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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-24 · Heft 8 (24.2.1899) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 8 (24.2.1899)
Date
1899-02-24
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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^.umwvjhu mm "ujwni -- 87 -- Blut gegen die Sozialdemokratie vvrgehen, die zu derartigen Hetzreden es doch noch nicht gebracht hat! Ich frage daher den Herrn Minister: Ist ihm diese Thatsache bekannt, und was hat er veranlaßt, um diesen Amtsvorsteher zur Raison zu bringen? (Bravo links.) Der Minister des Inneren, Früh. v. d. Recke, erwiederte hierauf Folgendes: Wenn Herr Abg. Rickert meine Aufmerksamkeit ans einen Bortrag über das Judenthum gelenkt hat, den ein Amtsvorsteher in Schlesien gehalten haben soll, so muß ich erklären, daß dieser Borgang mir bisher unbekannt war; ich bin nicht in der Lage, mir darüber ein Urtheil zu bilden, ob ein Beamter hier gefehlt hat. Es wird mir von einer Seite gesagt, der betreffende Herr sei überhaupt nicht mehr Amtsvorsteher. Ich werde aber Anlaß nehmen, der Sache näher zu treten und eventuell das Geeignete veranlassen. Auch in der Sitzung voni 17. d. M. brachte der Abg. Kopsch die seltsame Geschichte noch einmal zur Sprache. * In der vorigen Woche waren hier die Agrarier zu ihrer großen alljährlichen Demonstration, „Generalversammlung des Bundes der Landwirthe" genannt, versammelt. Daß dabei auch der Juden nicht sehr liebevoll gedacht werden würde, war zu erwarten. Sind doch alle die Herren daran gewöhnt, wenn ihnen die Gedanken zum Reden fehlen, sich durch einige Schimpfereien auf die Juden aus der Verlegenheit zu helfen. Daß sie bei allen dem „Bunde der Landwirthe" feindlichen Organisationen, z. B. dein „Schutzverband gegen agrarische Uebergriffe" und dem Bauernverein „Nordost", jüdische Hintermänner voraussetzten, ist ja selbstverständlich, ebenso, daß Abgeordneter Dr.. Hahn zum Kampf gegen „Großkapital und Großjudenthum" aufforderte. Bemerkenswerth ist aber, daß die reinen Antisemiten, wie Herr Liebermann von Sonnenberg, der sonst auf den Bundesversammlungen immer das große Wort führte, diesmal gar nicht zur Geltung gelangten. Allein man muß konstatiren, daß der Antisemitismus schon so mit dem Bunde der Landwirthe verwachsen ist, daß er keiner besonderen Partei bedarf. Reine Antisemiten und Bund der Landwirthe spinnen in der „Judenfrage" denselben Faden und dieselbe Nummer. * Wie unangenehm den Antisemiten der Nachweis ist, daß die Juden auch als Bauern sich bewähren, kann man an ihrem Verhalten gegenüber der Ausstellung der Produkte der jüdischen Bauern und Handwerker, die zur Zeit in Frankfurt stattfindet, sehen. Sie gaben die Parole aus, die dort vorgeführten Produkte so schlecht zu machen als nur niöglich. In der Voraussicht, daß dies nichts helfen wird, weil die Qualität der ausgestellten Maaren wirklich eine gute ist, sricht man sich jetzt damit auszureden, daß die vorgeführten Produkte gar nicht von Juden erzeugt seien, denn „der Ackerbau sei ja nlin einmal nicht nach der Juden Geschmack". Zugleich weisen die Antisemiten auf die Bettelbrief-Industrie in Tiberias und anderen Städten hin, die die eigentliche Erwerbsquelle der Juden des heiligen Landes sei. Mau kann daraus leicht ersehen, wie peinlich es ihnen ist, wenn sie wieder einmal den Juden Unlust zum Ackerbau vorwcrsen, durch den Hinweis auf die Erfolge der jüdischen Bauern im heiligen Lande abgeführt zu werden. In diesem Sinne arbeiten unsere Brüder in den jüdischen Kolonien Palästinas und anderer Länder für uns alle mit, weil sie zur Ehre des Judeuthums beitragen. * Der Tod des Präsidenten der französischen Republik ruft natürlich mancherlei Erinnerungen wach. Früher war Felix Faure ein großer Judenfreund. In den letzten Jahren hat er sich bekehrt. Er hat die Revision des Dreyfus-Prozesses so viel wie möglich zll verhindern gesucht und auch sonst stand er den Angriffen auf die Juden in Frankreich ziemlich kühl gegenüber. Er war eben Opportunitätspolitiker. Ob sein Nachfolger Loubet andere Wege einschlagen wird, läßt sich noch nicht voraussehen. Man sagt, er sei ein Freund der Revision. Offen ausgesprochen hat er sich darüber noch nicht. Jndeß wie Felix Faure als heimlicher Gegner der Revision diese doch zulassen mußte, nachdem sie sich unter dem Ministerium Brisson im vergangenen Herbst als unabweisbar herausgestellt, so auch wird Loubet trotz seiner angeblich revisionsfreundlichen Gesinnung sich in keiner Weise dem Urtheil des Kassationshofes entgegenstemmen, falls dasselbe im Sinne der Revisionsgegner ausfallen sollte. Sehr ergötzlich ist, daß einer von den Prätendenten, die jetzt ihre Zeit für gekommen hielten, um auf die Gunst der Menge zu spekuliren, mit einem antisemitischen Programm debutirte — nämlich der wackere Herzog von Orleans. In seinem Manifest sagt er, er sei allerdings den Verfolgungen der Raffen und Religionskriege» abgeneigt, aber, fährt er dann fort, es giebt eine Judenfrage. „Es wäre kindlich, es zu leugnen: ihre Ursachen rühren von dem Tage her, wo das immobile Vermögen in phantastischen Proportionen durch das mobile Vermögen übertroffen wurde. Wer konnte von diesem Zustand der Dinge profitiren, wenn nicht Diejenigen, die unseren Boden nicht lieben?" Es wirkt einigermaßen komisch, wenn man diesen Sprößling des Hauses Orleans über das Anwachsen des mobilen Vermögens klagen hört, während seine Familie bisher immer nur darauf bedacht gewesen ist, mit allen Mitteln ein solches Vermögen zusammenzuraffen. * Erfreulicherweisesinddiesmalzwei russische Senatsentscheidungen zu verzeichnen, die den Juden günstig lauten. Freilich sind beide zu Gunsten derjenigen privilegirten Juden, die in ganz Rußland wohnen dürfen. In dem ersten Falle war einem Reservisten jüdischen Glaubens, der seine Dienstzeit noch unter dem alten Regime beendet hatte, also 25 Jahr im aktiven Dienst gewesen war, die Erlaubniß verweigert worden, in dem Territorium der Don'schen Kosacken sich niederzulassen. Der Senat entschied jedoch, daß alle privilegirten Juden, die in ganz Rußland wohnen dürfen, also Reservisten alten Stiles, Kaufleute erster Gilde, Aerzte k., auch int Territorium der Don'schen Kosacken das Wohnrecht haben. Der zweite Fall lag folgendermaßen. Die Maigesetze, nach denen die Juden nicht in Dörfern wohnen dürfen, finden gesetzmäßig ihre Anwendung nur auf die Gouvernements des Ansiedelungsrayons, dagegen nicht auf die inneren Gouvernements, .in denen überhaupt nur die privilegirten Juden wohnen dürfen. Nach der üblichen Auslegung der Gouverneure soll aber auch in diesen Provinzen selbst den wohnberechtigten Juden verboten sein, ihren Aufenthalt in den Dörfern zu nehmen. Ein Kaufmann erster Gilde, den die Behörden des Gouvernements Samara verhinderten, in einem Dorfe sich anzukaufen, appellirte an den Senat und erhielt ein günstiges Urtheil. Schlechten Erfolg hatten dagegen 50 junge jüdische Leute, lauter ausgediente Soldaten, die, weil sie in ihrem Geburtsort Kauschany, Gouvernement Beßarabien, keine Arbeit finden konnten, an die Regierung petitionirten um die Erlaubniß, sich auzukaufen und eine landwirthschaftliche Kolonie zu errichten. Auf die Petition ist gar keine Antwort ertheilt worden.

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