Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 75 -- Vre Woche. _^a Berlin, 14. Februar. (Zj^aß die Berathung der Novelle zum Bankgesetz im Reichstag .SS* nicht ohne einige antisemitische Kapuzinaden abgehen würde, war vorauszusehen. Daß diese aber so dürftig ausfallen würden, haben selbst Diejenigen nicht geglaubt, die den Geisteszustand unserer Gegner nicht gerade hoch anzuschlagen geneigt sind. Die Herren Hahn und Liebermann von Sonnenberg brachten nichts als billige Witze und längst widerlegte oder unbewiesene Behauptungen vor. Wir wollen zur Erhärtung dieser Thatsache nur einige Bliithen aus der Rede des Letzteren pflücken. Daß die Sozialdemokratie dem „internationalen Judenthum" freiwillig Vorspann leiste, und daß ihr dieses wiederum sich dankbar zeige, ist eine abgenutzte antisemitische Fabel, die dadurch nicht glaubwürdiger wurde, daß Herr Liebermann von Sonnenberg von den Vermächtniffen jüdischer Bankiers in Frankfurt a. M. an die sozialdemokratische Parteikasse zu erzählen wußte, was aber durch Zuruf von betheiligter Seite sofort dementirt wurde. Die Schöpfer der Reichsbank sind für den antisemitischen Abgeordneten Lasker, Sonnemann und Bamberger — und das orientalische Ornament der baute Lnance an der Reichsbank gefällt ihm nicht. Er würde ein antisemitisches Ornament natürlich vorziehen! Ganz neu waren in der langen Rede nur die Behauptungen über die Zusammensetzung des Centralausschusses des Reichsbank. Es heißt da wörtlich: „Man bemängelt vor allem die Zusammensetzung des Centralausschusses, in dem ist das Judenthum in einem weit stärkeren Prozentsatz vertreten, als der Bevölkerungsziffer entsprechen würde. Man möchte nicht, daß diese Herren zu viel bemüht würden, der Reichsbankverwaltung ihren Rath zu ertheilen; denn bei der bekannten Uneigennützigkeit dieser Kreise fürchtet man, sie könnten sich zum Wohle des Vaterlandes ruiniren. Was sollte denn das Deutsche Reich ohne seine Finanzjuden anfangen, die es, wie es scheint, ebenso wenig entbehren kann wie der galizische Edelmann seinen Hofjuden." (Heiterkeit.) Nun ist aber weder im Kuratoriuin noch im Direktorium der Reichsbank auch nlir ein einziger Jude. Unter sämmtlichen Beamten des Instituts ist gleichfalls nicht ein einziger Jude. Im Centralausschuß selbst sitzen allerdings einige hervorragende jüdische Bankiers, und wir glauben gern, daß es den Herren Antisemiten lieber wäre, wenn etwa z. B. ihre Fraktion an deren Stelle säße. Aber es handelt sich hier um Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit! Unter den Deputirteu des Centralausschuffes ist der einzige Jude der Bankier Julius Bleichröder. Und das nennt man ein Ueberwiegen des jüdischen Elements! Auf den Scherz über die Finanzjuden brauchen wir ebenso wenig einzugehen wie auf die Tiraden von dem Zusammenhang von Judenthum und Revolution und auf die Geschichte von der Pariser Kommune, die angeblich vor Rothschild Halt gemacht haben soll. Alle diese Dinge sinv unzählige Mal besprochen und ebenso oft widerlegt worden. Man bringt sie nichtsdestoweniger mit frischem Muth immer wieder vor. Daß sie aber auch im Reichstag unwidersprochen behauptet werden dürfen, ist allerdings eine betrübende Wahrnehmung. Es zeigt sich eben bei solchen Anlässen immer wieder, daß wir dort keine Vertreter haben, die sich des Judenthums mit ausreichender Sachkenntniß und wahrem Interesse anzunehmen geneigt wären. * Im Landtag hat am 10. d. der Abgeordnete Dr. Max Hirsch zum ersten Male Veranlassung genommen, einer unrichtigen Behauptung über die Juden entgegenzutreten, indem er sich gegen Herrn v. Gamp richtete und sagte: „Richtig ist, daß die Gesmdevermiether die Leute vielfach ausbeuten. Uebrigens ist Herr Gamp im Unrecht, da so sehr von jüdischen Gesindevermiethern zu sprechen, denn erstens sind die meisten Gesindevermiether Christen, und zweitens: Was hat die Religion mit der Sache zu thun?" Wir sind überzeugt, daß Herr Dr. Hirsch auch künftighin allen offenen oder versteckten antisemitischen Behauptungen mit Entschiedenheit entgegentreten wird. * Ein interessantes Urtheil über den Zionismus fällt die „Kölnische Zeitung", die ihrem Mitarbeiter Max Nordau zu liebe früher manches Wort für diese Bewegung passiren ließ. Es heißt dort: „Recht interessant waren zwei Versammlungen im vorigen Monat; in der einen, der des „deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes", erging sich der aus Hamburg verschriebene Wanderredner Schack in antisemitischem Sinne in einer so rohen Weise gegen unsere jüdischen Mitbürger, daß er mit Recht aus den Kreisen der Versammlung und später in der Presse abgefertigt wurde; in der anderen sprach der bekannte Schriftsteller Max Nordau über die Bestrebungen des Zionismus, erfuhr aber eine entschiedene Zurückweisung, da die Juden ihre Eigenschaft als Deutsche sich nicht rauben lassen wollten. Man muß solchen Kundgebungen die volle Anerkennung zollen, denn ein rückhaltloses Bekenntniß zum vaterländischen Leben, ein freudiges Mitarbeiten an seinen schweren Aufgaben und auch ein offenes Hervortreten bei politischen Angelegenheiten wird so manches harte Wort verstummen lassen, das oft genug über die Betheiligung der Israeliten in dieser Beziehung, namentlich an den Wahlen, gesprochen worden ist." * Die Annahme des Gesetzentwurfs über das Revisionsverfahren in der französischen Kammer bedeutet einen zweifellosen Sieg der Antisemiten. Es herrscht auch darob große Freude unter ihren deutschen Bundesbrüpem, die nun mit den Erzfeinden Deutschlands ganz offen sympathisiren. So heißt es in einem hierauf bezüglichen Artikel: „Wenn auch die ganze internationale Judenpresse für die Bertheidigung ihrer entlarvten Glaubensgenossen eintritt, an der Wahrheit kann nicht mehr gerüttelt werden. Der höchste jüdische Würdenträger, der Großrabbiner Zadoc Kahn, galt schon längst als der Mittelpunkt und als das Haupt der Dreyfusards, doch arbeitete er wohlweislich im Geheimen, bis ihm neuerdings nachgewiesen wurde, daß er von dem Präsidenten Löw direkte Nachrichten über den Lauf der Revision erhielt." Die Lügen der Boulevardpreffe werden also hier für baare Münze ausgegeben. Und zum Schluß heißt es: „Jeder Freund einer gerechten, unparteiischen Gerichtspflege wird die Annahme des Gesetzentwurfes und damit den Sieg der christlichen antisemitischen Sache in dieser Angelegenheit nur mit Freuden begrüßen können." Also der Sieg der „christlichen antisemitischen Sache" ist gleichbedeutend mit dem Sieg der deutschfeindlichen Boulange in Frankreich. * Wo kommt das Geld für Dreyfus her? Darüber zerbrechen sich die Antisemiten seit Jahren ihre Köpfe. Nun hat's aber die findige „Libre Parole" herausgebracht — und wir werden die Geschichte wohl auch bald in deutschen Antisemitenblättern als geschichtliche Thatsache lesen. Das Boulevardblatt erzählt nämlich allen Ernstes, daß ein polnischer Graf, dessen Name leider nicht genannt wird, in Begleitung eines alten Freundes der „Libre Parole" auf die Redaktion gekommen sei und dort folgende Geschichte zum Besten gegeben habe. Er komme direkt aus Russisch-Polen, aus der Umgebung von Wilna, wo er als Großgrundbesitzer natürlich mit den ihm verhaßten Söhnen Sems in geschäftlichen Beziehungen stehe. Einer seiner Pächter, ein Jude, hätte ihm nun eines Tages gestanden, er sei sehr ungehalten darüber, daß sein Rabbiner ihm eine Steuer von 25 Rubel auferlegt, die er auch zahlen mußte. Erst nach langem