Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 beseitigt sind. Da aber der Verwaltung auf dem gesammten Gebiete des bürgerlichen Rechtes nur ein sehr geringer Einfluß eingeräumt ist, sa wird die jetzt so beliebte Methode, durch Verwaltungsmaßregeln einzugreifen, wo das Gesetz eine Einschränkung nicht zuläßt, für die Fragen des Civilrechts versagen müssen. Auch aus diesem Grunde kann die Einführung des B. G.-B. mit Freuden begrüßt werden. Aas Ende des Zionismus. (cv^ftrennJemand noch an der in dieserUeberschrift behaupteten /gffö Thatsache gezweifelt hatte, daß der Zionismus als y ** Politische und sozialistische Erscheinung des JudenthumS ein« Phase ist, über welche die Weltgeschichte zur Tagesordnung überzugehen bereits angefangen hat, so hat ihn das öffentliche Auftreten Max Nordaus, über welches die Tageszeitungen berichteten, davon überzeugen müflen. Es war der Schwanengesang oder das Todesröcheln einer Bewegung, die in Deutschland wenigstens sich nie so recht bewegt hatte. Der wesentliche Inhalt des Vortrags, welchen Dr. Nord au in Berlin, Wien und Köln gehalten hat, war Folgendes: Die Reichen sitzen auf ihrem Geldsack, die Protestrabbiner liegen im Stäube vor dem Götzen Mammon, die Gebildeten sind nicht gebildet genug für das tin-äe-siöele-Judenthum der Herren, die trägen Maffen sind erst noch zu erobern, was bleibt dann »och übrig vom Zionismus? Ein Generalstab ohne Truppen. Man hätte erwarten sollen, daß der Generalstabschef des Zionismus sein öffentliches Auftreten benutzen würde, um durch Entwickelung oder wenigstens Andeutung seines Kriegsplans der von ihm vertretenen Sache hinwegzuhelfen über das Fiasco, mit welchem sie im vergangenen Herbst auf deni Boden des heiligen Landes bloßgestellt worden ist vor den Augen der ganzen Welt. Nichts von alledem. Statt über die Vorgänge in Palästina zu reden, statt der allgemein erwarteten Aussprache darüber, wie der Zionismus sich seine eigene Zukunft denkt, statt dessen eine Fluth von Schimpfereien, die das Wasser mächtig getrieben haben auf die Mühlen der Antisemiten und Sozialdemokraten. Wer schimpft, hat Unrecht. Es wurde weidlich geschimpft und räsonnirt über Gott und die Welt, über die Reichen und die Armen, über die Gebildeten und Ungebildeten, last not least, über die Rabbiner. Was diese ehrenwerthen Leutchen, diese Gemeindebcdieiisteten, sagen oder nicht sagen, das ist doch gleich Null! Wenn die Rabbiner aber wirklich eine so große Null in der Schöpfung wären, wie jene Herren zu glauben vorgeben, wozu dann der Entrüstungssturm, der sich ausnimmt wie ein Racheschrei? Wozu dann der Protest gegen die Protestrabbiner? Doch wir wollen auch das noch hingehen lasten. Das Lärmmachen gehört zum Handwerk, und den Rabbinern ist ein dickes Fell angegerbt worden. Wenn aber der Wortführer einer jüdisch sein wollenden Bewegung sich soweit hinreißen läßt, zumal vor einer konfessionell gemischten Zuhörerschaft, Zweifel daran laut werden zu lasten, ob die Lehrer und Verkünder des Glaubens an etwas anderes glauben als an ihr Gehalt, so hat er sich damit geradewegs in die Reihen der Feinde des Judenthums gestellt, so hat sein Mund Zeugniß abgelegt gegen seine Gesinnung, so wird er es sich gefallen lasten müssen, daß man ihn nach seinem eigenen Glaubensbekenntniß fragt. Die Frage Gretchens an Faust: „Wie hast du's mit der Religion?" diese Frage an den Verfasser der „Konventionellen Lügen" zu richten, wäre eine höchst überflüssige Sache. Seit Schopenhauer hat vielleicht Keiner auf so geistreiche Weise dazu beigetragen, der dafür besonders empfänglichen jüdischen Jugend den Glauben an das Ideal aus dem Herzen zu reißen, als gerade Max Nordau. Aber aller Reichthum an Geist vermochte nicht, die Lücke auszufüllen, die im Herzen entstanden war. Diesem, ich möchte sagen, doiror vacui verdanken wir den Zionismus der Wissenden. Er sollte die leer gewordene Stelle mit einem neuen Ideal ausfüllen und einer nicht zu stillenden Sehnsucht den Ausdruck geben. Als der Zionismus mit etwas zu lautem Ausdruck in die Welt trat, da hatten Viele, die sich über den Grundirrthum desselben keiner Täuschung Hingaben, gehofft, er würde vielleicht doch dazu beitragen, das in weiten Kreisen der Studirten entschwundene Bewußtsein der Stammesverwandtschaft und Religionsgemeinschaft wieder zu wecken und das Herz der Kinder zurückzuführen zum Herzen der Väter. Man fragte sich zwar: wie kommt Saul unter die Propheten? Aber man hoffte, daß über den einmal in diese Gesellschaft Gerathenen vielleicht doch ein heiliger Geist kommen würde. Diese Hoffnung und damit der Glaube an die Wahrhaftigkeit der Führer hat einen argen Stoß bekommen, als man hörte, daß der Vertreter des Rassen- und Nationaljudenthums einen Schritt gethan, der direkt gegen den Glauben verstößt, den er selbst gepredigt hatte, und den wir hier nicht besprechen, weil wir Privatangelegenheiten prinzipiell unerörtert lassen. Oder soll die Religion im zionistischen Zukunftsstaat überhaupt nur Privatsache sein? In der messianischen Zeit werden ja freilich schon nach der Meinung der alten Zionisten sämmtliche Religionsgesetze als ein überwundener Standpunkt zum alten Eisen geworfen tverden. Wollen die Herren durch ihr eigenes Sichhinwegsetzen über alle Bedenklichkeiten der Religionssatzungen vor allem Volk den Beweis demonstriren, daß wir bereits am Anfang der messianischen Erlösungszeit uns befinden? Woran glauben denn eigentlich diese Kritiker des Glaubens? Glauben sie an sich selbst? Glauben sie, die doch sonst nichts vom Schwärmer an sich haben, an die Möglichkeit und Erreichbarkeit des von ihnen geweissagten Zukunftsstaates? Wahrlich, Max Nordau hätte alle Veranlaffung, statt öffentlich Gericht zu halten über das gesammte Israel, lieber uns die Frage zu beantworten: Was hat denn der Zionismus bis jetzt eigentlich geleistet und erreicht? Abgesehen von seinem Verhältniß zur Religion, über welches sich die Führer in allen Sprachen ausgeschwiegen, aber mit ihren Thaten deutlich genug verrathen haben, enthält der Zionismus soziale Bestrebungen des Judenthums, die sich nicht gerade durch den Reiz der Neuheit auszeichnen würden, wären sie nicht mit einem immer fadenscheiniger gewordenen Mantel des Politischen verbrämt und verhüllt worden. Was gut ist am Zionismus, seine sozialen Bestrebungen, das ist nicht neu, und was neu ist am Zionismus, sein politischer Deckmantel, das ist nicht gut, aus Gründen, die schon so oft in dieser Zeitung dargelegt wurden, daß sie nicht wiederholt zu werden brauchen. ' Die kolonisatorischen Bestrebungen insbesondere, deren Aufnahme in das Parteiprogramm den Führern förmlich abgerungen werden mußte, waren bereits im besten Gange, als der Zionismus auftrat und mit seinem ebenso unmotivirten wie unklugen Geschrei den kranken Mann am Goldenen Horn kopfscheu machte, daß er ausrief: Ich habe eine Armenier-Frage, ich habe eine Griechen-Frage, ich will nicht auch noch eine Judenfrage in meinem Reiche haben! In dieser Erwägung wurden, wie man zuverlässig erfahren, die Grenzen des heiligen Landes für die Einwanderung von Juden geschloffen und gesperrt, wie einst die Thvre von Jericho. Das ist bis jetzt die erste und einzige Leistung des Zionismus. Ist das nicht das End e desZionismus? Auf uns wenigstens hat Max Nordau mit seinem Vortrage den Eindruck eines Mannes gemacht, der, indem er in die verlöschenden Gluthen hineinbläst, um sie wieder anzufachen, damit keine andere Wirkung hervorbringt als ihr völliges Ausgelöschtwerden. A. E.