Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 den Juden von Paris die Eigenschaft alS aktive Bürger gäbe, wenn diese di« von allen Franzosen hierfür geforderten Bedingungen erfülle» würden. Die Versammlung hat auch die von den Herren Godard, dM Abbe Fauchet, dem Abbe Bertolio und Duveyrier vorgeschlagene Adresse verlesen lassen, angenommen und beschlossen, daß sie morgen vor die Nationalversammlung gebracht werde von den oben genannten Bevollmächtigten nebst zwei Anderen, und daß sich an ihre Spitze der Herr Abbe Mulot, der Präsident der Kommune, stellen möge, um die Adresse vorzutragen." Die Adresse ist, wie aus dem Sitzungsbericht vom 20. Februar hervorgeht, von Godard verfaßt; Bertolio, Fauchet und Duveyrier waren beauftragt worden, sie zu prüfen. Der Abbe Bertolio ist derselbe, der noch im Jahre 1790 eine Broschüre Veröffentlichte, die betitelt war Ultimatum ä Monseigneur l’ArcJieveque de Nancy, und in der er behauptete, daß der Katholizismus nicht die Staatsreligion, sondern eine Religion im Staate sei. Er war später Gesandter in Rom. Der Abbe Fauchet wurde 1791 konstitutioneller Bischof von Calvados, dann zum Abgeordneten in der Assemblee Legislative und der Konvention gewählt. Hier hatte er sich den Girondisten angeschlossen, und er befand sich unter denen, die in der berühmten Sitzung vom 31. Mai 1793 proskribirt wurden. Am 18. Juli dieses Jahres wurde er als Mitschuldiger an der Verschwörung der Charlotte Corday angeklagt. (Diese hatte sich nämlich an ihn gewandt, weil er der Bischof ihres Departements war, und war von ihm auf die Galerie des Sitzungssaales der Konvention geführt worden.) Er wurde in der Conciergerie eingekerkert, am 30. Oktober 1793 zum Tode verurtheilt und am folgenden Tage hingerichtet. Duveyrier ist später, im Jahre 9 der Republik, Mitglied des Tribunals gewesen. Einige Stellen aus der von Mulot am 25. Februar verlesenen Adreffe lauteten: „Es ist ganz Paris, das zu Ihnen in diesem Augenblick durch unseren Mund spricht. Es lebt in dieser Stadt eine ziemlich große Anzahl von Juden; theils sind sie einzeln in den verschiedenen Vierteln von Paris zu finden, zum größeren Theil aber haben sie sich, um ihre Bereinigung unter einander leichter zu machen und sich so für die Absonderung zu entschädigen, in der sie von den anderen Menschen leben, mit Vorliebe in bestimmten Vierteln festgesetzt, wo sie sich unmöglich dem Auge der Oeffentlichkeit entziehen konnten. Alle und Jeder find in ihrer Führung untadelhaft gewesen; keine Klage ist gegen sie laut geworden, niemals haben sie die Ruhe gestört; und wenn sie die unglücklichsten aller Bürger waren, so waren sie vielleicht auch, was wohl außergewöhnlich ist, die friedliebendsten." „Im Augenblick der Revolution haben sich ihr Muth, ihr Eifer und ihre Vaterlandsliebe das Recht auf die Dankbarkeit des Volkes erworben." „Wir haben sie in unserer Mitte gesehen, wie sie, mit dem Nationalzeichen geschmückt, bei der Eroberung der Freiheit uns zur Seite standen; und täglich helfen sie uns, unser gemeinsames Gut zu erhalten." „O, meine Herren, wenn Sie zur Gewinnung der Freiheit bei» getragen haben, sollten Sie dazu verurtheilt sein, die Früchte ihrex Mühen zu entbehren? Wenn sie wahrhafte Bürger sind, unter welchem Borwand sollte diese Benennung ihnen verweigert werden? Wir möchten sagen, sie verdienten sie als Belohnung, wenn sie ihnen nicht von Rechts wegen zukäme." (Mit feiner Berechnung hatte Godard in seine Adresse auch folgenden Satz ausgenommen, der auf die Verleihung deS Bürgerrechts an die juifs portugais, espagnols et avignonnais anspielte). „Wenn Sie alle Unterscheidungen zwischen den Menschen verwischen, werden Sie sich wohl hüten, sie in einer besonderen Klasse zu gestatten und unter den Juden gesetzmäßig eine Art von Aristokratie einzurichten, di« Sie so glücklich" gewesen sind, unter den französischen Bürgern zu vernichten." „Im Namen der Humanität und des Vaterlandes, auf Grund der? sozialen Vorzüge der Juden, ihrer patriotischen Tugenden, ihrer heißen Freiheitsliebe bitten wir Sie, ihnen die Benennung und die Rechte zu geben, deren sie länger zu berauben eine Ungerechtigkeit wäre. Wir betrachten sie als unsere Brüder; wir sehnen uns danach, sie unsere Mitbürger zu nennen. O, schon behandeln wir sie als solche; unser Interesse macht es uns zu einem Bedürfniß, mit ihnen vermengt zu sein; unser Interesse heißt uns, Ihre Gerechtigkeit anzurufen ebensowohl für sie wie für uns. Beschleunigen Sie ihr Glück und das unsere!" Der Präsident der Nationalversammlung war damals der berühmte, weltkluge Talleyrand Perigord. Er antwortete in einer für ihn äußerst charakteristischen Weise: höflich, doch zu nichts verpflichtend, er entmuthigte keine Hoffnung, aber machte auch keine Versprechungen. Seine Antwort lautete: „Die Nationalversammlung hat es sich zu einer heiligen Pflicht gem .cht, allen Menschen ihre Rechte zu gewähren. Sie hat die Bedingungen festgesetzt, die erfüllt werden müssen, um aktiver Bürger zu sein. In diesem Geist und im Anschluß an diese Bedingungen wird sie die Gründe prüfen, die Sie in so herzbewegender Weife zu Gunsten der Juden anführen." „Die Nationalversammlung ladet Sie ein, ihrer Sitzung beizuwohnen." Am nächsten Tage, dem 26. Februar, wird die Frage auf unbestimmte Zeit vertagt. Für das Folgende können wir uns kurz fasten. Am 10. Mai gelangt ein Brief der Juden an den Präsidenten der Nationalversammlung. Diese Adresse, in dem sich die Juden auf die Zustimmung von 53 Bezirken stützen, wird dem Cornde de Constitution überwiesen. Debourge, ein Mann, der später auch Abgeordneter in der Konvention wurde und sich durch seine gemäßigten Anschauungen auszeichnete, veröffentlichte am 21. Mai eine Broschüre über die Judenfrage, die an das Comite de Constitution gerichtet war. Dieses Werk vertheilte der Verfaster auch unter seine Kollegen in der Kommune, und die Versammlung beschloß, es von drei Männern prüfen zu lasten. In die Kommission wurden gewählt: Condorcet, Bristot (de Ouarville) und Leonard Robin. Die beiden Erstgenannten sind die berühmten Girondisten des Konvents, die 1793 auf dem Schaffot endigten; Leonard Robin war auch Deputirter in der Assemblee legislative. Bristot war der Berichterstatter der Kommission. Auf seinen Bericht faßte die Versammlung bei Gelegenheit einer neuen Kundgebung zu Gunsten der Juden am 29. Mai 1790 folgenden Beschluß: „In der Ueberzeugung, daß es kurz vor der Bildung der neuen Stadtverwaltung von Paris höchst wichtig ist, keinen Zweifel an dem Bürgerrecht der Juden bestehen zu lassen, halten es die Gemeindevertreter für ihre Pflicht, den Herren vom Verfassungskomitee der Nationalversammlung aufs Angelegentlichste das Werk von Herrn Debourge zu empfehlen: in diesem sind die Rechte der Juden mit größter Klarheit bewiesen." Bei demselben Verfassungsausschuß erschien Ende Juli 1790 eine Deputation des Karmeliterdistrikts (er war die section de la rue Beaubourg geworden), um eine Verordnung durchznsetzen, die den Juden erlaubte, auch von Rechts wegen an der Thätigkeit der Sektionen theilzunehmen. Doch man zögerte immer wieder im Verfaffungsausschuß, mit dem bestimmten Vorschläge, den Juden ohne Ausnahme das Bürgerrecht zu gewähren, an die Nationalversammlung zu treten. Der Widerstand ging immer wieder vom Elsaß aus; das Argument, das stets ins Feld geführt wurde, war der Umstand, daß dort viele Juden das Wuchern als Gewerbe betrieben. Besonders auf dem Lande im Elsaß zeigte man sich, der Asflmilirung durchaus feindlich. So kam es, daß die definitiv gewählte Stadtverwaltung unter dem Vorsitz von Bailly am 26. Mai 1791 folgenden Beschluß faßte: