auch die Metapher des Lichts sich nicht darin findet. Dagegen treffen wir sie in reicher Fülle und, wie aus den betreffenden Stellen erkennbar ist, in stufenmäßig fortschreitender Entwickelung oder Vertiefung in den Psalmen und den Sprüchen, weniger in den Propheten, einen einzigen ausgenommen, wovon weiter die Rede sein wird. Vielfach finden sich in den Psalmen die Bitten, Gott möge sein Antlitz leuchten lassen. Man kann diese Bitten als direkte Beziehungen auf die entsprechende Formel des Priestersegens ansehen, so Ps. 80, 4, 8, 20, wo, wie bereits Ewald bemerkt hat, der betreffende Pastus als „die von der Gemeinde zu singende Hauptbitte am Ende der drei Wenden wiederkehrt". Grätz hat auch, wie mir scheint mit richtigem Blick, Vers 15 durch Einschiebung dieses „Kehrverses" ergänzt. Wir finden sonach in einem Psalm von 20 Versen nicht weniger als viermal, in regelmäßigen Abständen, die Bitte "pB "1KH „lasse Dein Antlitz leuchten"! Der Psalm ist alt, Grätz setzt ihn in das 7. Jahrhundert. Es werden noch besondere Stämme darin genannt. Es scheint also, daß man damals »och nicht über die Wendung des Priestersegens, die noch keine eigentliche Metapher ist, hinausgekommen war. Die erwähnte Formel findet sich auch Ps. 31, 17; 67, 2; 119, 135. Andererseits ist sie auch in dem späten Daniel 9, 17 gebraucht. Es ist also möglich, daß wir es hier mit einem Ausdruck zu Ihun haben, der durch den Priestersegen die feste Prägung eines Kuustausdrucks erhalten hat, und der als solcher in Gebrauch geblieben ist, wie er heute noch in Gebrauch steht, der also für das Alter der Urkunde,