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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-03 · Heft 5 (3.2.1899) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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SS „Ist es wirklich wahr, daß heute Jom-Kipur ist?" sagte er mit leiser Stimme. „Wahrlich, ich wußte es nicht, und wenkt ich Ihnen die Phantasie-Improvisation nach der Melodie des Kol-Nidre gespielt habe, svj war es blos ein reiner Zufall. . . Aber nein," unterbrach er sich, „es giebt nichts Zufälliges. Das ist ein Atavismus, mon eher: Der Instinkt brachte mich dazu, Kol-Nidre zu spielen, und namentlich heute, und zwar jetzt in diesem Moment, wo Sie direkt aus der Synagoge kommen. In der That, es ist ganz sonderbar! Ich wußte wahrlich nicht, daß heute Jom-Kipur ist, und plötzlich kam mir die Idee in den Kopf, die Melodie von Kol- Nidre zu spielen; Erinnerungen der Kindheit wachten in mir plötzlich auf und begeisterten mich. Glauben Sie mir, es giebt nichts Zufälliges." Im selben Moment traten Sophie Menter und Dawydow ans Piano, an dem Rubinstein noch immer saß, und aus dem er verschiedene Akkorde hervorzauberte. „Was haben Sie, Maestro, gespielt?" srug Frau Menter. „Es ist etwas ganz Außerordentliches, das ich zum ersten Mal höre. Westen Komposition ist es?" „Meine theuere Sonitschka," erwiederte Rubinstein, ironisch lächelnd, „es wäre sehr schwer, Dir die Bedeutung dieser Piece auseinanderzusetzen. die mehr als tausend Jahre und darüber hinaus alt ist, und deren Verfaffer so bescheiden war den zeitgenössischen Komponisten ganz unähnlich, daß er seinen Namen verborgen hielt. Das verstehst Du nicht, mein Kind. Und weißt Du, Sonitschka, warum? Weil Du eine Goje bist, und dieses Wort verstehst Du ebenfalls nicht, und aufrichtig gestanden, ich selbst kenne die Bedeutung deffelben nicht, wiewohl ich überzeugt bin, daß ich Dir gegenüber dasselbe richtig anwende, und als solcher ist Dir doch so manches unzugänglich, was uns Dreien (auf sich selbst, auf Dawydow und auf mich zeigend) vollkommen deutlich ist. Allerdings, meine Liebe, warst Du mit einem Juden verheirathet, aber diese Ehe war nicht glücklich, lind Du hast vom JudenthutN gar keinen rechten Begriff. Erstens hast Du Dich von Deinem Mann geschieden, und zweitens hast Du die aus einer Ehe mit einem Juden hervorgegangene Tochter einem katholischen Kloster zur Erziehung übergeben. Aber glaube nicht, liebe Sonja, daß ich Dir einen Vorwurf deshalb mache. Möge Jeder nach seiner Fayon selig werden. Ich bin tolerant und verhalte mich mit aller Achtung allen Religionen gegenüber. Du bist eine Katholikin, ich griechisch-katholisch, er (auf Dawydow zeigend) ist Protestant, und dieser unser gemeinschaftlicher Freund (auf mich zeigend) ist ein rechtgläubiger Jude; für ihn habe ich auch diese Melodie gespielt, die Dir so sehr gefallen hat. Aber auf welche Art und Weise soll ich Dir diese Piece erklären? Und wenn ich Dir sagen werde, daß der Jom-Kipur der Tag der Versöhnung und Vergebung bei den Juden ist, so wirst Du, liebe Sonitschka, dies dennoch nicht verstehen, ebenso wenig, wie Du die Schönheiten der Melodie des Kol-Nidre verstehst." „Ich bedauere ungemein. Anton Grigorjewitsch," sagte ich, um der Unterhaltung, die eine heikle Wendung nahm, ein Ende zu machen, da dieselbe die empfindlichste Seite im Leben der berühmten Künstlerin berührte (ihre unglückliche Ehe nämlich mit David Popper, dem bekannten Violoncellisten), „daß ich nicht die Kunst eines Stenographen besitze, um Ihre wundervolle Improvisation des Kol-Nidre niederzuschreiben. Ich bin überzeugt, daß dieselbe Furore gemacht hätte, besonders die Juden wären davon ganz entzückt. Dachten Sie nie daran, etwas Jüdisches zu komponiren?" „In meinen musikalischen Schöpfungen werden Sie viele jüdische Motive^und Gesänge finden, die ich in meiner Kindheit hörte, und die dreißig Jahre später in meinem Gedächtniß wieder erwachten," sagte Rubinstein sinnend. „Ich wundere mich manchmal selbst, woher diese traditionellen Gesänge und Melodien kommen, die Mch verfolgen und mir keiire Ruhe lasten. Es summt mir immer sim Hirn, und es hört nicht auf, und es läßt mich nicht zur Ruhe kommen, bis ich sie aufs Papier niederschreibe. Es schien doch, "As ob zwischen mir und dem Judenthum nichts Gemeinschaftliches vorhanden wäre, da ich in der frühesten Kindheit mein HeimathSdorf verließ, als wir mit der Mutter nach Moskau zogen, wo ich init den Juden in gar keine Berührung kam. Dasselbe war auch in der Folge der Fall, und das Judenthum wurde mir mehr und mehr entfremdet. Nichtsdestoweniger konnte ich mich von den Traditionen der Vergangenheit nicht losmachen, und das Judenthum wurde mir wieder theuer, je mehr die Erinnerungen meiner Jugend verblaßten. Diese Erinnerungen meiner Kindheit erwachten in mir mit größerer Macht im Anfang der achtziger Jahre, als die Verfolgungen der -Juden in Südrußland begannen. Noch nie fühlte ich mich den Juden so nahe wie damals, als ein so schreckliches Gewitter über Wre Häupter dahinzog. Ich fühlte mich ebenfalls erniedrigt und beleidigt, und mein Herz blutete, als ich die Berichte über diese traurigen Ereignisse las. . . . Dastelbe war mit meinem Bruder Nikolai der Fall, vielleicht bei ihm sogar in größerem Maße als bei mir selbst. Je älter ich wurde, desto mehr wuchs die Sympathie für meine Glaubensgenossen. Ich muß bekennen, daß sie sich stets sympathisch zu mir verhielten und mich immer als den „Ihrigen" betrachteten." ' «Ja," fuhr Anton Grigorjewitsch nach einer Pause fort, „das sst eine merkwürdige Thatsache, und ich erinnere mich stets der Geschichte der Marannen, die im Laufe vieler Geschlechter offiziell stch zum Katholizismus bekannten, als solche geboren wurden, aber 'sin Geheimen das Judenthum beobachteten und bei der ersten Ge- ^k«Tenheit in den Schooß der Synagoge wieder zurückkehrten. Persönlich dachte ich nie daran, zum Judenthum überzngehen. Aber die Bande des Blutes mit den Juden waren nie zerrissen. Ich besuchte gern die Synagoge während der hohen Feiertage, wie Rosch-Haschanah und Jom-Kipur. Ich erinnere mich sogar, daß ' ein solcher Synagogenbesuch mir den Gedanken zu einer musikalischen ^Komposition gab, welche später sich großer Popularität erfreute, nämlich der: „Oeffnet mir die Kerkerpforten". „Bitte, erzählen Sie uns, Anton Grigorjewitsch, wie dies geschah," baten wir alle Drei unisono. Und Rubinstein erzählte uns folgende interestante Episode. III. „Ich besuchte in jedem Jahr meine Mutter in Odessa, und einst, es sind schon viele Jahre seitdem verflossen, geschah es, daß ich gerade zu den jüdischen Feiertagen „Jomim noruim"*) anlangte. Am Abend des Jom-Kipurs wollte ich mich nach der Synagoge begeben, um zu hören, wie der Kantor der Odessaer Hauptsynagoge (er besaß, wie man mir sagte, eine wunderschöne Stimme), das „Kol-Nidre" singen würde. Dieses Gebet war mir stets sympathisch, sowohl durch den merkwürdigen Inhalt, der nicht selten als Vorwand zu ungerechten Anton Grigorjewitsch sagte diese Worte in hebräischer Sprache, in welcher er im Allgemeinen viele Worte kannte, und er wendete sie bei Gelegenheit sehr gern an, um sich mit der Kenntniß derselben zu brüsten. > Gr kannte auch den jüdisch-deutschen Jargon und benutzte ihn. nicht : selten. Wenn er gut aufgelegt war (was übrigens nicht oft der.Fall «gewesen), so wendete er sich zu seinen Bekannten (wenn darunter Juden waren) mit den Worten: „Nun wollen wir mauscheln nach Herzenslust." Er liebte sehr den Jargon und sagte stets, daß dieses Idiom ein sehr energisches sei.

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