Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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91 Rücksichten der Klugheit nachsetzen zu müssen glaubte, als ein strafbarer Uebermuth zur Last gelegt worden. Ich stelle es Ihnen anheim, ob Sie stch zu derselben Ansicht bekennen wollen. Ich für meinen Theil kann es nicht dulden, daß junge Männer auf ungebührliche Weise öffentlich geschmäht werden, die ich zum großen Theil kenne und schätze, deren Betragen in dieser Sache mir durchaus achtenswerth erscheint, so daß ich, wenn es der Zufall gewollt hätte, mich ihnen bereitwillig zugesellt haben würde. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie dieser Reklamation in dem Feuilleton des „Zodiacus" einen Platz gönnen wollen, ich werde darin mit Freuden einen Beweis finden, daß Sie mich ernsthaft und nicht, wie es manchen Lesern des „Zodiacus" in diesem Zusammenhänge — gewiß gegen Ihren Willen — scheinen mochte, ironischerweise Ihren Freund genannt haben. In der Hoffnung, daß sie diesen Wunsch erfüllen werden u. s. w. Dr. G. Rießer. Friedrich der Große und der rumänische Jude. Bon Henriette Hirschberg. urch einen Zufall wurde mir neulich ein nur wenig bekanntes Werk zugänglich, die „Geschichte meines Lebens" von Ludwig von Baczko (gest. 1823), herausgegeben von besten Sohn, Oberregierungsrath L. von Baczko. Königsberg, 1824. 3 Bände. Es ist an sich schon interessant, die Lebensschicksale des mit 21 Jahren erblindeten, auch sonst körperlich sehr hinfälligen, geistig aber hochbegabten Mannes zu vernehmen. Man muß staunen, wie Baczko trotz seines Gebrechens nicht aufhörte, sich i» ersprießlichster Weise der Wissenschaft zu widmen und sich unter anderem auch als Geschichtsschreiber Preußens einen Rainen gemacht hat. Ein besonderes Interesse aber gewinnt sein Buch für uns durch nachstehende Anekdote, die ich mit den Worten des Verfassers hier wiedergeben will. Wie Baczko angiebt, hat er diese Anekdote aus dem Munde seines Vaters — der, ein geborener Ungar, sich schon in seiner Heimath als Soldat auszeichnete und etwa 1743 in die Dienste Friedrichs des Großen trat — wiederholt gehört. Sie lautet: „Im Jahre 1750 wurde meinem Vater ein besonderer Auftrag zu Theil. Die preußischen Ossiziere, die nach Remonte kommandirt waren, gingen damals nur bis an den Dniestr und kauften die Pferde von Türken und Juden, die ihnen solche über den Fluß ins polnische Gebiet zuführten. General Ruesch machte dem König den Vorschlag, die Pferde aus dem türkischen Gebiet selbst durch Osfiziere aufkaufen, dieses Geschäft aber zuerst durch meinen Vater, weil dieser bosnisch und walachisch (rumänisch) spräche, und durch den Leutnant von Mirow, der während eines langen Aufenthalts in Konstantinopel die türkische Sprache erlernt hatte, versuchen zu lassen. Es wurde ihnen aufgetragen, 550 Pferde, nicht blos für ihr Regiment, sondern auch für andere Husarenregimenter, zu kaufen. Der Pascha von Chotschin war mit dem Namen „Preußen" noch so unbekannt, daß er die beiden Osfiziere fragte, „ob dieses ebenso viel als „Brandenburger" wäre". Und als sie dies bejaht hatten, fügte er hinzu, er habe gehört, daß ihr König die „Deutschen" geschlagen hätte. Er gab ihnen einen Paß und zwei Janitscharen zu Begleitern bei ihrer Reise. Mein Vater und Mirow trennten sich; der Erflere durchreiste die Moldau, Walachei und Bessarabien. Mein Vater befand sich zu Boteschany, als ein Bojar, Namens Alistar, mit einem beträchtlichen Trupp Arnauten zu ihm kam und nicht nur für die gekauften Pferde, die er bei sich halte, sondern auch von allen, die bereits über die Grenze gesandt waren, den «Sakarit", eine Abgabe, forderte, die der Fürst der Moldau, wenn der erste Schnee gefallen war, und man folglich den Heerden an den Fußstapfen nachspüren konnte, durch besondere Abgeordnete für Pferde und Rindvieh einziehen ließ. Mein Vater erklärte, daß dies eine Abgabe für die Eingeborenen, er aber als ein Kaufmann zu betrachten wäre, der bei der Ausfuhr seinen Zoll entrichte. Alistar nahm darauf keine Rücksicht, sondern befahl seinen Arnauten, sich der von meinem Vater gekauften Pferde zu bemächtigen. Sich der Gewalt zu widersetze», fand mein Vater bedenklich, und der Janitschar, den ihm der Pascha von Chotschin mitgegeben hatte, erklärte, das; er hier den Bojaren nicht hindern könne, weil dieser nur eine dem Fürsten gebührende Abgabe fordere. Diese Forderung war beträchtlich; mein Vater zauderte daher, nachzugeben. Da trat ein reicher Jude, Namens Märkel, in das Zimmer, bezeugte seine Theilnahme und erklärte, daß nur eine Reise zu dem Fürsten nach Jassy helfen könne. Zugleich erbot er sich, meinen Vater, der es sich durchaus nicht merken lassen sollte, daß er die walachische (rumänische) Sprache verstände, als Dolmetscher zu begleiten. Märkel führte ihn in Jassy zuerst zu dem Günstling des Fürsten, einem ehemaligen französischen Hauptmann, der aus Konstantinopel mit nach Jassy gekommen war. Sie wurden von diesem kalt empfangen; dennoch bewirkte er ihnen am folgenden Tage Gehör beim Fürsten. Sie warteten eine Zeit lang im Vorzimmer, worin sich keine anderen Möbel als einige schlechte, aber bunt angestrichene hölzerne Kasten befanden, welche den Klienten, wenn diese inüde wurden, zum Sitzen dienten. Zwei Thürsteher standen vor den Flügelthüren, die zu den Gemächern des Fürsten führten, horchten zuweilen daran und gaben endlich den Anwesenden ein Zeichen, daß der Fürst käme. Beide Flügelthüren wurden aufgerissen, mein Vater näherte sich, und Märkel nahm das Wort. „Ich", sagte er, „und mehrere Deiner Unterthanen besuchen das Land des Königs von Preußen, für welches dieser Osfizier Pferde kauft. Wir bringen »ach Breslau und Frankfurt Vieh, Saffian, baumwollenes gefärbtes Garn, rohe Baumwolle und Seide, Teppiche, Datteln und ähnliche Früchte. Wir bringen dafür größtentheils baares Geld zurück oder Maaren, die Dir und Deinem Lande nützlich sind. Wir zahlen dort nur die Abgaben des Kaufmanns, nicht die des Unterthans. Von diesem Offizier aber, der für eine Menge von Dukaten Pferde gekauft und davon beträchtlichen Zoll entrichtet hat, fordert Alistar den Sakarit, den doch nicht Kaufleute, sondern nur Deine Unterthanen zahlen. Er hat ihm, da er solchen nicht gleich erlegte, (die Pferde weggenommen. Ich bitte Dich, ihm diese wiedergeben zu lassen, denn sonst werden Deine Unterthanen auch im preußischen Staat höhere Abgaben erlegen müssen, und diese Preußen werden künftig ihre Pferde nicht mehr aus der Moldau, sondern von den Tataren kaufen." Der Fürst fand diese Vorstellung so begründet, daß er sofort meinem Vater einen Befehl an Alistar ausfertigen ließ, wodurch dieser die Pferde znrückzugeben verpflichtet wurde. Nach der Rückkehr war mein Vater in Verlegenheit, wie er dem braven Märkel diesen Dienst lohnen solle. Osten sagte er ihm: er könne das Opfer, welches er ihm durch diese Reise und die Versäumniß ait seinen Geschäften gebracht habe, nicht schätzen, bäte ihn daher, selbst zu bestimmen, was er ihm schuldig sei. „Nichts," sagte Märkel. „Ich war Ihrem König diesen Beweis der Dankbarkeit schuldig. Denn vor einigen Jahren ließ ich eine beträchtliche Heerde -Ochsen nach Schlesien treiben; ein Gutsbesitzer, von dem ich erfuhr, daß er ein wohlhabender Man» sei, erbot sich, sie mir insgesammt abzukaufen, wenn ich, der ich zur Messe nach Frankfurt reiste, ihm bis zu meiner Rückkehr Kredit geben wollte.