Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-*A^ 65 söhnnngstag so nahe an das Sukkoihfest fallen, daß das religiöse Interesse der Gemeinde zu sehr absorbirt wird. Interessant war in der Debatte der Umstand, daß, während die amerikanischen Elemente sich für die Verjüngung des Sukkothfestes ausprachen, ein vor nicht langer Zeit eingewanderter Preßburger die Sukka ein Ghetto-Symbol nannte, das keines Wiederbelebungsversuches würdig sei! Thatsache bleibt, daß man alle möglichen Kunststücke aufwenden muß, um dem Sukkothfeste noch eine gewisse Bedeutung zu sichern, und daß selbst die konservativen Rabbiner von Herzen froh sind, wenn das Sukkoihfest, wie in diesem Jahr, auf einen Sabbath fällt, Es dahin zu verlegen, hat man nicht den Muth, obwohl man im Lager der vorgeschrittenen Reform schon längst das Argument vorbrachte: Wenn man noch im Mittelalter den Kalender willkürlich regulirte, damit der Versöhnungstag nicht auf einen Freitag oder Sonntag und der große Hosiannatag nicht auf einen Sabbath falle, warum füllen wir nicht das Recht haben, die Feste auf einen Sabbath zu verlegen? Ein Argument, das schon der Pseudo-Leon Modena— ich halte die von Reggio und Geiger herausgegebenen Werke des Venediger Rabbiners für Rückdichtungen aus den vierziger Jahren — in seinem „Löwengebrüll" geltend gemacht hat. das aber nur von der Sinaigemeinde i» Chicago in das Praktische übertragen wurde, denn sie feiert die drei Wallfahrtsfeste an dem Sonntag der Woche, in welche sie fallen, hält aber noch an den traditionellen Daten für Neujahrs- und Versöhnungstag fest. „Was That wird, folgt dem Zwang von tausend Leben", sagt Gustav Freytag sehr weise. Ein politisches Interesse gewann die Rabbinerversammlung bei der Berathung von Resolutionen, welche die Stimmung anläßlich der kubanischen Siege zur Darstellung brachten. Die Stimmung in Deutschland ist, wie ich aus Zeitungen und aus Briefen meiner Freunde ersehen konnte, selbst bei Juden eine für Amerika im Allgemeinen ungünstige gewesen. Man hat den kubanischen Krieg als ein Komplot von Zuckerspekulanten, Eisenbahnunternehmern und sonstigen Gründern betrachtet, die auf Kosten des Staates und unter dem Deckmantel der Humanität sich bereichern wollten. Man kann sich auch drüben einen amerikanischen Patriotismus nicht vorstellen, weil man einem ans so verschiedenen Rassen und Nationalitäten in kurzer Zeit zusammengewürfelten Volke die Gemeinsamkeit des Fuhlens nicht zutraut. Man vergißt aber dabei, daß gerade die Disparität der Bürger die Nothwendigkeit eines Zusammenschlusses um so gebieterischer gefordert hat, und daß die neue Heimath die Anschauungen sehr rasch nnigestaltet. Numerisch schwache Nationalitäten, wie Dänen, Schweden, Böhmen und Holländer, gehen selbstverständlich in kürzester Zeit in der Masse des amerikanischen Volkes auf. Die Polen, welche hundertjährige Unterwerfung unter deutsche oder russische Herrschaft nicht entnationalisiren konnte, verlieren in der nächsten Generation ihre Nationalität. Die Deutschen gehen trotz ihrer großen Masse im amerikanischen Volksleben unter; höchstens, das; die Gebildeten bei ihren Kindern die Kenntniß der Muttersprache zu erhalten suchen, der durchschnittliche deutsche Gastwirth, Brauer, Metzger, Bäcker und Tagelöhner bequemt sich seinen Kindern zu liebe zu einem gebrochenen Englisch. Der jetzt zu so großer Berühmtheit gelangte Admiral Schley ist auf seine deutsche Abkunft stolz, weil er darauf Hinweisen kann, daß sein sechster Ahne ein im Anfang -es 18. Jahrhunderts eingewanderter deutscher Schulmeister war. Es ist ferner das Bewußtsein, daß jeder 21jährige junge Mann das Recht hat, eine politische Meinung zu besitzen und sie am Stimmkasten zu bethätigen, ob es sich jetzt um die Wahl des Dorfpolizisten oder des Präsidenten der Vereinigte» Staaten handelt, was jenes stolze Gefühl eines l’etat c’est moi erzeugt. Der politische Kulissenschieber hinter der Szene, welcher ja eigentlich die Wahlen macht, muß doch um der gegnerischen Partei willen ein populäres Programn; und einen populären Mann aufstellen. Wen» nun auch der denkende Jude weiß, daß er nicht als vollwichtiger Amerikaner angesehen wird, daß dem Iankee die Begriffe Jew und foreigner als Synonym gelten, so fühlt er doch auch wieder, daß eine 12vjähr!ge Geschichte ihm politische Gleichheit verbürgt. Er weiß wohl, daß eine so außerordentliche Auszeichnung wie die Ernennung des Demokraten Oskar S. Straus zum Gesandten in der Türkei, von einem republikanischen Präsidenten vollzogen, ei» wenig von dem Wunsch beeinflußt ist, die Stimmen der lieben Hebrew fellow citizens für die Partei zu erwerben, aber er weiß dadurch auch, daß man seiner bedarf, und er seinen Einfluß geltend machen kann. Der politische Kulissenschieber — Coss, wie man es hier nennt — nimmt auch darauf Rücksicht, indem er auf die Kandidatenliste einen prominent Hebrerv eitizen setzt und dem Präsidenten oder Gouverneur oder wer sonst Ernennungsrechte besitzt einen solchen „Hebräer" für ein durch Ernennung zu besetzendes Amt vorschlägt. Der denkende Jude weiß auch sehr wohl, daß er in gesellschaftlicher Beziehung nicht als ebenbürtig gilt. In den Klubs, den Hotels, Sommerfrischen, Tanzschulen, Penstonaten u. s. w., wo sich hie vornehme Gesellschaft Rendez-vous giebt, will man ihn nicht haben. Einer meiner Freunde in New-Dork schrieb in diesem Sommer an die Verwaltung einer Sommerfrische, um die Pensionsbedingungen zu erfahren. Er erhielt einen Stoß von Drucksachen mit den üblichen Certifikate» über den Ozongehalt der Luft und den Kohlensäuregehalt des Wassers, und eins allen ist das Notabene: Hebrew custom not solicited. — Um jüdische Kundschaft wird nicht geworben. Spaßeshalber nimmt er ein Zeitungsblatt zur Hand, notirt die Adressen von dreinnddreißig Sommerfrischen, die darin inserirt haben, und schreibt an alle um nähere Auskünfte. Alle dreiunddreißig schicken ihre Cirknlare, und zweiundzwanzig davon werben nicht um „hebräische Kundschaft". Ein anderer Freund, ein Universitätsprofessor im fernen Westen, läßt sich zum Sommeraufenthalt im Felsengebirge nieder. Er wird gut ausgenommen und aufmerksam behandelt, bis er eines schönen Tages im Gespräch mit einem Tischnachbarn, einem kirchlich gesinnten Presbyterianer, die Bemerkung macht, daß er auch einmal Theologie studirt habe. Auf die Frage, in welcher Kirche, antwortet er natürlich, in der jüdischen. Von diesem Augenblick an ist das Benehmen der Hotelverwaltung ein verändertes, und als der Professor sich einmal beschwert, bedauert man achselzuckend, keine Abhilfe schaffen zu können. So sah ich in dem Prospekt einer vornehmen hiesigen Privatschule die Bemerkung: Die Schule ist christlich, obwohl nicht konfessionell, d. h. mit anderen Worten: Hebrew custom not solicited. In politischer Beziehung ist diese gesellschaftliche Scheidung belanglos, denn man kann zu den „oberen Vierhundert" gehören, wie man hier zu Lande sagt, und doch politisch belanglos sein, und man kann umgekehrt politisch eine bedeutende Rolle spielen, ohne des: privaten Verkehrs mit den Herren Astor, Vanderbilt e tutli quanti gewürdigt zu werden. Ja, es ist beinahe umgekehrt. Es war zum Beispiel die Rede davon. Herrn Vanderbilt als Kandidaten für das Gouverneursamt in New-Aork aufzustellen, aber die Partei, die einen solchen Schritt wagen würde, wäre der Niederlage gewiß, denn die große Masse der Stimmgeber würde die gewaltige Uedermacht des Multimillionärs nicht mit politischen Ehren krönen. Umgekehrt habe ich noch nirgends den leisesten Einspruch dagegen vernommen, daß der Präsident des board of aldermen sVizebürgermeister) von New-Zork, Nandolph Guggenheimer, ein Jude ist. Die