Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Wörtlich: Was Denjenigen angeht, der von diesem Buche redet, dem macht sich Thot (der Gott der Wissenschaften) zum Genossen As Kampfes. Daß der Reim absichtlich benutzt wird, geht aus Papyrus Sallier IV. und anderen Texten hervor, wo sich in einem Schlußsätze ähnlichen Inhaltes gleichfalls der Reim findet. In diesem ägyptischen Märchen, wie in dem vom „Machandelboom", nimmt der Getödtete die Gestalt eines anderen organischen Wesens an — hier die eines Stieres und Baumes, dort die eines Vogels —, er zieht den Missethäter, nachdem er ihm das Gewissen gepeinigt, zur Rechenschaft, bringt chn ums Leben und gewinnt selbst die menschliche Gestalt zurück. Inwieweit der Anfang des Märchens von den beiden Brüdern mit der biblischen Joseph- Potiphar-Geschichte übereinstimmt, mag der Leser, der nun beide kennt, selbst beurtheilen. Jedenfalls ist die hebräische Erzählung, das^ägyptische und deutsche Märchen national gefärbt, und es entspricht auch jedes im Ganzen und Einzelneii so genau der Besonderheit des Gesellschaftskreises, der es als seinen Besitz betrachtet, daß keins als entlehnt vom anderen betrachtet zu werden braucht, und die Aehnlichkeiten, die uns überraschen, der Analogie des menschlichen Schicksals, Denkens und Empfindens überall sehr wohl zugeschricbe» werden dürfen. EUILLETON Me Kose von Saron. Eine Erzählung. XXXIII. ie heilige Stadt schlummerte noch. Aber die Gestirne waren erloschen, und im Osten brach ein zartes gelbes Leuchten über dem Horizont empor. Der Himmel war blau und gänzlich wolkenlos, und schauernde Morgenlüfte eilten unter seinem Gewölbe hindurch und rauschten hinab auf die Bäume des Oelberges und die felsigen Straßen von Jerusalem. Um diese Zeit standen zwei Männer auf einem freien Platze innerhalb des Thores Gennath, welches aus den Umgebungen von Zion nach Bezetha führte. > Diese Männer waren ganz allein und hefteteit aufmerksame, sinnende Blicke auf die großen und prächtigen Gebäude, welche den Abhang des Felsens Zion bedeckten, und deren höchstes und stolzestes der Palast des Königs war. r Der Palast nahm sich um so gebietender aus, als er von bxfestigten Werken umgeben war und nach drei Seiten hochragende Basteien vorstreckte, mit der vierten Seite jedoch an die prächtigen Gärten des Königs stieß. * Die beiden erwähnten Männer, welche im Grauen der Morgendämmerung den Palast des Königs betrachteten, waren der Prophet von Silo und Jerobeam. Es war der dritte Morgen, nachdem Reson befreit worden wax. Unterdessen hatten sich zu Jerusalem große, schreckenerregentze Gerüchte vom Anrücken der Aegypter verbreitet, und eine dumpfe Vorahnung einheimischer Aufstände bedrückte das Volk. Ohne daß genaue Kunde von den verwegenen Plänen des Propheten ui^d Jerobeams vernommen worden, zogen dennoch verwirrte Muthmaßuugen unter dem Volke umher, das Haus Davids werde dem aufrührerischen Angriff eines jüngeren, kraftvollen Geschlechts erliegen. Und eine andere traurige Nachricht machte die Bestürzung erst zur allgemeinen und gänzlich trostlosen. König Salomo war plötzlich dem hohen Alter erlegen und lag zum Tode krank auf Zion. Da hatte denn der Muth alle Anhänger des uralten, erlauchten Königshauses verlaffen, und ein Zagen und düsteres Trauern ging durch alle Stämme Israels. Ahija und Jerobeam sprachen am Morgen eines großen, entscheidenden Tages von der Burg des sterbenden Königs. „Höre, Du König von zehn Stämmen," sagte der Prophet mit einer hartnäckigen, düsteren Begeisterung, „an allen den Zeichen, die Jehovah um uns herum thut mit der geheimnißvollen Hand seiner Allmacht, kannst Du ersehen, daß unser Kampf nach seinem Wohlgefallen sei. Siehe, die Vorhut der Aegypter hat die Gefilde Bethlehems erreicht, und der König ist im Sterben! Kannst Du zweifeln an unserem Siege?" „Heiliger, weiser Mann," versetzte Jerobeam rasch, „die Stunde des Aufruhrs findet meinen Stahl geschwungen und meinen Arm bereit. Aber Du siehst mich sinnend und fast traurig. Ich will Dir die Ursache dessen gestehen: Jenes unglückliche Weib, welches jetzt Edoms Gefilden wahrscheinlich im Wahnsinn zulief, und welches sich für meine Mutter ausgab, jenes Weib, sage ich Dir, dauert mich, Sie ist meine Mutter; sie sagte keine Lüge. Und seit jener Stunde bebe ich fast vor dem Geheimniß, welches über diesen Sachen liegt, und welches Du, ja Du allein zu enträthseln weißt, denn Du, Du —" Der Prophet unterbrach den Feldherrn mit einem lauten, höhnischen Lachen. „König Israels," sagte erdann mit wohlberechnetem Spotte, „und wenn es wäre, wie jenes verrückte Weib behauptete, willst Du von Zions leuchtendem Throne herabsteigen und jenes Weib eines verachteten, verfluchten Stammes, jene Bettlerin, jene Verrückte Mutter nennen, zu Israels Freude und Ehre?" Jerobeam wich dem Auge des Propheten aus und verstummte vor dieser Frage. „Du meinst," fuhr der heilige Mann von Silo fort, „Ahija wiffe um das Geheimniß, daß zwischen ihm und jener Verrückten besteht. Wohl, König Israels, ich weiß von diesen Geheimniffen, aber sie sind begraben in meiner Brust, als seien deS Libanon ewige Felsen darüber gewälzt. Fordere diese Geheimnisse nicht von mir, König Israels! Steige kühn auf den leuchtenden Thron Zions, welchen Dir Jehovah bestimmte, laß zurück ein Dasein der Erniedrigung und der Ruhmlosigkeit! Besteige den leuchtenden Thron, sei gleich der Sonne, wie sie geheimnißvoll und plötzlich aus dem Schooße des Meeres steigt und glänzende Lichtfluth über die Welt gießt, und Niemand fragt, wie sie entstanden und woher sie gekommen!" Der Hebräer unterlag dem siegreichen Eindruck der kraftvollen, bilderreichen Beredsamkeit des Propheten. Er ergriff hastig die Hand desselben und blickte ihn an mit einem Ausdruck, in welchem sich scheue Ehrfurcht mit festem Vertrauen sonderbar mischten. „Heiliger, weiser Mann," rief er aus, „Dein Geist durchblickt die Zukunft und beherrscht die gefahrvolle Gegenwart! Ich will nicht länger fragen und zweifeln, mein Stahl und Dein Geist, so wollen wir den Kampf beginnen um den Thron Israels!" Der Prophet schüttelte die ergriffene Hand und versetzte mit einer Stimme, durch welche eine tiefere Regung klang: „König Israels, auf meine Seele baue Dein Vertrauen, und es wird fester stehen als der prächtige Palast dort auf Zions ehernem Grunde. Vergessen sei alles Frühere, jenes Weib und ihr Geheimniß, es sei alles wie die Nacht gewesen, aus welcher sich die Sonne hebt!" „König Israels," schloß der Prophet frohlockend, „die Nacht ist vorüber, und Jerobeams Sonne wird leuchten!" (Forts, folgt.) Druck und Vertag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.