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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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- 67 - Juden das Recht der Emanzipation zugestanden werden könne. Darum ist Denationalisirung und ästhetische Reform des Rituals das Ziel der ersten Reform. Die Aufgabe des Glaubens an einen persönlichen Messias ist der einzige dogmatische Punkt in dieser Bewegung. Die wichtigsten wissenschaftlichen Schwierigkeiten in der Auffassung. der Dogmen von Schöpfung, Inspiration, Tradition, Erlösung u. s. w. werden ignorirt. Es ist nur um die Abschaffung der „Judenschul" zu thnn. Mit ihr, so glaubt man, wird der „Judenmauschel" verschwinden. Etwas Aehnliches lag der amerikanischen Reformbewegung bei ihrem Beginn vor 56 Jahren zu Grunde. Bei den zweihundert oder mehr Sekten, die hier im Lande bestehen, sollte es doch gleichgiltig sein, ob man ein Mitglied von Reverend Abraham L. Cohens oder von Reverend John Adams Kinneys Kirche sei, wenn cs nur gelänge, Cohens Kirche ebenso amerikanisch zu machen als die Kinneys. Von dieser Täuschung ist man heute geheilt und noch mehr : Man sieht, daß durch unsere Gemeinden ei» gewisser konservativer Zug geht. Die Berathung über die Wiedererweckung des Interesses am Sukkothfeste, die Mahnung in der Botschaft des Präsidenten, nicht zum Mindesten auch eine Aeußerung Köhlers in seiner Festpredigt, mit Anlehnung an eine Midraschstelle, die Israel mit der Taube vergleicht, die angeblich mit einem Flügel rastet, während sie sich mit dem anderen vorwärts bewegt, sind Bojen, welche das Fahrwasser unseres Schiffes anzeigen. So sind es äußere und innere Gründe, welche zum Einhalten auf der Bahn der Reform drängen. Man darf nicht erwarten, daß das traditionelle Machsor oder die Kopfbedeckung wieder eingeführt werden würden, aber der Macht geschichtlich gewordener Verhältnisse wird mehr Rechnung getragen werden. In meiner Darstellung der Vorgänge bei der letzten Rabbinerversammlung kam es mir darauf an, das Bild der treibenden Kräfte im amerikanischen Judenthum zu zeichne». Man wird im Gesammtjudenthum diesen Vorgängen Aufmerksamkeit schenken müsse», zunächst wegen der Zahl der im Gebiet der Union lebenden Juden, dann wegen des Einflusses, welchen sie auf die Angehörigen in der alten Heimath nehmen, und schließlich wegen der vorbildlichen Bedeutung, welche die Entwickelring des Judenthums bei völliger Befreiung von staatlichen Einflüffcn für die Zukunft erlangt. Die Verhandlungen des amerikanisch-jüdischen Gemeindebundes, welcher im Dezember dieses Jahres seine zweijährige Versammlung in Richmond, Virginia, halten wird, werden ja wohl ergeben, ob der Rath des Friedens zwischen beiden Körperschaften, welche das amerikanische Judenthum repräsentiren, walten wird. Are Iudenfrage in Paris vor 100 Jahren. Von Oberlehrer Dr. Felix Rosenberg. loXn jener großen Bewegung, die wir unter dem Namen „fran- XI' zöfische Revolution" zusammenfassen, und deren Einfluß sich die Entwickelung keines europäischen Landes hat entziehen können, spielt Paris die Rolle des Fahnenträgers. Und wie die Hauptstadt des Landes in den Zeiten der höchsten Verwirrung den Volksverführern zujubelte, die sie zu Verbrechen der entsetzlichsten Art hinrissen, so hat sie auch stets in den Zeiten der idealen Begeisterung die erste Anregung 311 den Ideen gegeben, die wir als segensreich fitr den Fortschritt der Menschheit bezeichnen müssen. Nirgends aber läßt sich der Antheil, den Paris an der Revolution hat, so genau beobachten, wie in den Verhandlungen der Kommune von Paris während der Jahre 1789—1793. Dieses Studium ist uns aber erst bequem, ja sogar erst möglich gemacht worden, seitdem Sigismund Lacroix im Aufträge des Magistrats der Hauptstadt in mustergiüiger Weise die Actes de la Commune de Paris pendant la Revolution herausgiebt. Der erste Band ist 1894 erschienen, der letzte, Band 7,1898, reicht bis zum 8. Oktober 1790. Fast bei allen Fragen, die die Zeit bewegten und die in der Assemblee nationale ihre Lösung fanden, sehen wir, daß von der Kommune aus angeregt, getrieben, ja gehetzt wird. So erlangten am 27. September 1791 die Juden Frankreichs ohne Ausnahme das Bürgerrecht durch einen Beschluß der Assemblee nationale. Bei keiner Frage fast wurde auf beiden Seiten so hartnäckig gekämpft, kein Gesetzesvorschlag wurde so häufig vertagt, keiner so energisch wieder und wieder ausgenommen. An jenem Beschlüsse aber hat vielleicht die den Juden so geneigte Gesinnung der Hauptstadt den Ausschlag gegeben. Wir können dies auf Grund der erwähnten Veröffentlichung non Lacroix leicht erkennen. Am 28. Januar 1790 trat eine Abordnung der Juden voll Pmis vor die Versammlung der (damals noch provisorisch gewühlten) Stadtverordneten. Für sie ergriff das Wort Jacques Godard, der den Distrikt der Blancs-Manteaux in der Versammlung vertrat, unb der sich schon früher als Verfasser der „Bittschrift für die in Frankreich ansässigell Inden" um diese, seine Schutzbefohlenen, verdient gemacht hatte. Er wurde übrigens 1791 Abgeordneter der Assemblee Legislative, starb aber einen Monat nach Eröffnullg der Sitzllng. Er führte etwa Folgendes aus: „Ich habe einen Augenblick den Platz verlassen, den ich in Ihrer Mitte, meine Herren, einnahm, um mich an den zu begeben, der mir gebührt (er meint damit natürlich die Schranke des Hauses), wenn ich für Schutzflehende spreche mrd der Dolmetscher der Unglücklichen bin." „Ich bin von den Juden von Paris beauftragt. Ihnen ihre Huldigung und Ergebenheit auszudrücken, ja sogar ihre Dankbarkeit zu bezeigen; dankbar sind sie Ihnen, denn die edelgesinnten Bewohner dieser Stadt haben schon die Wohlthat den Juden erwiesen, die erst das Gesetz ihnen verleihen sollte: ste haben den Geist dieser denkwürdigen Revolution richtig erfaßt, indem ste sich mit den Juden vermengten, sie zu ihren Waffenbrüdern machten, ihnen das Bürgerkleid anlegten, in dem mehrere hier vor Ihnen erscheinen, und sie als Brüder behandelten, bevor Sie sie als Bürger betrachten durften." „Die Juden, die von der Weisheit der Nationalversammlung ein ihnen günstiges Gesetz erwarten, setzen großes Vertrauen in die ehrenvolle Meinung, die über sie in der Hauptstadt herrscht, und deren günstige Wirkung sie schon erfahren haben. So sind sie auch der Ansicht, daß die gute Gesinnung, die diese Stadt ihnen bezeige, ihnen vielleicht das Recht gäbe. Sie inständigst darum zu bitten, daß Sie zu ihren Gunsten ein Wort einlegten und einen Wunsch aussprachen, der die Entscheidung ihres Schicksals beschleunigen könnte." „Sie unterbreiten Ihnen die Bitte, ihnen die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die sie verdienen, und laut zu verkünden, daß Sie ihnen keinen Vorwurf zu machen haben, daß die öffentliche Ordnung nie von ihnen gestört worden ist, daß sie, selbst als ihr Unglück das gewöhnliche Maß überstieg, sich weder gegen die Menschen noch gegen das Gesetz aufgelehnt haben, daß sie ein reiner und eines Bürgers würdiger Eifer für die Bertheidigung des Vaterlandes und das allgemeine Wohl beseelt, und durch diese feierliche Bekundung, die nur der Wahrheit die Ehre geben wird, werden Sie die für rechte Freunde des Vaterlandes so süße Freude haben, nicht nur die Sache der Juden von Paris im Besonderen zu fördern, sondern auch die aller Juden des Reiches, und so dem Glück von 50 000 Menschen den Weg zu bahnen." Weiterhill erklärt Godard, daß von den 500 Juden, die in Paris wohnten, mehr als 100 sich in die Nationalgarde hätten eiureihen lassen und alle ihre Zeit und alle ihre Kräfte der Bertheidigung der Berfaffung widmeten. Godard erwähnt auch, daß sich unter den

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