Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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89 ...(J #WBmn „Gewaltiger Gott, laß meine Gestalt verschwinden, aber mein Herz, meine Empfindung tilge nicht aus, und trenne mich nicht von denen, denen ich aus meinem Herzen das Dasein gegeben habe. Wenigstens unsichtbar will ich um sie sein, damit ich jeden Hall des Schmerzes und der Freude mit ihnen fühle, mit ihnen theile. „Und was würde es Dir helfen," sprach der Gott, „wenn Du ihr Elend unsichtbar mit ihnen fühltest und ihnen nicht beistehen könntest, ihnen auf keine Art sichtbar würdest, denn das Letztere versagt Dir der unwiderrufliche Spruch des Schicksals?" „So laß mich ihnen nur antworten dürfen, unsichtbar nur die Laute ihres Herzens wiederholen, und ich bin getröstet." Jupiter berührte sie sanft, und sie verschwand. Sie ward zur gestaltlosen, allverbreiteten Echo. Wo eine Stimme ihres Kindes tönt, tönt das Herz der Mutter »ach. Sie spricht aus jedem Geschöpf, aus jedem Wesen den Laut des Schmerzes und der Freude mit dem Gleichlaut einer harmonischen Saite. Auch der harte Fels wird von ihr durchdrungen. „Wie oft hast du mich, zärtliche Mutter, du scheue Bewohnerin der Einsainkeit und der stummen Haine, mehr mit ihnen erquickt als in dem öden Kreise tonloser Menschenherzen und Menschenseelen. Mit sanftem Mitleid giebst du mir meine Seufzer zurück; so verlassen und unverstanden -ich sein mag, fühle ich doch aus jedem deiner gebrochenen Töne, daß eine alles durchdringende, alles vereinende Mutter mich erkennt und mich hört." So erzählt Mütterchen mit ihrer weichen, liebewarmen Stimme, und an ihrer Hand führt sie uns in das Reich der Phantasie und läßt Gestalten an uns vorüberziehen, die in ihrer Größe, Einfachheit und Erhabenheit, in ihrer Lieblichkeit und Milde wie ein sanftes Echo aus fernen, fernen Welten an unser Ohr klingen und vor unserer Seele Bilder der Vergangenheit erstehen lasten, die mit ihrem Glanz und mit der Fülle theurer Erinnerungen Licht und Freude verbreiten und Liebe und Innigkeit in unserem Herzen erglühen lassen für das, was einst gewesen. Frauen, gleich Echo, ziehen an uns vorüber. Rahel, die Stammmutter unseres Volkes, die in unendlicher Liebe und Erbarmen für ihre Kinder Gott anfleht, die keine Ruhe findet im Grabe, die in der Vergeffenheit nicht die Ihrigen vergißt, die nichts anderes vom Ewigen erfleht, als um ihre Geliebten sein zu dürfen, sie zu stützen, mit ihnen Freude zu empfinden. Da ist Hannah, die ihr höchstes Kleinod, das sie bang von Gott erfleht, ihm wieder zu eigen giebt. Da sind Viele, die sich durch edle Tugenden und leuchtende Eigenschaften des Herzens und Geistes auszeichnen; vertraute Namen klingen an unser Ohr. Mütterchen zählt sie alle auf, bis sie endlich bei der lieblichen Esther angelangt ist, die sie heute zum Gegenstand ihrer Dämmerstündchen-Plauderei gewählt. Purim ist's. Festlicher Glanz umstrahlt unser einfaches Stübchen. Die ersten Märzveilchen duften im Glase, und auf dem sauber gedeckten Tisch stehen Süßigkeiten und Früchte aller Art. Wir sind vom Abendgottesdienste heimgekehrt und haben die Megillah gehört. Die einfache, sagenhafte Begebenheit ist uns von Neuem in unser Gedächtniß zurückgerufen worden und steht klar vor unserer Seele. Die schlichte Tochter des verachteten Volkes bezaubert in ihrer Lieblichkeit den mächtigen König. Er erhebt sie zu seiner Gemahlin. Im Glanz und Glück vergißt sie nicht ihrer Herkunft, sondern bietet alles auf, um ihre gedrückten Brüder zu befreien und ihnen zu helfen. Und wie gelingt es ihr! Ihre Klugheit, Anmuth und Bescheidenheit siegen. Frei werden die Gedrückten. Aus Kummer und Schmerzen leuchtet die Flamme des Friedens und des Glückes enipor. Bis zum heutigen Tage klingt das Echo ihrer That an unser Ohr, und zu ihrer Ehre feiern wir das Fest. Gesegnet ist ihr Andenken, und ihr Vorbild leuchtet noch nach Jahrtausenden herrlich, unvergänglich uns entgegen. Freude und Frohsinn ziehen mit ihrem Gedenken ins Haus. Wir wollen einander Liebes erweisen gleich ihr und inniger und fester uns an einander klammern, um in Lust und Leid festzustehen, einig mit den Unseren, so wie sie es einst gethan. Duft und Poesie umschweben ihren Namen, umschweben dieses Fest. Es gleicht dem Vorfrühling, der mit warmen, leuchtenden Sonnenstrahlen und frischem Erdgeruch das Erwachen der Natur, die endliche Befreiung den harrenden, hoffenden Menschenkindern kündet. Im Vorfrühling stehen wir noch heute. Des Winters Oede und Nacht, die starrend eisige Hülle der Vorurtheile und der geistigen und leiblichen Knechtschaft sind von uns genommen. Und dennoch können wir uns nicht voll und ganz einer echten Lenzstimmung hingeben. Vorfrühling ist's, der trotz siegender Sonnenstrahlen, trotz warmer, feuchter Luft, trotz Knospenschwellen und Blühen Stürme bringt, Schneeschauer und Rauhreif. Wie oft jagen die entfesselten Elemente über uns hin, treffen uns jäh und reißen uns zu Boden! Wie oft legt sich Eiseskälte um unser Denken und Empfinden! Wir kämpfen und ringen mit den feindlichen Gewalten wie der Vorfrühling mit dem harten, starren Winter. Ihm ist der Sieg gewiß, die Gesetze der Natur sind ehern; sie wüsten sich erfüllen. Wann unser Frühling anbricht — wer könnte das sagen? Wir sind im Kampfe, und in diesen Stürmen, die wir, befreit und doch in tausend Fesseln schmachtend, kämpfen, tönen uns des Echos süße Klänge tröstend und ermuthigend ins Ohr. Die Lichtgestalten aus unseres Volkes leidensvoller Vergangenheit steigen auf und ermuthigen uns, ihnen nachzueifern, ihrer werth zu werden, sie und ihr Wirken anzuerkennen und uns zum Vorbild zu nehmen. Esther ist keine Heldin, die mit dem Schwert in der Hand ihre Feinde bezwingt. Ihre Schönheit, verbunden mit den edelsten Eigenschaften des Herzens und des Geistes, geben ihr die Kraft, auf das Gemüth des Königs, auf das wilde und rohe Volk versöhnend zu wirken. Sie zeigt uns, daß es jedem Einzelnen möglich ist, so zu handeln, wie sie es gethan, wenn auch der Einfluß des Einzelne» nicht so mächtig wirken kann, nicht so große Folgen haben dürfte, wie es bei ihr gewesen. Und dennoch verkörpert sie in ihrem Thun das ganze Volk, das in sich gefestigt dasteht, erfüllt von heiligem Glauben an den Ewigen und mit innigem Zutrauen auf seine Macht und Hilfe. Wohl schwach nach außen hin, aber stark im Wollen. Denken und Handeln. Wenn das Echo ihres Thuns am heutigen Festtage zu uns herüberklingt und uns ihre Lichtgestalt mit all ihrem unvergänglichen Reiz, mit ihrer Würde und Anmuth vor die Seele zaubert, so sollen wir an ihr lernen, daß es nicht erhabener und großer Thaten bedarf, um zu retten, zu befreien und zu helfen, sondern daß ein edler, fester, gerader Sinn siegen kann, daß durch die Charakterstärke und durch den Adel der Seele man Vorurtheile bezwingt und siegt, ohne das Schwert oder die Gewalt zu gebrauchen. Mögen diese Worte ein Echo finden in allen Herzen, besonders in den Herzen jüdischer Frauen und Mädchen! Möge ihnen Esther ein Vorbild sein, daß die Gaben, die Gott Jedem verliehen, zu rechter Zeit angewandt, in edlem Sinn gebraucht, Gutes schaffen und wirken. Wohl können wir nicht Herrscher bezwingen, doch in unserem Thun und Lasten, in unserem Benehmen, in unserem Denken und Handeln können wir uns gleich ihr jede Achtung erringen, die nothwendig ist, um gleichberechtigt mit Allen dazustehen und geistige Freiheit zu genießen. t; I