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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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- - jyT« --j^^RWO!MWWWxMWWWWMY»W>WMW 66 Ernennung Oskar Straus' zum Gesandten in der Tlirkei ist sogar von kirchlicher Seite gesördert worden, offenbar deswegen, weil einem Juden bei der Schlichtung der fortwährenden Wirren, welche die eifrigen amerikanischen Missionäre der Vereinigten Staaten-Regiertüig bereiten, weniger Mißtrauen entgegengebracht wird als einem Methodisten von dem Schlage des letzten Gesandten. Ich selbst bin, ohne jemals politische Ehren gesucht zu haben, schon Delegirter bei her Nominirung der County(Kreis)-Beamten gewesen und bekleide gegenwärtig in der Dorfgemeinde Hyde-Park, einem Vorort von Cincinnüti, wo ich wohne, das Amt des Präsideilten des Sanitätsrathes, kann mich also in einer Richtung Jehuda Halevi und Moses Maimonides an die Seite stellen, die ebenfalls Theologie und Medizin verbanden. Der Patriotismus der amerikanischen Juden beruht also ditf der rationellen Basis, daß die individuelle Wohlfahrt sich auf der allgemeinen ausbaut, und daß man mit der öffentlichen Wohlfahrt die eigene fördert. Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, daß auch hier zu Lande patriotische Demonstrationen' mitunter leere Nachahmung und mitunter blos auf den Effekt berechnet sind. Weirn die katholischen Erzbischöfe Amerikas spezielle Gebete für den Sieg der amerikanischen Waffen angeordnet haben, so geschah es zweifelsohne mit der Absicht, der Anschauung entgegenzutreten, als ständen die katholischen Amerikaner mit ihren Sympathien auf spanischer Seite. Trotzdem ist der amerikanische Patriotismus im Großen und Ganzen ein echter. Wer den Morgen des 4. Juli, des Gedenktages der amerikanischen Unabhängigkeit, hier mit erlebte und den Jubel mit ansah, welchen die Veröffentlichung der Depeschen über die Vernichtung der spanischen Flotte vor Santiago verursachte, lernt echten Patriotismus von falschem unterscheiden. Republik oder Monarchie, Absolutismus und Demokratie sind in gleicher Weise der militärischen Glorie unterworfen, und kriegerische Erfolge werden überall die Maffen enthusiasmiren. Als nach wochenlanger Spannung am Morgen des 4. Juli die Zeitungen die Neuigkeit brachten, daß die amerikanische Flotte zum zweiten Male ohne nennenswerthe Verluste einen glänzenden Sieg erfochten hatte, war der Jubel an diesem durch die Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung ausgezeichneten Tage ganz unbeschreiblich. Die Konferenz, deren Sitzung an dem darauffolgenden Tage begann, nahm Stellung zu der Botschaft des Präsidenten, welcher eine allgemeine Danksagungsfeier angeordnet hatte, beschloß, den Dankgottesdienst am nächstfolgenden Sabbath abzuhalten, sprach in landesüblichen „Resolutionen" die Freude über die errungenen Siege, den Schmerz über die erlittenen Verluste und die Bereitwilligkeit, alle jüdischen Hospitäler in den Dienst der Armee zu stellen, aus und ersuchte den Präsidenten, je nach Bedarf jüdische Armeeseelsorger zu ernennen. Es wurden auch thatsächlich zwei Mitglieder der Konferenz zu diesem Amte ernannt, sie scheinen jedoch wegen des bald darauf abgeschloffenen Waffenstillstandes nicht in Aktion getreten zu sein. Die Konferenz sandte ferner Gebetbücher und andere religiöse Litteratur zur Vertheilung an die jüdischen Soldaten in den verschiedenen Lagern ab. Das Verdienst der Initiative in dieser Angelegenheit gebührt dem Rabbiner Dr. Krauskopf in Philadelphia, welcher als Mitglied einer vom Präsidenten ernannten Kommission zur Jnspizirung der Lager schon die Bedürfniffe der jüdischen Soldaten und die Leistungen der Seelsorge anderer Konfessionen kennen gelernt hatte. Nach einer kürzeren Debatte über die Nothwendigkeit einer jüdischen Ethik, welche Dr. Köhler aus New-Iork eifrig befürwortete, nahm die Konferenz die Verhandlung über ein Referat zum Zwecke der Berathung einer Begräbnißagende auf. Die wesentlichsten Beschlüße waren: Es wird empfohlen, zu der Einfachheit alter Beerdigungsgebräuche zurückzukehren, nur in außerordentlichen Fällen sollen Beerdigungsfeierlichkeiten in der Synagoge stattfinden, sonst im Hause oder auf dem Friedhof. Die Trauerzeit wird auf drei Tage reduzirt, an denen im Hause ein Gottesdienst abgehalten werden soll, das Kaddisch während des Trauerjahres wird beibehalten, hingegen wird erklärt: „Die orientalischen Trauergebräuche des Kleiderzerreißens, auf dem Boden Sitzens, BarfußgehenS, des Wachsenlaffens des Bartes, welche alle Bedeutung verloren haben itnb unsere religiösen Gefühle verletzen, sollen aufgegeben werden". Es scheint wohl ein wenig spät am Tage für die Wiederholung jener Grundsätze, welche die deutschen Rabbinerversammlungen schon vor mehr als einem halben Jahrhundert beschäftigt haben, aber überflüssig sind sie doch nicht. Der Tod wirkt überall dämpfend auf revolutionäre Thätigkeit. Man soll im Sinne des Verstorbenen handeln, man will frommen Gemüthern keinen Anstoß geben und endlich nicht in Streitigkeiten gerathe», welche bei einiger Nachgiebigkeit sich vermeiden lassen. Es wäre demnach thöricht, zu glauben, daß solche Beschlüffe wie Gesetze wirken werden. Mir selbst wurde ein Fall in einer Rcformgemeinde bekannt, wo ein Rabbiner entschied, daß bei einer Beerdigung am Tage vor einem Festtage wohl die siebentägige, aber nicht die dreißigtägige Trauer übernommen werde. Ich glaube sogar, daß die Entscheidung richtig war, obwohl sich gewiß irgend ein ungarischer „Maharam" oder „Maharasch" finden wird, der in seinen Responsen eine gegentheilige Entscheidung abgegeben hat. Da war aber ein gelehrter Herr in der Familie, der von seinem Vater „selig", einem Schameß im Elsaß, ein deutsches „Sephar Hachajim" besaß, in welchem die Entscheidung getroffen war, welche das Verbot des Rasirens auf drei Wochen beschränkte. Eine Berufung auf einen Beschluß der amerikanischen Rabbinerkonferenz hätte gerade so viel genutzt wie ein Citat aus einem Breve des Dalai Lama. Andererseits wird auf dem langsamen Wege der Lehre durch Beispiel und Gewöhnung auch hier eine Aenderung getroffen werden. Von wissenschaftlichen Vorträgen hörte die Konferenz nur einen in letzter Stunde. Es war der Vortrag des Rabbiners Max Heller ans New-Orleans über die Theologie des neuen Gebetbuches (Union Prayer book), Heller, ein Prager von Geburt, der nach absokvirtem Gymnasium hierher kam und am Hebrew Union College stndirte, verbindet mit vollkommener Beherrschung der englischen Sprache eine bei der jungen amerikanischen Generation begreiflicherweise nicht allzu häufige Bekanntschaft mit der alten Liturgie und ein methodisches Geschick in der Behandlung wiffenschaftlicher Fragen. Der Vortrag war ein Gegenstück ju dem im vorigen Jahre gehaltenen Vortrage Professor Margolis': Die Theologie des traditionellen Gebetbuches. Heller ging von dem Gesichtspunkt aus, daß, wenn man auch nicht sixirte Dogmen in Gebetstücke umwandele, doch naturgemäß die dogmatische Anschauung im Gebet zum Ausdruck komme, und demnach versuchte er zu zeigen, welche herrschenden Gedanken bei der Umwandlung der Liturgie hauptsächlich mitgewirkt haben. Der sehr interessante Vortrag, welchem die Konferenz, obwohl von viertägiger Sitzung müde, mit großer Aufmerksamkeit lauschte, wird im Druck erscheinen, und es wird dann Zeit sein, den Auseinandersetzungen zu folgen. Im Allgemeinen wird der eine Punkt übersehen, welcher das eigentlich treibende Motiv der Reformbewegung war. Der Anspruch der Juden auf politische Gleichstellung, welcher schon von Mendelssohn in seinem Jerusalem theoretisch zur Geltung gebracht wurde und seit der französischen Revolution ein praktisches Ziel geworden war, legte es den Inden nahe, daß ihre Religion — der Semitismus als Definition des Judenthums war ja noch nicht erfunden — sich die Emanzipationsberechtigung erwerben müsse, ehe den

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