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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-03 · Heft 5 (3.2.1899) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 sich nicht nur sympathisch in ihren Leiden verhielt, sondern er that bei jeder Gelegenheit, die sich ihm darbot, sein Möglichstes für ihr Wohl. Was aber Dawydow anbelangt, so stand dieser berühmte Künstler dem Judenthum viel fremder gegenüber, als es bei Rubinstein der Fall war, Dieser kurländische Jude wuchs in einem Milieu auf, das sich stets indifferent zum Judenthum verhielt, für das Karl Juljewitsch blos ein oberflächliches Verständniß hatte. Er wich immer selbst per zartesten Andeutung auf seine jüdische Abstammung aus, und nur im intimen Kreise (besonders aber in Rubinsteins unb in meiner Gesellschaft) erinnerte er sich seiner Kindheit .im Ghetto und that sich sogar etwas darauf zu gut, indem er die Verfolgungen, von denen er behauptete, bedroht gewesen zu sein, zum Besten gab. Aber in Mitau, der Vaterstadt Dawydows, gab es nie ein jüdisches Viertel, diesen verzauberten Kreis, dies Erbe des Mittelalters; es fanden nie ernste Verfolgungen der Kinder Israels statt, und die jüdische Frage nahm nicht einen so ernsten Charakter an, wie es in den anderen Theilen Rußlands der Fall war. Kurland kannte keine Ghettokinder, mit denen Rubinsteiu, der Abkömmling von Berdyczewer Juden, so sehr gut bekannt war, die so viel von der dummen Arroganz des polnischen Adels zu leiden hatten. Und darin bestand der Unterschied zwischen den beiden berühmten Künstlern. Dawydow wuchs in einer reichen jüdischen Familie in Kurland Hera», wo zwischen den Christen und Juden seit undenklichen Zeiten ziemlich gute Beziehungen vorhanden waren, unb wo im Allgemeinen die Juden auf einer viel höheren Stufe der Kultur standen als ihre von den Polen und Lithauern verfolgten und verhaßten Glaubensgenossen in Berdyczew und Umgebung. Es erklärt sich dadurch die Lebensfreudigkeit Dawydows und die pessimistische Geistesrichtung Rubinsteins, der aus armen Verhältniffen hervorging, per Zeuge von Erniedrigungen und Beleidigungen war, denen die Juden überall unterworfen gewesen, erzogen in der Schule der Noch und des Elends und seit seiner frühesten Kindheit fortwährend im schweren Kampf umS Dasein und in traurigen gesellschaftlichen und moralischen Verhältniffen. Diese Erinnerungen seiner Kindheit (in denen die von Anton Rubinstein vergötterte Mutter die Rolle einer wirklichen Heldin spielte, eine wahrhafte „Eschet-Chajil", über die Hymnen gesungen werden, und die Rußland und der Welt solche zwei berühmten Söhne wie Nikolai und Anton gab) drückten Rubinstein ihr Siegel auf, und selbst auf der Höhe seines Ruhmes, inmitten des Reichthums und der Ehren, die Fortuna in reichem Maße ihm zu Theil werden ließ, als ob dieselbe ihn für die Leiden und Entbehrungen der Jugend entschädigen wollte, verließ ihn die Melancholie nicht; ja der den Juden seit Jahrhunderten eigene traditionelle Weltschmerz kommt in seinen unsterblichen Schöpfungen zum Ausdruck. Er verhehlte durchaus nicht, daß dieser Volksschmerz ein erblicher ist, und zählte sich nicht zu den Glücklichen, obwohl es schien, daß alles diesem „Günstling des Glückes" zulächle. Sehr oft während seiner Konzerte fand ich ihn, als man ihm jubelnde Ovationen darbrachte, im Künstlerzimmer düster dahinbrütend, und er erschien sehr ungern auf der Estrade nach dem stürmischen Ruf des entzückten Publikums. II. Sophie Menter beendigte soeben glänzend und mit merkwürdiger Meisterschaft eine schwierige ungarische Rhapsodie von Liszt, und wir klatschten rasenden Beifall der sympathischen Künstlerin, als Rubinstein sich ans Piano setzte und zu phantasiren begann. Im Anfang war es schwer zu verstehen, was er eigentlich spielte, es waren unbestimmte Akkorde, aus denen eine Melodie hervorging, die aber gleich wieder durch eine stürmische Fluth von Tönen bewältigt wurde. Aber nach und nach ging Rubinstein zu einer melancholischen Andante über, und plötzlich, zu meinem größten Erstaunen und Entzücken, ließen sich die ernsten, feierlichen, von unendlichem Weh und rührender Innigkeit erfüllten Töne des „Kol- Nidre" vernehmen. Nachdem er die ganze Melodie in ihrer wunderbaren Einfachheit und erhabenen Schönheit gespielt, fing Rubinstein an, auf jenes Thema zu phantasiren (der Name des Komponisten der Melodie ging in der Geschichte der Vergangenheit verloren und ist bis jetzt unbekannt) und führte in diesem Thema Zeichnungen von wundervoller Schönheit aus. Das war eine Kaskade reizender Töne, die eine Art Symphonie darstellten, von dem großen Meister mit der ihm eigenen unnachahmlichen Eleganz des Spieles vollführt, bei der er aber eine in der That rührende Zartheit entfaltete. Da war das Lallen des Kindes, das Weh des Mannes, das Weinen der Frau, das feierliche, erhebende Gebet, der nnsägliche Kummer und Verzweiflung, die Freude und die Hoffnung ausgedrückt; da war die ganze tragische Geschichte des unglücklichen Volkes Israel in Tönen zum Ausdruck gebracht, deren Konzentration die erhabene Schöpfung des musikalischen Genies bildete. Noch nie in meinem Leben habe ich eine ähnliche Improvisation gehört (man sah gleich, daß es eine Improvisation, die Eingebung eines Moments war); durch melodische Kaskaden flössen unaufhörlich wundervolle Töne, vermengten sich reizende Variationen, bald bebend und flehend, bald drohend, erhaben. Das Instrument weinte von Zeit zu Zeit unter den künstlerischen Händen des Virtuosen, bald drückte es eine unbegrenzte Verzweiflung, bald wieder den Jubel einer großen Freude aus. Und in dieser wundervollen Symphonie hörte die originelle Melodie von Kol-Nidre nicht auf; sie wiederholte sich beständig in unendlichen melodischen Varianten, bald im Baß, bald im Diskant, bald in einem wilden chaotischen Strom von Tönen, bald in der feierlichen, naiven Einfachheit der ruhigen Melodie, die an Chopins Nocturne oder an den ersten Theil der berühmten Sonate „tzuasi una Fantasia“ von Beethoven erinnerte. Und der Salon des Hotels Bellevue verwandelte sich mit einern Mal in eine große Synagoge, in einen von Betenden gefüllten Tempel, und an mein Ohr dringt der freudige Ton des in den Talith gehüllten Kantors: „Wajomer Adonai, sulachti kidworecho“; und Tausende von Stimmen wiederholen diese freudige, von rosigen Hoffnungen erfüllte Verheißung. Und cs brennen Tausende von Lichtern, und ihre Flamme, wie es schien, vor Kurzem erst in tiefe Trauer verhüllt, war mit einem Mal freudig wieder erwacht und beleuchtete mit ihrem hellen Strahl die verweinten Gesichter der Betenden, wie ein goldener Sonnenstrahl die öde Landschaft, die dunklen Wolken durchbricht und eine lebensfreudige Stimmung verbreitet. Die Illusion war eine vollkommene, wenn auch nur eine momentane. . . . Ich bin wieder im Salon von Sophie Menter, und der Wunderkünstler am Piano fährt fort, das Zimmer mit den herrlichen Variationen der Melodie von Kol-Nidre zu erfüllen, und auf dem wie aus Marmor gemeißelten Gesicht von Rubinstein erscheint etwas Beseligendes, Helles und Freudiges, ganz Fremdartiges in der gewöhnlich erhabenen, düsteren Erscheinung. Die Zuhörer waren ganz überrascht; in Dawydows Augen glänzten Thränen, Sophie Menter war ganz aufgeregt, und ich ging auf Rubinstein zu: „Wiffen Sie, Anton Grigorjewitsch, daß heute Jom-Kipur ist, daß man gestern Abend Kol-Nidre sang, welche Melodie Sie soeben in so wundervoller Weise zum Vortrag brachten? Ich komme ja geradenwegs von der Synagoge und habe durchaus nicht erwartet, dasjenige zu hören, was ich das Glück hatte, eben zu vernehmen." Rubinstein sah mich ganz verwundert an.

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