Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Deine Mutter. In, Du bist gekommen, sie zu finden und zu retten! O darum, darum bist Du gekommen, mein Sohn, mein rettender Sohn?" Und sie küßte seine Hände, seine Arme voll wahnsinnigen Entzückens, sie wäre auf die Kniee vor ihm gesunken, wenn er sie nicht gehalten, denn sie betete ihn an, weil sie plötzlich durch seinen Besitz unermeßlich reich geworden war, reich an Liebe und Glück, wie sie wähnte-und alle Empfindungen ihrer Seele, so lange aufgespart und unterdrückt, jubelten voll tiefer Leidenschaft zu dem Sohne empor, zu dem verlorenen, wiedergefundenen Kinde! Aber der Krieger stand noch immer trotzig da, obgleich ein leises Beben seine hohe Gestalt erschütterte. „Höre," sagte er mit Anstrengung und stockend — „Jerobeam kann nicht mit Dir gehen." Sie zuckte zusammen — aber nur einen Augenblick währte der Schrecken. Ihre Kräfte waren so hoch aufgeregt, sie fühlte sich so glücklich, daß sie an eine so plötzliche Zerstörung ihrer Seligkeit nicht denken konnte, daß der Eindruck der Worte Jerobeams augenblicklich wieder weggewischt wurde durch jubelnde trunkene Empfindungen. „Wir wollen fliehen," flüsterte sie in leisen, leidenschaftlichen Tönen, „wir wollen fliehen unter die Zelte Sabas, wo Dich Niemand mehr von mir trennen kann. Ich fürchte mich hier, sie könnten Dich mir rauben-sprich nicht, laß mich Dein Gesicht anschauen, Deine Augen, Deine Lippen-o, mein Sohn, mein Sohn! Wir wollen fliehen und glücklich sein!" Und sie liebkoste ihn mit einer Heftigkeit, mit einer Hast, als geize sie mit der Zeit, als wolle sie alle Zärtlichkeit langer, einsamer Jahre in diesem Augenblick äußern. Seine Seele litt eine tiefe Qual, alle seine Hartnäckigkeit wankte, und doch suchte er mit riesiger Anstrengung seine Kraft zu behaupten, und sein Stolz, seine Ehrsucht kamen ihm zu Hilfe. Aber er stammelte fast, als er die Worte herausstieß: „Weib — eh' alles sich entscheidet — wer ist mein Vater?" Als steche eine Schlange nach ihr, so fuhr Zeruha zurück. Ihr Gesicht wurde leichenblaß, ihre Augen starrten tiefsinnig, sie faltete flehend die Hände. „Frage nicht — frage nicht," stöhnte sie und wollte ihr Haupt an seiner Brust verbergen. Aber er hielt sie mit der linken Hand von sich ab und rief noch härter als früher: „Weib — wer ist mein Vater?" Die Matrone stieß einen gellenden Schrei aus, ihr Körper bebte, sie drängte sich verzweiflungsvoll zu ihm, als suche sie in seinen Armen Schutz gegen ein nahendes Ungethüm. Aber er stieß sie von sich, er schauderte, als er sie erblickte. Da flog die Thür auf, und fast springend rannte der Prophet von Silo herein mit keuchender Brust und verzerrten Zügen. Jerobeam und die Matrone stießen bei diesem Anblick zugleich einen Schrei aus. Jerobeam blieb hoch aufgerichtet stehen. Die Matrone sank in die Kniee, und während ihr ganzer Körper bebte, blieb das Auge allein starr und unbeweglich auf den Propheten gerichtet. Die entsetzliche Bewegung, welche aus dem ganzen Wesen Ahijas sprach, war durch Angst und Wuth hervorgebracht. Es war natürlich, daß Zeruha, als sie den bösen Dämon ihres ganzen Daseins in so furchterweckender Veränderung Hereinstürzen sah, fast ohnmächtig niedersank. (Fortsetzung folgt.) Gin Iom-Kipur bei Anton Nubinstein? Aus meinem Tagebuch. Von R. Jljisch. I. or einigen Jahren versammelte sich im prachtvollen Salon des Hotel Bellevue (aus dem Newsky Prospekt, vis-ä-vis dem Palais Anitschkin in Petersburg) eine kleine Gesellschaft, aus vier Personen bestehend, von denen dennoch aber drei einen Weltruf genosien. Da war zuerst (dem französischen Sprichwort gemäß „Place aux daines“) Frau Sophie Menter, die berühmte Pianistin, die „geistige Tochter" Franz Liszts (wie sie der ungarische Komponist und der berühmteste Pianist aller Zeiten in einem Briefe an mich nannte) und die Wirthin des Salons. Frau Menter war damals in vollkommener Entwickelung ihrer majestätischen Schönheit und befand sich im Zenith ihres künstlerischen Ruhmes; sie war Professor des Petersburger Konservatoriums und genoß eine große Popularität in den hohen Sphären der Residenz. Neben Sophie Menter saß ein Mann in den fünfziger Jahren mit einem wunderschönen Gesicht, umrahmt von einem runden, grau melirten Bart, welches deutliche Spuren semitischer Abstammung trug. Die großen schwarzen, ungemein ausdrucksvollen und milden Augen zeigten.noch mehr den orientalischen Typ des berühmte» Violoncellisten und Autors vieler herrlicher musikalischer Schöpfungen, des damaligen Direktors des Konservatoriums Karl Dawydow. Und — Ia8t not least — der Dritte in diesem künstlerischen Bunde, der so viel Ruhm und Lorbeeren repräsentirte, wie selten Jemandem in solchem Maße zuTheil wurde, war Anton Rubin st ein, dieser Heros unter allen Pianisten der Vergangenheit und der Gegenwart, dieser Selbstherrscher in den Sphären der Harmonie, dieser Wunderkünstler, der im Saufe eines halben Jahrhunderts beide Welttheile bezauberte und entzückte. Eine dunkle Löwenmähne, in der hier und da Silberfäden hervorblickten, fiel auf die mächtige Denkerstirn und bedeckte das linke Auge, welches längst schon des Lichtes beraubt war, während im rechten Auge das Feuer des Genius hervorlcuchtete. Die echt semitischen Züge dieses Gesichts mit verschiedenen Furchen schienen wie aus Marmor gemeißelt. Der Vierte dieses berühmten Künstlerkreises war ein bescheidener Schriftsteller, Ihr ergebenster Diener, den aber sowohl Sophie Menter als auch Davydow und Rubinstein (besonders aber Letzterer) mit ihrer Freundschaft beehrten. Die Wirthin des prachtvollen Appartements im Hotel Bellevue lud mich zu einer Tasse Thee ein, und ich kam gerade aus der Synagoge nach dem Neilahgebet; ich begab mich dahin, wohl wissend, daß ich mit den beiden berühmten Glaubensgenossen zusammentreffen werde, welche, obschon längst in ein anderes Lager übergegangen, sich nichtsdestoweniger als Juden fühlten und des unzerreißbaren Zusammenhangs mit dem Hause Israel sich wohl bewußt waren. Man kann seine Religion wechseln, man kann sogar seiner Ueberzeugnng untreu werden, aber man kann seine Abstammung nicht wechseln, nicht den Bestand seiner Blutstropfen ändern, mau kann durchaus nicht eine tausendjährige Tradition, .die uns festhält, abschütteln. Anton Grigorjewitsch hat sich stets als Jude bekannt und verhehlte nie seine Gefühle, die in dem voll herber Ironie bekannten Ausspruch ihren Ausdruck fanden: „Die Deutschen sehen in mir einen Russen, die Russen wieder einen Deutschen; die Juden zählen mich zu den Christen, die Christen hingegen zu den Juden." Blos die zweite Hälfte dieses Ausspruches entspricht der vollkommenen Wahrheit: Die Juden hörten nie auf, Rubinstein als den „Ihrigen" zu betrachten, sie waren stets stolz auf ihn, und er wußte dies und empfand die herzlichste Zuneigung zu seinen früheren Glaubensgenoffen, zu denen er Aus dem Russischen von Leon Trachtenberg.