Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-02-27 · Heft 25 (27.2.1838) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 25 (27.2.1838)
Date
1838-02-27
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3224856-3224882--00853-3291470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 realisirt sehen möchte, und gewissermaßen das Ziel aller religiösen Institutionen für unsere den materiellen Genüssen ergebenen Zeit unklugerweise anticipiren will. Demnächst hat sich neuerdings III. noch eine Parthei, größtenthekls aus jungen, studirten Theologen und gelehrten Philologen rc. bestehend, gebildet, — die — einer Art von alt - neuen quasi - orthodoxen Judenthume das Wort redend, stets von Aufrecht Haltung jüdischer Nationalität, im Gegensätze zu'm flachen Deismus spricht, alle reformatorische Bestrebungen stolz verhöhnt, den großen Mendelssohn und das ihm folgende Geschlecht, so zu sagen, über die Achsel ansieht, bald von der Restauration der buchstäblichen Übersetzung der h. Schr., bald von nöthwendigec Beobachtung auch der geringfügigsten Gebrauche großes Heil erwartet, und darauf — nach Art der weiland Pharisäer — mit großer Selbstgefälligkeit schaut. Diese Kaste, welche schon einige Rabbinenstühle im Norden eingenommen hat, obgleich ihre Anzahl noch sehr gering ist, hat nächst dem Mangel äußerlicher practischer Wahrheit noch den großen Nachtheil, daß sie Nichtrabbinen (Laien, wie jene neuen Hierarchen sie unjüdisch benennen), über die wirklichen religiösen Bedürfnisse der Gegenwart, über die wahre Bedeutung und den Zweck 'desJudenthums irre führt, weshalb unbefangene, aufgeklärte Israeliten und gebildete israelitische Frauen l?) nur mit Unwillen von jenen Bestrebungen sich abwenden, und Kummer sich ihrer bemächtigt, wenn sie. bedenken, daß solchen jüdischen Hengste nb erg ian er n (?) einst die Leitung der religiösen Bildung unserer Nachkommen übertragen sein soll. — Sie kennen, Freund, den Streit über dieL^^Nd^! Von einem Andern erzählt man, daß er sich am N2Ä dasParaplui und die Brille von einem Nichtjuden nachtragen läßt. Einer ron derselben Schule fastete vorigen Sommer mit großer Ostentation am NON ”P in einem Badeorte, obgleich er Brunnen trank, welches hingegen ein wahrhaft frommer Israelit von der alten Parthei nicht rhat, und daher jenen zu den Heuchlern zahlte. — Diese Neufcommen halten sich indessen für die ausschließlichen Bewahrer der jüdischen Literatur; bei ihnen ist die Wissenschaft, die Tradition das wahre Judenthum — kurz — Alles in Allem! — Auch in der Allg. Zeit. d. Judenth. hat diese Parthei sich schon öfters lautbar gemacht; so las ich ohnlangst fast mit Wehmuth(?) eine Diatribe gegen die Verfasser der Biurim von 1780 —1830. Gehörte ja der unvergeßliche Vetter des Redacteurs dieser Zeitung selbst zu den Verfassern jener Biurim, die ich als Heroen (?) der jüdischen Literatur verehre, und welche die Bedeutsamkeit der Pajtanim (die man sehr hervorheben will), für unser junges Geschlecht weit überragen! — Wollen wir wieder zu dem 13ten und I4ten Jahrhundert zurückkehren? Warlich, alle Wahrzeichen sind da, und der Verfasser des 3TH hat schon dafür gesorgt, daß selbst das Nichtbarbiren an den Zwischentagen (D"n"n) wieder in Aufnahme komme. — Dahingegen ist das Streben einer IVten Parthei, oder vielmehr der vernünftig-besonnenes Menge der Israeliten, welche gleich weit entfernt ist von dem Hirngespinnste einer zu restaurirenden jüdischen Nationalität und von Gleichgiltigkeit gegen die zur religiösen Erhebung auch jetzt noch ersprießlichen Ceremoniatgesetze, dahin gerichtet, in der Theorie, in der doctrknellen Auffassung bes Judenthums, die Vernunft als höchstes Prkncip anzunehmen, in dem Sinne, wie Maimon ides im More, I. Alb o und Mendelssohn es gelehrt haben; Fortschreiten ist daher ihre Tendenz. In der Praxis aber nimmt sie Rücksicht auf die Zeit und ihre Erscheinungen, auf die Menschen und ihre Bedürfnisse in der Gegenwart, auf die Fortschritte anderer uns umgebenden Religionsgesettschaften. Sie hält für die jetzigen Generationen die Ausübung des Ceremonialgesetzes in seinen wesentlichsten Theilen noch für nöthig, da sie überzeugt ist, daß es, richtig aufgefaßt, und nicht mit übertriebener kleinlicher Aengstlichkeit verrichtet — viel zur Veredlung der Menschen, zur Reinigung des Gemüthes und zur Erhebung über das Alltägliche beitragen kann; jedoch betrachtet sie diese Ansicht nicht als ausschließend-giltig, sie verdammet darum diejenigen nicht, die sich des Ceremonialgesetzes entschlagen, wenn es nur aus reiner Absicht — nicht aus eitler Sinnenlust — geschieht. Doch halt sie dafür, daß, würde die Abwerfung des Ceremonialgesetzes jetzt herrschend im Judenthume, dies, unter den dermatigen Umstanden gefährlich werden, könnte. Es wäre zu fürchten, daß, wenn wir die Höhe zu schnell erklimmen, während die um uns herrschende Religion nicht mit uns gleichen Schritt halten würde, wir wieder herabsänken, ohne unfern ftühern Boden zu finden, so daß wir uns in ein fremdes Element verlieren müßten. Dieser von der Zeit geborenen Hemmungen ohngeachtet dürfen wir indessen das hohe Ziel desJudenthums nie aus den Augen lassen. — Das Judenthum ist eine göttliche Institution, wahre Religiosität und Moral auf der Erde zu verbreiten; alle Religionen sind nach und nach dem Judenthume entsprossen, und werden im Lause der Zeiten durch das Judenthum controlirt, um sie vor grobem Polytheismus zu hüten. — Der Zweck des Judenthums ist erfüllt, sobald alle Religionen jene Stufe einst erreicht haben, wo die Quintessenz der Universalretigion reiner geistiger Monotheismus und allgemeine Menschenliebe ist, dann ist die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.