Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228320--55283-3291475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 86 - unter den gebildeten konservativen Rabbinern Deutschlands einen Mann zu finden, der allen Anforderungen entspricht, die eine Gemeinde wie die Berliner zu stellen berechtigt ist. Die Abneigung der angesehenen konservativen Rabbiner, hierher zu kommen, entsprang ja einzig und allein aus der Unsicherheit der Verhältnisse und aus der Unklarheit über ihren zukünftigen Wirkungskreis. Ist dieser aber einmal fest umgrenzt, so wird sich unzweifelhaft bald auch der rechte Mann finden. Dieser darf allerdings kein Fanatiker, noch auch ein Vertreter jener starren Orthodoxie sein, die keine andere Richtung innerhalb des Judenthums als gleichberechtigt neben der ihren duldet, er muß vielmehr auf dem Boden der religiösen Anschauungen stehen, die ein Michael Sachs s. A. seinerzeit hier vertreten hat. Was nun die Wahl eines sogenannten liberalen Rabbiners betrifft, eine Frage, die unter den augenblicklichen Verhältniffen ebenfalls akut geworden ist, so kann eine solche nicht schwer werden, wenn man keine übertriebenen Anforderungen stellt, sondern die tatsächlichen Verhältnisse beriicksichtigt, und wenn man vor allem von dem veralteten Modus der Probepredigten abzulassen sich entschließt. Die Gemeinden stehen sich, wie wir schon oft hervorgehoben haben, selbst im Lichte, wen» sie jenen thörichten Modus beibehalten, bei dem gar oft der rechte und geeignete Mann nicht unter den Bewerbern ist, sondern an einem kleinen Ort, etwa wie König Saul „bei den Waffen seiner Gelehrsamkeit" sich verborgen hält und sich zum Wahlkampf nicht hervordrängt, aber, wenn man ihn hervorholte, sich wieder wie jener König erweisen würde, „um einen ganzen Kopf hervorragend über alles Volk". Wir wünschen lebhaft, daß diese Mahnungen im Jnterefie des Rufes und der Bedeutung unserer Gemeinde Berücksichtigung fänden. Berlin hat nicht blos eine der größten jüdischen Gemeinden an Kopfzahl, Intelligenz, Reichthum und sozialer Stellung, sondern es ist auch seit einem Jahrhundert führend und tonangebend für das deutsche Jndenthum geworden. Dieser Aufgabe muffen sich Alle bewußt bleiben, die unsere religiösen und Gemeindeangelegenheiten leiten. An der Art und Weise, wie die sehr wichtige Rabbinerfrage gelöst werden wird, wird es sich zeigen, ob unsere leitenden Kreise die historische Stellung der Berliner Gemeinde gewürdigt und die sozialen Aufgaben der Gegenwart richtig ersaßt haben. Im Interesse unserer Gemeinde wollen wir dies hoffen. Die Mache. Berlin, 22. Februar. f er kuriose Erlaß des Grafen Piickler in Klein-Tschirne, von dem wir schon vor einigen Wochen erzählt haben, gab in der letzten Woche im Abgeordnetenhause wiederholt Anlaß zur Erörterung. Wiederum war es der Abgeordnete Rickert, der den Fall zur Sprache brachte. Nach dem stenographischen Protokoll — die Tagesblätter haben die Sache nur sehr kurz berührt — lautete dessen Rede folgendermaßen: Ich will hier eine Sache zur Sprache bringen, die kürzlich geschehen ist in Klein-Tschirne, wo der Herr Graf Pückler — und man sagt mir, daß dieser Herr Amtsvorsteher und zur Zeit noch im Amt sei — einen Vortrag in dem Gasthof gehalten hat, der auch im Druck vervielfältigt ist. Ich habe mir erlaubt, den Herren ein Exemplar zu überreichen; ich habe es erst den letzten Tag bekommen und war daher nicht in der Lage, es früher zu thun. Sonst hätte ich dem Herrn Minister des Inneren ein Exemplar vorgelegt, weil ich es nicht liebe, den Herrn Minister mit Mittheilungen zu überraschen, von denen er ev. keine Kenntniß hat. In diesem Bortrage des Herrn Grafen Pückler, der, wie gesagt. Amtsvorsteher wenigstens war, stehen folgende Sätze — das Ganze Ihnen vorzulesen, möchte ich Ihnen ersparen: „Wehe, mein Deutschland, wie tief bist du gesunken. Deine Richter und Anwälte sind Juden, deine Kaufleute und Bankiers sind Juden, deine Zeitungsschreiber find Juden, verjudet ist das ganze Volk. Giebt es denn keine Rettung, kein Entrinnen mehr aus dieser Fremdenherrschaft? Wird das deutsche Volk immer noch nicht erwachen aus seinem tiefen Schlaf? Noch immer schläft der deutsche Michel und schläft und schläft und dämmert ruhig weiter und sieht die Gefahr nicht, die drohend sich zusammenzieht über seinem Haupt. Der Deutsche ist ein idealer Schwärmer, gutmüthig und freundlich gegen Jedermann, er ahnt nicht, daß er eine Gesellschaft von Leuten in seinen Grenzen beherbergt, die umhergehen mit der Miene des Lammes, aber im Herzen sind sie reißende Wölfe. Das Judenthum gleicht einer großen Spinne, die rastlos und emsig arbeitet und ihre Fäden immer weiter und weiter zieht, bis sie ihr Opfer im Netze gefangen hat, bis der deutsche Michel umgarnt und vernichtet sein wird. Das Judenvolk, einst besonders von Gott gesegnet und dazu bestimmt, der Träger der göttlichen Offenbarung zu werden, ist verstockt, verblendet undverflucht, es ist Satans Volk geworden. Es wird sich daher jetzt darum handeln, ob Gott der Herr weiter auf Erden regieren, wird, oder ob der Satan und sein Werkzeug, die Juden, die Herrschaft bei uns antreten werden, ob Himmel oder Hölle, ob Tod oder Leben von der Menschheit angenommen werden wird, das ist die Judenfrage. Das gottlose Judenthum, wie es in die Erscheinung der Völker tritt, ist der Menschheit zur Strafe gegeben für den offenen Abfall von Gott, für die zunehmende Gottlosigkeit der christlichen Völker; wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier, und die jüdischen Geier ziehen jetzt in Schaaren ein in die deutschen Länder, um dem faulenden Aas den Todesstoß zu versetzen. . . Von geheimen Oberen geführt und geleitet, bilden die Juden überall einen Staat im Staat, eine Nation in der Nation und arbeiten mit furchtbarer Konsequenz auf ein bestimmtes Ziel hin: das ist die Errichtung des jüdischen Weltreiches auf den Trümmern der christlichen Staaten, auf den Ruinen der bestehenden Gesellschaft. In weitsichtiger und kluger Weise hat sich das Judenthum überall durch seine kolossalen Reichthümer eine gewaltige Leibgarde aus den Arbeitermaffen herangezogen, die stets bereit sind, auf den Wink ihrer jüdischen Führer loszuschlagen; und schon schwanken die Throne der Kaiser und Könige bedenklich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo der jüdische Usurpator proklamirt werden wird und Cohn I. den Thron von Europa besteigt." (Große Heiterkeit.) Meine Herren! Sie haben das Urtheil gefällt: das ist lächerlich, aber weniger lächerlich sind die folgenden Sätze: „Der Deutsche ist gutmüthig und geduldig, freundlich und langmüthig lange Zeit; aber wenn fein Zorn einmal erwacht, dann ist er furchtbar und nicht mehr zu bändigen, dann erhebt er die gewaltige Rechte zum Schlage und drischt und drischt und drischt, so lange, bis es nichts mehr zum Zerhauen giebt, bis das Judenthum vernichtet und zerschmettert im Staube liegt." Ja, meine Herren, wir sind ja von Amtswegen sehr empfindlich in letzter Zeit geworden. Wir haben hier mehrere Tage lang eine Verhandlung geführt über die Aeußerungen eines Professors, der immerhin doch derartige demagogische, geradezu verhetzende und aufreizende leidenschaftliche Reden nicht gehalten hat. Dieser Professor ist vor den Disziplinarhof gebracht. Ich möchte mir nun die Frage an den Herrn Minister des Inneren erlauben: Kennt er diese Thatsache, und was ist gegen den Herrn Amtsvorsteher, einen Polizeibeamten thört, hört! links), der die Pflicht hat. Recht und Gesetz aufrecht zu erhalten und die Bürger zu schützen in ihrem Recht — was ist gegen den Herrn geschehen? Meine Herren, die „Germania", das führende Blatt des Centrums, der man doch nicht vorwerfen kann, daß sie eine besondere Vorliebe für unsere jüdischen Mitbürger hat, sagt: „Das ist wohl das Aergste und Gefährlichste, was jemals auf dem Gebiete des Antisemitismus geleistet worden ist, Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten gegen eine Bevölkerungsklasse in aller Form." Ja, meine Herren, wenn das ein Amtsvorsteher zu sagen wagt, wie können Sie dann von den Arbeitermaffen Respekt vor Gesetz und Recht verlangen? (Sehr richtig, links.) Wie können Sie dann mit ruhigem