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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-24 · Heft 8 (24.2.1899) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 8 (24.2.1899)
Date
1899-02-24
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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wmrnpmmmmm 88 Srief aus Oesterreich. Februar 1899. s ist recht still geworden auf unserem politischen Jahrmarkt. Das Parlament wurde vertagt. Zum Schluffe, um ihn besonders feierlich zu gestalten, prügelte noch unser Patentgermane Wolf — in den Stunden, in welchen er sich nicht prügelt und nicht Bier trinkt, ist er Schriftleiter der „Ostdeutschen Schund — um Verzeihung Rundschau" — ein paar Journalisten durch, weil Einer von ihnen — Penizek heißt der Wackere — aus der Journalisteuloge des Abgeordnetenhauses hervor eine etwas zu laute Beifallsbemerkuug gemacht hatte. Ob dies den Gesetzen der Redefreiheit entspricht, darüber wollen wir nicht rechten. Auf alle Fälle haben die Journalisten zu hören, zu sehen und zu — schreiben und keine lauten Beifalls- oder Mißfallsbezeigungen zu äußern. Nun ist aber die Frage auch gestattet, ob das Parlament der Boden ist, wo entgegengesetzte Anschauungen mit der Faust entschieden werden, wie in der Kneipe. Die Angelegenheit wird aber klarer gemacht dadurch, daß besagter Penizek. dem Namen nach ein Sohn des edlen Tschechenvolkes, ein Jude sein soll. Das erklärt allerdings vieles. Vor allem, daß man den wohlklingendsten tschechischen Namen führen kann und doch Jude bleibt. Der Jude aber wirkt auf gewisse Schriftleiter von ostdeutschen und anderen teutschen Rund- und Schundschauen wie ein rothes Tuch auf gewisse Thiere, welche schon die alten Aegypter verehrten. Im Uebrigen hat sich bei jener feierlichen Prügelei der tschechische Jude oder jüdische Tscheche Penizek sehr gut aus der Affäre gezogen. Während der Nachkomme des Arminius, der Herr Wolf aus Reichenberg, dreinhaute, dabei aber selbst sehr wohlthätige Püffe erhielt, während sein Augenkneifer den Weg alles Glückes und Glases ging, schlich sich Penizek davon, entschieden das Beste, was er thun konnte; dies wagen wir zu behaupten auf die Gefahr hin, für feige Juden gehalten zu werden; wir aber glauben, auch Judas Makkabäus hätte sich mit Wolf nicht geprügelt, und der hat es doch mit Antiochus Epiphanes zu thun gehabt. So endete unser Parlament. Wann es wieder anfängt? Der Herrgott weiß es, vielleicht auch Graf Thun. Die Völker Oesterreichs lassen sich aber darüber keine grauen Zöpfe wachsen, so viele Zöpfe es in unserem Vaterlande auch sonst geben mag. Für die der Verdauung so zuträgliche Erheiterung sorgen inzwischen die antisemitischen Stadtväter von Wien, insonderheit der Pfaidler Gregorig. Der Mann ist Wäscheverkäufer unt> Sittenprediger, besitzt einige gut bezahlte Mandate, und in seinen Mußestunden besucht er Maskenbälle, — besonders die beim Wimberger sind sehr beliebt —, und amüsirt sich hier in seiner Weise. Nun mag ja auch ein Wiener Eeweinderath Maskenbälle, selbst die beim Wimberger, besuchen, nur datf er nicht wässerige Moral predigen und dann in eliambres separves allerlei Scherze nicht ganz moralischer Natur mit „Sodawaffer", bei Ihnen heißt es Selters, vornehmen. Das „Sodawaffer beim Wimberger" wird noch lange ein leuchtender Beleg sein für die Sitten der Väter unserer so fromm gewordenen Reichshauptstadt und Residenz Wien. Komisch klingt es, wenn es noch Leute giebt, welche für die Moral auf den Wiener Maskenbällen schwärmen und für diese eine Lanze einlegen wollen. Wir haben da auch ein Stück Erfahrung gesammelt. Wer einen Wiener Maskenball besucht, laffe die Moral draußen, wie Dante am Thor der Hölle die Hoffnung. Moral und Maskenball sind ganz kontradiktorische Begriffe. Und der Sittenprediger Gregorig, der in ebLmbres separöes Orgien feiert, will die Moral verkünden und glaubt uns Juden beschimpfen zu können. Wahrlich, vor derartigen Wimberger-Hamans müssen wir uns nicht fürchten, die Zeit mit ihrem lautschallenden Hohngelächter geht über sie hinweg und schleudert sie in den Schmutz, von dem sie entnommen. Es scheint übrigens, daß wir Juden in Oesterreich uns wirklich nicht fürchten, denn wir schlafen sehr fest. Die Ruhe des Friedhofes herrscht in unserem Judenthum. Wir gehen weiter die alten ausgetretenen Pfade. Wir ergötzen uns an den Konzertstücken, welche unsere Kantoren — paräon Ober-Kantoren — im „Gottesdienste" aufführen, und das trägt doch wesentlich zur Erhaltung des Judenthums bei. Daß freilich die große Menge der hier und da die Synagogen Besuchenden nicht weiß, was da so lieblich schön gesungen wird, was kümmert das die Konzertgeber? Genug, es wird schön gesungen. — Wir fürchten aber, alle diese schönen Lieder, alle diese Konzerte und wohlgefügten Hochämter werden nicht im Stande sein, das Judenthum wahrhaft zu erwecken; sie scheinen uns vielmehr Grabgesänge zu sein, welche das Ende verkünden. Es fehlt dem Judenthum der große, gewaltige Zug, welcher es emporrüttelt und ihm die wahrhaft erhabene Stellung vor Augen führt, die es in diesen so düsteren Zeiten einzunehmen hat. Die schönsten synagogalen Melodien können uns den immer fühlbarer werdenden Mangel einer festen Organisation nicht ersetzen. Was soll unsere Jugend insbesondere ans Judenthum fesseln? Unsere Rabbiner schweigen, manchmal lesen sie im Talmud, wenn sie es vermögen, hier und da Predigen sie, indem sie mit Bibel- und Talmudworten Eiertänze aufführen, aber die große Aufgabe, die Jugend für das Judenthum zu interessiren, verkennen sie. Die Gemeinden haben mit ihren Steuerangelegenheiten, Schlachtungsfragen, Friedhofsgeschichte», Vorbeter- und Schammesstreitigkeiten weidlich zu thun. Die große, die größte Frage des Judenthums, der Unterricht, er kommt sehr schlecht weg. Schule und Gotteshaus — sie haben in unserer Zeit, wie wir glauben, dieselbe Aufgabe zu erfüllen: sie seien vorwiegend darauf gerichtet, die geradezu unglaubliche Unwissenheit zu bannen, welche in Bezug auf die Bedeutung und die große Aufgabe des Judenthums besonders bei der Jugend und den Frauen herrscht. Volksthümliche, allgemein verständliche Belehrung thut da noth. Da heißt es aber vor allem mit dem alten Mißbrauch brechen, der mit dem so viel geplagten Judenthum getrieben wird. Heuchlerische Wortklauberei, verlorener Ceremonienkult, dann wieder ganz unjüdische Nachäfferei fremder Einrichtungen bringen das Judenthum auf den Weg sicheren Verderbens. Gregorig schadet uns nicht so viel wie die Verbohrtheit nicht abzuschaffender Mißbräuche. Schafft endlich weg den alten Schutt! Wir nennen uns so gern Moderne. Seien wir es in dem Sinne, daß wir die Forderungen einer neuen Zeit erkennen, den Flügelschlag neuer Ideen erfassen, und aus den Trümmern wird sich glänzend erheben das neue Gebäude. bvri. r-ZM Gchs. Eine Purimbetrachtung. Von Jda Oppenheim. ermania, die Tochter der Liebe, war eine thätige Mitgehilfin Jupiters bei seiner Schöpfung. Mütterlich gab sie aus ihrem Herzen jedem werdenden Wesen einen Ton» einen Klang, der sein Inneres durchdringt, sein ganzes Dasein zusammenhält und es mit allen Wesen verschwistert und vereint. Endlich hatte sie sich erschöpft, die gute Mutter, und weil sie ihrer Geburt nach nur halb eine Unsterbliche war, sollte sie jetzt von ihren Kindern scheiden. — Wie nahe ging ihr der Abschied! Bittend fiel sie vor dem Throne Jupiters nieder und sprach:

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