Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Namentlich in der liberalen Äera der siebziger Jahre auch diese Beschränkungen von Fall zu Fall weg, im Parlament machte sich Lasters Einfluß nach dieser Seite hin geltend. Leonhardt als Justizminister, Falk als Kultusminister trugen kein Bedenken, Juden in ihren Refforts anzustellen, und auch Bismarck galt, schon wegen seiner Beziehungen zu Bleichröder, für judenfreundlicher, als er es vielleicht thatsächlich war. Allein die Keime zu einem neuen Umschwung reichen eben in jene Zeit zurück. Im Zusammenhang mit dem Sieg und dem Fünf-Milliarden-Segen kam der gewaltige Aufschwung der Industrie auf der einen und auf der anderen Seite das Spekulationsfieber der Gründerperiode mit ihrer wahrhaft erschreckenden Korruption. Auf der anderen Seite darf aber auch nicht vergessen werden, daß es im preußischen Landtag der Jude Laster war, der 1878 in jener großen Rede zuerst muthig den Finger in diese Eiterbeule legte und den Reinigungs- und Gesundungsprozeß dadurch energisch einleitete." Ziegler kommt dann auf die Stöcker'sche Bewegung und die Persönlichkeit ihres Urhebers sowie auf Treitschke zu sprechen und fällt über Letzteren folgendes Urtheil: „Run glaubte auch Treitschke seine Zeit zu verstehen und nahm sich mit seiner lauten Stimme der antisemitischen Bewegung an. Auch bei ihm war es wohl einerseits Abneigung gegen die Berliner Fortschrittspartei, die stark mit jüdischen Elementen durchsetzt war und durch den sachkundigen Manchestermann Bamberger der neuen Schutzzollpolitik den entschiedensten Widerstand entgegensetzte. Es war aber doch vor allem das rein nationale Pathos und Interesse; das Judenthum erschien ihm als ein Tropfen fremden Blutes im deutschen Volkskörper. Dazu kam, daß er unter dem Einfluß des 70 er Krieges religiöse Jugendeindrücke wieder belebte und legendenartig nach rückwärts, nach dem Muster von 1813, auch in dem Krieg von 1870 der Frömmigkeit eine bedeutsame Rolle zuweisen wollte. So begegnete er sich auch hier mit Stöcker: er schmähte den Liberalismus und näherte sich dem antisemitischen Konservatismus. In den damals noch von ihm redigirten „Preußischen Jahrbüchern", in seinen Vorlesungen und — wo es am schlimmsten ist — in seiner Deutschen Geschichte hat er in seiner temperamentvollen Weise und Form diesem Antisemitismus immer mehr die Zügel schießen lassen. Machte er Anfangs noch den Unterschied zwischen Judenthum und jüdischen Auswüchsen, und wetterte er gegen diese mit sittlichem Ernst und nationalem Pathos, so beschimpfte und verhöhnte er schließlich den Juden sogar wegen seiner krummen Nase oder wegen seiner dünnen Stimme und gewann sich dadurch im Kolleg den Beifall radaulustiger Studenten. Gelegentlich freilich graute ihm doch selber vor seinen antisemitischen Parteigenossen, aber dann dekretirte er schlankweg: „wenn wir ein unsauberes Antisemitenthum emporkommen sehen, so tragen die gemäßigten Parteien die Schuld!" Das hieß die Verantwortung doch recht kavaliermäßig von sich abwälzen." „Unser moderner Staat", so heißt es dann in dem Werke Zieglers nach einem Ueberblick über das allmälige Anwachsen des Antisemitismus, „ist nicht christlich und nicht einmal ausschließlich germanisch: an seinen Rändern gehören Polen, Dänen, Franzosen zu ihm; sollte er also die paar hunderttausend Juden nicht auch noch ertragen können? Der Gedanke, die Juden selbst durch schlechte Behandlung zum Verlassen Deutschlands zu bewegen, und die daran sich anschließende Bewegung der Zionisten, die auf Gründung eines national-jüdischen Staates in Palästina ausgeht, ist völlig utopistisch und anachronistisch und stört nur den längst schon mit Erfolg eingeleiteten Assimilationsprozeß. Und so bleibt doch nichts als Haß und Neid; darauf aber baut man keine Partei, die Bestand hat, nicht einmal einen studentischen Verein, und damit treibt man keine ersprießliche Politik. Wie unvornehm aber die ganze Bewegung ist, das zeigt schon der eine Name — Ahlwardt, dem sogar die akademische Jugend in Berlin eine Zeit lang als „dem Rektor aller Deutschen" zugejubelt hat; der Prozeß wegen der von der Firma Löwe gelieferten „Judenflinten" hat bewiesen, wie unsubstanziirt und leichtfertig antisemitische Beschuldigungen in die Welt geschleudert werden. Daß sie aber in ihrer Skrupellosigkeit auch im höchsten Grade gefährlich ist, das ließ der Mordprozeß Buschhofs in Xanten in furchtbarer Deutlichkeit erkennen: wenn die Ungarn in Tisza Eszlar an das Märchen glauben, daß Juden Kinder an sich locken und stehlen, um sie zu schlachten und ihr Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden, so rechnen wir das billig zu „Halbasien"; wenn aber dasselbe auch in Deutschland geglaubt und dadurch deutsche Städte in Aufruhr und deutsche Gerichte in Bewegung gesetzt werden, dann verhüllt der Genius unseres doch auch an Lessing großgewordenen Volkes beschämt sein Haupt. Kommt es gar, wie in dem pommerschen Neustettin, zu Volksausschreitungen, so ist es an der Zeit, daß die ganze Bewegung als grober Unfug betrachtet und behandelt wird. Und wenn wir heute mit ansehen, wie in Frankreich der Antisemitismus im Bund mit den konservativen Mächten des Klerikalismus und Militarismus durch Lüge und Fälschung, durch brutale Drohungen und hochverrätherische Machenschaften die Gerechtigkeit niederschreit, das Volk in athemlose Aufregung versetzt und den Staat an den Rand des Verderbens führt, so ist auch das für uns eine Warnung, wohin wir es nicht kommen lassen dürfen." „Aber auch auf das Judenthum selbst", so meint Ziegler zum Schluß, „hat der Antisemitismus ungünstig gewirkt. Was in tausend Jahren an den Juden gefehlt worden ist, konnte natürlich in den dreißig und vierzig Jahren nicht mit einem Male gut werden; und doch war die Verschmelzung und Angleichung des jüdischen und deutschen Wesens auf dem besten Wege; möglich ist sie nur durch das Aufgehen der 600 000 Juden unter den 52 Millionen Deutschen. Dieser Prozeß aber wurde gestört und gehemmt durch die Feindseligkeit des Antisemitismus. Die obere Schicht — ich meine damit gerade die gebildetsten und edelsten Vertreter des Judenthums — war auf dem besten Wege, ganz deutsch zu werden und deutsch zu fühlen; auch im Uebertritt zum Christenthum sahen Manche nur noch die äußere Besiegelung dieses Verhältnisses. Jetzt traten auch sie wieder einen Schritt zurück, fühlten sich solidarisch mit ihren verfolgten Glaubens- und Stammesgenossen, und heute ist der Uebertritt eines Juden zum Christenthum keine indifferente, sondern — besondere Fälle abgerechnet — eine recht verächtliche Sache." Es ist natürlich, daß wir den obigen Ansichten Zieglers nicht zustimmen können. Uns erscheint die Assimilation durch den Antisemitismus nur sehr wenig gefährdet, da die Juden sich von jeher als Deutsche gefühlt haben und deutsch in ihrem Geist und in ihrer Gesinnung auch ferner bleiben werden. Dagegen erscheint es uns als ein wahres Glück, daß man die Assimilation und die Taufe nicht mehr mit einander verwechselt und in dieser nicht mehr die „äußere Besiegelung dieses Verhältnisses" erblickt. Wir sehen darin keinen Schritt zurück, sondern viele Schritte vorwärts, und finden gerade in dieser Entwickelung die einzige segensreiche Folge des Antisemitismus. „So hat der Antisemitismus" — dies ist das Schlußurtheil des Historikers — „die Kluft, die sich langsam zu schließen anfing, aufs Neue aufgerissen und erweitert und damit gerade das Gegentheil von dem erreicht, was er anzustreben vorgab. Er hat bis jetzt fast nur zersetzend, fast nirgends wirklich reinigend und aufbauend gewirkt, und deshalb kann ich ihn nicht zu den gesunden, sondern nur zu den Krankheitssymptomen unserer Zeit rechnen."