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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-03 · Heft 5 (3.2.1899) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Aie Rose von Saron. Line Erzählung. XXXI. ie Hütte bestand aus einem geräumigen, ziemlich ärmlich eingerichten Hauptgemache und einem kleinen Raum, dessen Thür verschlossen war. Zwei Lampen brannten auf einem aufgerichteten stumpfen Holzblock und erleuchteten den Raum zur Genüge. Man erblickte einen Mann und eine Frau, welche mit einander sprachen. Die Edomiterin stand mit entsetzlich bleichem Gesicht und verstörten. Augen vor Jerobeam. Höchst erstaunt ob dem Anblick des jungen Mannes, hing sie mit fieberhafter Neugier an seinen Lippen, denn er sprach eben von dem Grunde, welcher ihn zu ihr geführt habe. „In jener Nacht," schloß er, „wo ich Deine Stimme zum ersten Male hörte, klangen die Töne derselben bis in mein Herz und weckten dort eine weichere Empfindung, als Jerobeam in sich zu tragen pflegt. Dann hörte ich, Du seiest unglücklich und gefangen, es schlug auch ein geheimnißvolles, seltsames Gerücht an mein Ohr von Deinen Schicksalen, und siehe, ich bin gekommen, um Dich zu fragen." Die Edomiterin blickte den Sprecher noch immer stumm und scheinbar bewußtlos an. In ihrem Geist brauste und gährte es; ihr Herz stockte beinahe; die fiebernde Erwariung und Sehnsucht vieler Jahre schien ihr plötzlich ein Ende zu nehmen; eine Empfindung geheimnißvoller Liebe drängte sie zu Jerobeam. Sie legte die zitternden, mager gewordenen Hände auf seinen Arm und konnte nichts mehr stammeln als: „Weiter, weiter!" „Du willst," sagte Jerobeam etwas erstaunt, „den Sinn jenes Gerüchtes erfahren? Die erste Nachricht dessen klang in mein Ohr, da ich zu Ezjon-Geber weilte und mit der Königin der Sabäer sprach." „Die Königin der Sabäer!" schrie Zeruha im taumelnden Entzücken, und unwillkürlich drückte sie Jerobeams Hand an ihre Brust. „Ja," wiederholte der Hebräer, „dies Pergament berief mich gen Saba, so ich meine Mutter finden wolle." Ein Schrei des Entzückens, in welchem alle überstandene Angst und alle Mutterliebe des glücklichen Momentes zusammengedrängt war, entfloh Zeruhas Lippen. Sie sank kraftlos in die Knie, sie küßte das ergriffene Pergament, ihre Augen strömten von Thränen über, und ihr Mund hauchte die seligsten Worte ihres Lebens: „Mein Kind, Du bist mein Kind!" Und als habe ihr die ausgesprochene Wahrheit alle verlorene Kraft wiedergegeben, sprang sie empor, ergriff Jerobeams haben, daß cs die Ceder und zugleich junixsrus Phoenicea L., ein der Cvpresfe sehr ähnliches Gewächs, bezeichnet, das zu den Wachholderarten gehört. „Der Machandelbaum" in unserem Volksmärchen ist gleichfalls der Wachholder, und wir werden darauf zurückzukommen haben, wie ähnliche Momente sich in ihm nnd der Geschichte von den beiden Brüdern finden. Die Cypresse — auch Lüring wies darauf hin — nahm zudem jm Todtenkult der Aegypter eine bevorzugte Stellung ein, und die Schicksale des Batau haben etwas Verwandtes mit denen des Osiris. Wir könnten „Wachholderthal" und Wachholderbaum" übersetzen, doch würde dies den Leser verleiten, an unseren Wachholder zu denken, der nicht gemeint sein kann und sich von junixerus Phoenicea wesentlich unterscheidet. Hand, und fast irre geworden durch die Erschütterung des Augenblicks, küßte sie dieselbe mit kindischem, weinendem Entzücken. Jerobeam schien durch diese stürmische Freude eher überrascht als beglückt. Er zog seine Hand zurück, und so tiefe und innerliche Bewegung aus seinen Zügen sprach, so runzelte er doch die Stirn. Es war für den ehrsüchtigen Krieger etwas Ueberraschendes, sogar Niederschlagendes, so plötzlich eine Mutter gefunden zu . haben, die an Stand und Abkunft so tief stand. Ein Kampf prägte sich in seinem ganzen Wesen aus, doch hatte eine harte Entschlossenheit augenscheinlich die Oberhand. Die glückliche Mutter aber bemerkte dies alles nicht, sie trat einen Schritt zurück, schlug die Hände zusammen und betrachtete ihr Kind mit so strahlender Freude, daß ihre eben noch so bleichen Züge jeden Ausdruck der Erschöpfung verloren. „Mein Kind, mein Kind!" rief sie mit tiefer, fast wilder Liebesbegeisterung, „ich bin Deine Mutter, „ich band dem Säugling, den man mir raubte, dies Pergament auf die Brust, Du bist mein Sohn, mein Sohn, o gnädige, rettende Mutter Isis, ich habe meinen Sohn! Er ist nicht verloren, er ist heimgekehrt zur Hütte seiner Mutter, er hat mich gesucht und hat mich gefunden, o mein Sohn, mein Sohn!" Ihre Thränen flössen unaufhaltsam, ihre Worte erstickten, sie streckte blos sehnsüchtig die Arme aus, als erwarte sie, der Sohn werde die verlorene, wiedergefundene Mutter umarmen wollen. Aber Jerobeam stand mit düsterem Trotz da. und sein Herz theilte bei Weitem nicht die Erschütterung, welche sich Zeruhas bemächtigt hatte. Diese seine Kälte war übrigens durch keinen Zweifel an seiner Mutter veranlaßt. Ein ruhiger Verstand hätte freilich noch manche Erläuterungen gewünscht, aber das wilde Entzücken, die rührende Gestalt der Matrone sprachen so mächtig, daß hier kein Zweifel mehr möglich war. Der Hebräer blieb aber trotzig, weil er sich entschlossen hatte, dieser Mutter gegenüber trotzig zu bleiben. Was hatte Israels Held, Israels künftiger König mit diesem weinenden Weibe zu schaffen? Diese Thränen, dieses entzückte Geschrei flößten ihm nur Besorgnisse ein, seine Ehrsucht sah eine Schmach vor sich, ein niedriges Verhältniß. . Die glückliche Tochter Edoms bemerkte nichts. Für ihr Entzücken war der finstere Ausdruck auf des Sohnes Stirn nicht leserlich. Sie sah ihn vor sich, einen blühenden, prangenden Mann, nnd Stolz und Liebe machten ihre Berauschung vollständig. Jerobeam stand von ihren Armen umschlungen, seine Brust war in Bewegung, die Ruhe seiner Züge rang mit mächtig hervorbrechenden Empfindungen, dennoch beschwor der ehrsüchtige Krieger seine hartnäckige Entschlossenheit wieder herauf und rang nach Ruhe. „Du bist fröhlich," sagte er, „weil Du einen Sohn gefunden hast, aber ehe ich mich in Deine Arme werfe, sage mir, kennst Dil meine Zukunft, die Zukunft Deines Sohnes?" Die Edomiterin streckte ihre Arme aus, ihre Augen strahlten von feuriger Zärtlichkeit. „Deine Zukunft? O, in Zeruhas Armen und in Zeruhas Hütte wird Dir eine selige Zukunft voll Liebe erblühen. Wir wollen fort von hier ziehen, mein Sohn, fort, denn hier liebt uns Niemand. Wir wollen an die Berge Serc ziehen oder unter die Zelte Sabas, dort sind unsere Stammgenoffen. O mein Sohn, mein Sohn, wie glücklich werden wir sein unter den Zelten Sabas!" Und sie ließ ihn nicht wieder sprechen, sie ergriff seinen Arm, ' und da ihre Blicke auf ihre Umgebung fielen, schauderte sie zusammen und rief mit bebender Stimme: „O mein Sohn, führe mich weg von hier! O, Du wirst mich retten, Du bist stark und kühn, Du hast ein Schwert, Du rettest

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