Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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" - r % * " * -1’ ' * ' ' - w ^{.r -<wwr— ". ^^r5T'T,*SePPS5?<(’'i3^^ - 68 —- Abgesandten der Jude Hurwitz, der Verfasser eines von der Akademie in Metz gekrönten Werkes (Apologie des juifs), befinde, daß dieser als Orientalist der königlichen Bibliothek nur 900 Francs beziehe, aber ein Viertel seines Gehaltes jährlich dem Vaterlande als Geschenk zukommen lasse, weil er meine, daß 900 Francs fiir die Arbeit, die ihm zufalle, zu viel sei. : Der damalige Präsident der Versammlung war der Abbe Mulot, der auch später Abgeordneter in der Asseniblee Legislative wurde. Nach einigen Worten der Höflichkeit, in denen er ausdrückt, daß er dem Vertrauen der Bittsteller entsprechen könnte, ohne die Strenge seiner Grundsätze zu verletzen, sagt er: „Der Abstand, der sich zwischen Ihren religiösen Ansichten und den Wahrheiten, die wir alle, insoweit wir Christen sind, bekennen, offen zeigt, kann uns nicht verhindern, als Menschen uns Ihnen zu nähern; und wenn wir hüben und drüben glauben, uns beklagen zu müffen, so können wir uns doch lieb haben." — Die Abgesandtschaft der Juden wird dann eingeladen, der Sitzung beizuwohnen. Aber ebenfalls am 28. Janliar beriethen die Ageordneten des Volkes über die Rechte, die den Juden einzuräumen seien. In der Kommunalversammlung wollte man das Ergebniß der Sitzung der Assemblee Constituante kennen, bevor man einen Beschluß faßte, und man vertagte sich daher auf den 30. Januar. Dort war nach 11 stündiger Debatte beschloffen worden, daß nur den Juden, die man als spanische, portugiesische und Juden von Avignon') bezeichnete, das Bürgerrecht unter den allgemein erforderlichen Bedingungen zü verleihen sei. — Dadurch waren also die Juden im Norden und Osten Frankreichs — die von Paris und die im Elsaß lebenden kommen dabei besonders in Betracht — vorläufig vom Bürgerrecht ausgeschloffen; nur die im Süden lebenden wurden Franzosen. Am 30. Januar trat vor die Versammlung der Kommune, schon bevor die Tagesordnung festgesetzt war, eine Absendung des Bezirkes „Carmelites du Marais“; an ihrer Spitze war Cahier de Gerville, der damals Hilfssyndikus der Kommune war und später, im November 1791, Minister des Inneren wurde. Im Karmeliterbezirk wohnte damals die größte Zahl der Pariser Juden.3) In einer allgemeinen Versammlung vom 29. Januar hatte dieser Distrikt einstimmig den Beschluß gefaßt, der Stadtverordnetenversammlung den Wunsch auszusprechen, daß den Juden das allgemeine Bürgerrecht unter den gewöhnlichen Bedingungen baldigst verliehen werde. Sechs Abgeordnete sollten diesen Beschluß der Stadtverordnetenversammlung unterbreiten, und außerdem sollte er an den Präsidenten der Nationalversammlung und an die anderen 59 Bezirke versandt werden. Die Begründung, die diesem Beschluffe theils in der Adresse an die Stadtverordnetenversammlung, theils in dem Kommentar des Sprechers der Deputation, Cahier de Gerville, beigefügt wurde, enthält einige, sehr interessante Stellen. In der Adreffe ist unter anderem ausgeführt. daß der Karmeliterbezirk vor allen anderen in der Lage sei. die Juden zu kennen, und man lasse ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn man den Eifer und die Vaterlandsliebe, die sie an den Tag gelegt hätten, dankbar rühme. Die Gleichberechtigung aber sei ihnen um so eher zu gewähren, als sie in ihrer der National- 1) Avignon wurde bekanntlich erst 1791 mit Frankreich verbunden 1348—1791 gehörte es der römischen Kirche. 2) Um wahlberechtigter Bürger zu sein, mußte man 25 Jahre alt sein und an direkter Steuer mindestens einen Betrag zahlen, der dem Lohn für drei Arbeitstage gleichkam. , 3) Der Karmeliterbezirk liegt zwischen der Rue Saint-Martin und. der Rue du Temple einerseits und andererseits der Rue Saint-Merry und der Rue Chapon. Heute gehört er theils dem 3. (Sainte-Avoie), theils dem 4. Arrondissement an (Saint-Merry). Versammlung eingereichten Adresse') gelobt hätten, sich .den Gesetzen und Gerichtshöfen des Reiches vollkommen zu unterwerfen und auf das Vorrecht, besondere Führer zu haben, zu verzichten. Sei doch das unselige Vorurtheil, das sie nun so lange erniedrigt habe, durchaus nicht geeignet, ihnen die Empfindung guter und treuer Bürger zu verleihen; und das Mittel, allen Juden die Thatkraft einzuflößen, die freien Bürgern gezieme, bestehe nur darin, ihnen die Freiheit zu geben. In der Rede aber, die Gerville im Anschluß an die Verlesung der Adreffe hielt, sagt er unter anderem: „Soll ich es frei gestehen? In unserer Mitte sind die Juden schon Franzosen. Ja, meine Herren, der Karmeliterbezirk hat nicht gewollt, daß man sie von den Bürgern unterschiede: man zieht ste zu den Berathungen hinzu, sie theilen die Ehren und Mühen des Militärdienstes, und kein Wort des Unmuthes ist laut geworden gegen diesen Besitz des Bürgerrechtes, der allerdings vom Gesetz noch nicht anerkannt ist." „Nehmen Sie, meine Herren, unsere gerechten und dringenden Vorstellungen zu Gunsten unserer neuen Brüder freundlich auf. Fügen Sie Ihre hinzu, und bringen Sie sie vereint vor die Nationalversammlung. Zweifeln Sie nicht daran, meine Herren, Sie werden mühelos für die Juden von Paris erlangen, was man den Juden nicht verweigert hat, die unter der Bezeichnung spanische, portugiesische und Juden von Avignon bekannt sind." Nachdem der Präsident Mulot die Deputation zu ihrem Schritt beglückwünscht hat, tritt mau in die Diskussion ein. Es wird vieles für den Vorschlag ins Feld geführt, manches aber auch dagegen. Ein Gegner z. B. meint, der Himmel widersetze sich dem Vorhaben der Juden; sie seien und blieben der Gegenstand seines Zornes; die Schmach und Schande, denen sie seit so vielen Jahrhunderten ausgesetzt seien, machten es unverkennbar, daß Gott sie seine rächende Hand fühlen lasse. Im Allgemeinen aber sprach man sich im Sinn der verlesenen Adresse aus, und endlich wurde folgender Beschluß gefaßt: „In Erwägung davon, daß alle in einem Reiche wohnenden Menschen und alle Unterthanen dieses Reiches dieselben Rechte und Ansprüche haben müffen; daß der Unterschied in den religiösen Meinungen keinen in der bürgerlichen Stellung zur Folge haben darf, und daß ein Volk zu der Zeit, wo es sich eine Verfassung giebt, eiligst das Joch der Vorurtheile abschütteln und das mißachtete Recht der Gleichheit wieder zum Ansehen bringen muß; In Erwägung auch davon, daß die in Paris wohnhaften Juden sich stets unbescholten und gutgesinnt gezeigt und besonders in dieser Revolution höchst rühmlich ihre Vaterlandsliebe bewiesen haben, hat die Versammlung beschlossen: ' 1. Daß den Juden von Paris ein öffentliches, beglaubigtes Zeugniß gegeben werde wegen der guten Führung, die ste stets gezeigt haben, der Vaterlandsliebe, die sie bewiesen haben, und der Tugenden, die sie auch da üben, wo die Oeffentlichkeit nicht in Frage kommt (dies hat der Karmeliterbezirk bekundet, in dessen Umkreis die größte Zahl von ihnen lebt). 2. Daß der Wunsch ihrer Zulassung zum Bürgerstand und zu allen Rechten des aktiven Bürgers kräftig zum Ausdruck komme; aber, daß dieser Wunsch der Nationalversammlung erst dann vorgetragen werde, wenn er die Billigung der Bezirke erlangt habe, diese aber sollten ausgefordert werden, zu einer außerordentlichen Versammlung wegen dieses 'Gegenstandes zusammen zu treten. Das soll einestheils deshalb geschehen, weil ja eigentlich in den Bezirken alle Macht in dieser Hinsicht ihren Sitz hat, anderentheils, weil der Wunsch aller Bezirke oder der 9 Die Adreffe soll vom 26. August 1789 sein. Sie ist aber nach Laeroix nicht in den Archives parlementaires zu finden. Die erste große Judendebatte in'der Assemblee nationale fand statt am 21. Dezember 1789. Trotz der dringenden Vorstellungen des Grafen von Clermont-Tonnerre, Adrien du Ports, des Abbe Gregoire, selbst Mirabeaus wurde die Gleichberechtigung, allerdings mit einer äußerst geringen Majorität (408 gegen403 Stimmen), zunächst abgelehnt; man behielt sich eine erneut« Berathung vor.