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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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- * > - '"- ~flW " Cf-VC-T-^ - -'v-v .-. ■<_ -i. -, ~—- 64 -- Gine offene Frage. Von Dr. M. Singer in Koblenz. o betitelt sich ein kleines Schriftchen, das an die Mitglieder des Allgemeinen Rabbinerverbandes verschickt wird, das <an Gerechte und Ungerechte Licht und Schatten in gleicher Weise vertheilt, d. h. Orthodoxe und Liberale gleich schlecht behandelt und — nach berühmten Mustern — verdient, niedriger gehängt zu werden. ü Als vor zwei Jahren der alte Rabbinerverband rekonstruirt wurde, erhoben Manche ihre warnende Stimme gegen die unnatürliche Verbindung auf Grundlage des ominösen § 16, der die Rabbinervereinigung ihres rabbinischen Charakters entkleidet. Sie haben sich i» ihr Schicksal ergeben, aber nicht im Entferntesten daran gedacht, daß trotz ihrer Unterwürfigkeit ihnen ein Strick gedreht wird, mn dem Orthodoxe und Liberale in schönster Eintracht ausgehängt werden sollen. Und dieser Strick ist noch dazu aus gestohlenem Hanf gewunden, denn ->/,« der 22 Seiten sind ein Bouquet aus abgestandenen Blüthen und Blättern mehrerer Jahrzehnte, rückwärts gerechnet. j Die „offene Frage" des |E?pa D1D berührt mich eigentlich nicht, denn ich gehöre nur in mancher Beziehung zu den Strenggläubigen. Allein cs ist dem offenen Frager gegenüber ja auch egal, denn wenn zwar den orthodoxen Mitgliedern des Allgemeinen Rabbinerverbandes vorzugsweise der Text gelesen wird, so werden dabei doch die liberalen Rabbiner mit einem glühenden Fanatismus herabgesetzt, der schon fürs Museum für jüdische Alterthümer reif ist. Der anonyme Herr kann sich nicht darüber beruhigen, daß Männer, deren ehrliche orthodoxe Gesinnung er nicht zu leugnen wagt, init Liberalen höflich Verkehren, welche „das Religionsgesetz mit Füßen treten", weil sie trefene Milch und ebenso zerriffenen Wei» trinken — von den anderen Komplimenten, die er ihnen macht, ganz zu schweigen. Und mit solchen Leuten, „Konsorten" von.nennt sie der liebenswürdige Herr, setzen sich H.rc. zu Tisch, um gemeinsam den Zionismus zu verspeisen!? Wie kann man auch materielle Interessen in sachlicher Weise zusammen berathen, -mit Männern, die am Sabbath ein Taschentuch tragen, und gegen welche die Groß- und Schwiegerväter die Erklärung erlassen haben, daßsie keine Rabbiner seien, auch wenn sie im Besitze einer Hatorath horad sind, die offenbar nicht das Wissen, sondern die orgellose Gesinnung bescheinigt? Es ist verblüffend, wie der wackere Anonymus — der bon Wien aus sein in Straßburg gedrucktes Pamphlet gratis versendet, da es sonst Niemand zu Gesicht bekäme —die orthodoxen Rabbiner abkanzelt, denen er nahe gelegt, daß es „häufig zum Nachtheil gereicht, in Gemeinschaft mit neologen Genossen eine allgemeine Angelegenheit zu vertreten". Beweis: Die erfolglose Thätigkeit des Centralausschusses in Sachen der jüdischen Strafgefangenen. Ein nüchterner Mensch würde allerdings aus dieser gemeinschaftlichen Thätigkeit schließen, daß es für Orthodoxe und Neologe genug gemeinsame Berührungspunkte und Heiligthümer giebt, welche zwar nicht immer erfolgreich vertreten werden — force majeur —, aber beim Zusammengehen immerhin einen imposanteren Eindruck zucücklaffen, als wenn getrennt marschirt wird.! Ja, ich hörte es aus dem Munde eines der höchstgestellten Staatsniänner, daß er einem gemeinsamen Vorgehen und Petitioniren der Rabbiner verschiedener Richtung beim Abgeordnetenhause bezw. beim Staatsministerium einen entschiedeneren Erfolg verheißen könne als dem Vorgehen des Einzelnen bei Zerfahrenheit im Aeußeren. Vous vous fache/, vous avez tort! kann man dem Schreiber des Pamphlets zurufen. Der Mann scheint in Sibirien zu leben und nicht zu wissen, daß in wichtigen Fragen — z. B. der Schächtfrage — seinerzeit Orthodoxe und Liberale bereits einträchtiglich zusammen - gingen; Alle haben sie ihre Schuldigkeit gethan, und ihre Thätigkeit war von Erfolg gekrönt. Wer solchen Männern, die damit dargethan haben, wie sehr ihnen die Sache der Schechitah am Herzen liegt, heute noch nachsagt, was in einer alten, willkürlich zusammengestoppelten Scharteke, die sicherlich doch Menschenwerk ist, gestanden hat, daß Schochtim, welche von Synodalrabbinern autorisirt sind, als unautorisirt zu betrachten seien, ist — parlamentarisch gesagt — eine komische Figur. Ich glaube kaum, daß auch nur ein einziges der orthodoxen Mitglieder des Verbandes heute noch die Verbissenheit gutheißen wird, mit welcher der Schreiber bei dieser Gelegenheit unbequeme Sätze aus der verdienten Vergessenheit herausgräbt, welche die Stimmung früherer Jahrzehnte charakterisirt: „Niemals hat das Judenthum mit seinen Gegnern und Feinden paktirt. Als in der Wüste das goldene Kalb gemacht wurde, da hat Mosche kein Kompromiß mit dem 2*1 212 geschlossen; ebenso wenig, wie es die Propheten mit all den götzendienerischen Königen gethan. Das Bündniß, das der fromme Joschapat mit Achad geschloffen, wurde ihm als Sünde angerechnet und trug ihm die übelsten Folgen Haben die aus der babylonischen Gefangenschaft Zurückgekehrten mit den Kuthäern, die Weisen der Mischna mit den Sadduzäern und die Rabbiner des Mittelalters mit den Karäern Kompromisse geschloffen? Und wir sollen mit den Leugnern der göttlichen Lehre, mit Grundsätzlich-Abgefallenen, mit Leuten, die uns ferner stehen als Sadduzäer, Kuthäer und Karaiten, Kompromisse schließen...."? Der Mann, der seinerzeit diese Worte geschrieben, ist schon todt, und wir können nicht mehr mit ihm rechten. Allein das Zusammengehen ist von der ersten orthodox-autoritativen Seite gutgeheißen und durch persönliche Anwesenheit sanktionirt worden, so daß die „offene Frage" durch die Gegenfrage zu beantworten ist: PPEIE? 'Ö '12*1 1'öSnn '121 211 '121- Auf wen soll man hier hören, auf den Lehrer oder auf den Schüler? Nun,' wir und mit uns alle Einsichtigen hören in diesem Falle lieber auf den klugen Lehrer. Die aus sicherem Hinterhalt abgeschoffenen Pfeile werden aber wohl glücklicherweise Niemanden verwunden. Aas amerikanische Israel. Dargestellt an der Hand von Berichten^ über die Rabbiner- Aonferenz in Atlantic (Lity. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, O. Sukkothfest, Patriotismus, praktische und wissenschaftliche Fragen. ine wichtige Berathung entspann sich über das Referat des Rabbiners Maurice Harris vom Temple Israel in Hartem (dem New-Norker Westend): Wie ist das Sukkothfest populärer zu machen? Der Redner schlug vor, das Sukkothfest, als ein Erntefest, mit besonderer Rücksicht auf die Jugend, im Tempel zu feiern. Man solle in der Synagoge, also nicht ganz konform init den rabbinischen Vorschriften, eine Sukka errichten, sie mit den wesentlichsten Bodenerzeugnissen schmücken und in der Predigt dem Danksagungsgedanken Ausdruck geben. Vielfach geschieht das bereits, denn die Schwierigkeit liegt, wie der Rabbiner Phflipson aus Cincinnati bemerktes in dem Umstand; daß Neujahrs- und Ver-

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