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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-03 · Heft 5 (3.2.1899) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Beschuldigungen gegen die Juden diente, als durch die eigenthümliche Melodie, deren Entstehung unbekannt ist, wiewohl es unzweifelhaft ist, daß dieselbe in eine sehr entfernte Periode gehört, da sie nichts gemein hat mit den musikalischen Schöpfungen der letzten Jahrhunderte. Es ist etwas Eigenartiges, Originelles und zu gleicher Zeit sehr Melodisches und Musikalisches. Es ist unzweifelhaft, daß derVerfafler dieserMelodie — wer es auch sein mag — ganz ungewöhnliche musikalische Eigenschaften und die Gabe eines großen Komponisten besaß. Ilnd so wollte ich mich Abends in die Synagoge begeben, um „Kol-Mdre" zu hören, aber zu meinem größten Leidwesen gelang mir dies nicht, da wichtige Angelegenheiten mich daran hinderten. Tags darauf gegen sechs Uhr Abends ging ich mit einem meiner Verwandten zur Synagoge, wo wir gerade zum Schlußgebet kamen, Tefilath Neila, womit dieser für die Juden denkwürdige Tag geschlossen wird, an welchem sie 24 Stunden lang ein strenges Fasten beobachten und die Räume des Gotteshauses nicht verlasien, >vo sic die ganze Zeit im Gebet zubringen. Als wir den Tempel betraten, war er von Betenden überfüllt, auf deren Gesichtern zu gleicher Zeit ein religiöses Entzücken und physische Uebermüdung deutlich ausgeprägt waren, und man merkte an ihnen unzweifelhafte Spuren des anstrengenden Fastens. Es brannten eine Unzahl Wachs-, Stearin- und Talglichter, die noch mehr zur Erhöhung der hohen, afrikanischen Temperatur in der an und für sich großen Synagoge beitrugen. Das Innere des Tempels bot einen ehrsurchtgebietenden Anblick dar. Alle Betenden trugen weiße Leicheugewänder, die mit schneeweißen wollenen oder schwarzgestreiften seidenen, reich mit Silber oder Gold geschmückten Gebetmänteln bedeckt waren, die man „Talieth" nennt. In der Synagoge herrschte ein unbeschreibliches dumpfes Stöhnen. Je mehr der feierliche Tag sich seinem Ende nahte, umsomehr wuchs die religiöse Exaltation, die ihren Zenith während des langen Schlußgebetes erreichte, in welchem sozusagen alles Bitten und Flehen um Vergebung der Sünden, um ein neues, glückliches Jahr und erfreulichere Zukunft resumirt ist. Viele weinten bitterlich, schlugen sich an die Brust und baten um Gnade und Verzeihung. Ein herzerschütterndes Jammern vernahm man von der oberen Galerie, wo die Frauen sich befanden, den Blicken der unten betenden Männer gänzlich entrückt, und es fand ein Echo im Schluchzen der Männer, über deren bärtige Gesichter reichliche Thränen flössen. Für den fremden Zuschauer war es ein ganz außergewöhnlicher, erdrückender und schwerer Anblick. Aber auf mich, wiewohl ich unzählige Male einem solchen Gottesdienst bei gewohnt habe, machten diese Thränen, dieses Stöhnen und Flehen einen tiefen, erschütternden Eindruck. Nun beginnt das „Schlußgebet" seinem Ende sich zuzuneigen; die Thränen sind getrocknet, das Weinen verstummt, und eine freudige Stimmung ist angebrochen, als der Kantor das Gebet laut vortrug, in welchem der Allmächtige angefleht wird, die Gläubigen zu erhören, ihnen jetzt zu verzeihen, wo der Tag sein Ende erreicht. Und wie mit einem Zauberstabe verstummte Alles mit einem Male, und man vernahm blos die schöne Stimme des Kantors, der das wunderschöne, rührende Gebet „kessest loim sestasr", d. h. „Eröffne uns die himmlischen Pforten" u. s. w-, vortrug, diese prachtvolle Hymne, die sehr poetisch gehalten, welche die Gemeinde feierlich wiederholt, indem sie freudig jeden vom Kantor gesungenen Vers nachspricht. Als ich diese schöne Melodie hörte und die wundervollen Verse des Textes in der Uebersetzung nachlas, bemächtigte sich meiner plötzlich die schöpferische Kraft. Ich fühlte die Nähe Gottes, es bemächtigte sich meiner eine künstlerische Begeisterung, und ich eilte nach Hause, um sofort den empfangenen Eindruck niederzuschreiben, um demselben eine Form zu geben. Das Resultat davon war — „Qeffnet mir die Kerkerpforten". — „Und so haben wir," rief Dawydow aus, „Ihrem Besuche in der Synagoge diese Perle, diese herrliche Komposition zu verdanken, die in ganz Rußland und in der schönen Uebersetzung „Qeffnet mir die Kerkerpforten" in der ganzen Kulturwelt gesungen wird?" Rubinstein lächelte. „Ich habe lange daran gedacht," sagte er nach einer langen Pause, „mich mit der Synagogen- Musik zu beschäftigen und manche in hohem Maße originell jüdische Melodien auszuarbeiten, besonders zu den Gebeten von Rosch-Haschanah und Jom-Kipur. Als ich das reizende Gedicht Heines „Prinzessin Sabbath" las, entschloß ich mich, die Melodie zu „Lechodaudi" zu schreiben, ferner zu einigen besonders poetischen Stellen aus dem „Halle!", die ganz entzückend sind. Ich habe schon so manche Notizen und Bemerkungen, die ich in den Synagogen in Rußland sowohl als im Auslande gesammelt habe. Ich versuchte auch, sie in Ordnung zu bringen, aber es fehlt mir an Muße, sie auszuarbeiten. Sobald ich nur meine Angelegenheiten geordnet habe, werde ich mich bestimmt damit beschäftigen und hoffe, etwas für meine Glaubensgenossen zu schaffen." Als wir später zusammentrafen, erinnerte mich Anton Grigorjewitsch an sein Versprechen, und besonders sprach er sehr lange darüber das letzte Mal, vor sechs Jahren, anläßlich der Feier des 25 jährigen Jubiläums des Bestandes der Beffel'schen musikalischen Verlagsfirma, bei einem Kelch Champagner.... Bald darauf ging Rubinstein in die Ewigkeit ein, ohne sein Vorhaben in Erfüllung gebracht zu haben. Fitterarische MrttheUungrn. — Emil Lehmann: Gesammelte Schriften. Berlin 1899. H. S. Hermann. Ein Kreis von Freunden hat diese prächtig ausgestattete Sammlung von Emil Lehmanns Schriften und Aufsätzen zur Erinnerung an den Verstorbenen herausgegeben. Brauchen wir den Lesern unseres Blattes auseinanderzusetzen, wer Emil Lehmann war und worin seine historische Bedeutung für die deutschen Juden lag? Sicherlich nicht. Wohl aber dürfen wir sie auf diese Sammlung seiner Schriften, Vorträge und Gedichte angelegentlichst aufmerksam machen, in denen die Individualität des ausgezeichneten Mannes als eine geschlossene vor uns tritt und zur Beurtheilung reizt. Wir erkennen in Emil Lehmann nach der Lektüre dieser mehr als ein halbes Jahrhundert umfassenden Arbeiten einen edlen, reinen Charakter, einen treuen und warmen Anhänger des Judenthums, einen begeisterten Schwärmer für das deutsche Vaterland, einen entschiedenen Kämpfer für den Fortschritt auf allen Gebieten des Geistes, daher auch für die Reform im Judenthum, und endlich einen hochbegabten Schriftsteller, einen gemüthvollen Dichter voll Schwung und Begeisterung. Seine gesammelten Schriften lesen stch wie ein Memoirenwerk zur Geschichte des deutschen Judenthums in dem letzten Halbjahrhundert. Auch wo man dem Autor nicht zustimmt, erkennt man gern die hohe und reine Gesinnung, den Adel des Charakters und die Wärme des Gefühls an, die ihn beseelen. Mit gerechtem Stolz darf man auf diesen Mann als auf das Muster und Beispiel eines deutschen Juden Hinweisen, und der Kreis von Freunden, der dieses Werk in wahrhaft liberaler Weise herausgegeben und mit dem wohlgetroffenen Bildniß des Heimgegangenen Freundes geschmückt hat, verdient in der That unseren herzlichen Dank, unsere volle Anerkennung. Wir haben nicht viele Werke in unserer neueren Litteratur, die diesem an die Seite zu stellen wären. Möchte es viel gelesen werden und das Beispiel des vortrefflichen Mannes anregend und belebend auf unsere Jugend wirken. Briefkasten der Nedaktion. O. L.r Selbstverständlich heißt der ehrwürdige Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Aachen Dr. H. Jaulus. Es war nur ein Druckfehler. Arr mehrere Einsender: Die Berichte über die letzten Lehrerkonferenzen folgen in den nächsten Nummern hinter einander, und zwar in der Reihenfolge des Einlaufes. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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