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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-03 · Heft 5 (3.2.1899) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 bei der Berufung gesprochen, nur allein von der sittlich-heiligen Vereinigung (L>NP 'U). Diese sittliche Vereinigung besteht aber nicht nur in der Kontiguität (Berührung) aller mit einander lebenden Zeitgenossen, sondern auch in der geistigen Kontinuität der nach einander lebenden Generationen. Die segensreichen ethischen Keime und Folgen dieser Kontinuität werden vom Verfasser eingehend besprochen. Dann werden die zu immer umfassenderen Kreisen anwachsenden Arten der Vereinigung, Ehe, Familie (Kontinuität des Gemüthes), Vereinigungen zu Kulturzwecken und die neuen sittlichen Aufgaben, die aus dem Widerstreit zwischen berechtigten Interessen der Einzelnen und der Gesammtheit entspringen, die Ideen des Friedens, des Rechtes, der Billigkeit, des Wohlivollens und der thätigen Liebe entwickelt. Diese Ideen sind — ungeachtet ihrer selbständigen Bedeutung — nur verschiedene und spezifische Formen der Vereinigung. „Darin besteht ihr wahrer, ihr eigentlich sittlicher Werth; aber die Idee der Heiligkeit, welche alle Ideen harmonisch verbindet, geht auf das Ganze und das Letzte der Sittlichkeit, sie bildet den höchsten Werth und die eigentliche Würde des menschlichen Daseins/' „Ist aber Zusammenschließung der Geister zur Einheit Ziel der Sittlichkeit, so folgt daraus mit Nothwendigkeit, daß die Zusammenschließung selbst eine Vereinigung zur Sittlichkeit werden, daß alle Ethik sich zur Sozialethik entwickeln muß." „Die Zusammenschließung der Seelen, die Vereinigung der Individuen zu einer geschlossenen Gesammtheit — also das Emporsteigen von allen einzelnen kleinen und großen, gemeinen und edlen Lebenszwecken zum höchsten Zweck der Sittlichkeit — (ist freilich) ein erhabenes schwer zu erreichendes Ziel; vollends unter dem messianischen Gesichtspunkt der Erhebung nicht blos Vieler zu einer Gemeinschaft, sondern aller Völker zur sittlichen Einheit des Menschengeschlechts, noch ein sehr hoch und ein sehr fern liegendes Ideal. . . Aber ein Ideal, einmal als solches in einer menschlichen Seele erdacht, kann niemals wieder aufhören, ein Ideal zu sein. Das Ideal entbehren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. Aber — das Ideal ist göttliche Verheißung und mp1 “13*7, das Wort Gottes besteht für die Ewigkeit. (Jes. 40, 8.)" Mit diesen Worten schließt der erste Band des Werkes; aber es ist diesem Bande noch ein Jnhaltsentwurf für den zweiten Band beigegeben. Aus demselben kann man jetzt schon sehen, welch einen Reichthum ethischer Bestimmungen der Verfasser aus de« Quellen schöpfen konnte. Bisher wurde die Ethik — nach dem Vorgang der Alten — vielfach entweder als Tugend- oder als Pflichten- oder als Güterlehre dargestellt; hier aber finden wir sowohl die Tugendals die Pflichtenlehre. Die Güterlehre freilich ist in der jüdischen Ethik nicht bearbeitet; daß sie dem innersten Prinzip derselben widerstrebt, ist im vorliegenden Bande gezeigt. Dafür aber erscheint hier als neue Form die Lehre von der Gestaltung der Sittlichkeit im wirklichen Leben in den Beziehungen der Menschen zu einander und in den daraus hervorgehenden sittlichen Institutionen des Judenthums. Und nun noch ein kurzes Schlußwort zur Würdigung des Werkes. Professor Lazarus hat zum ersten Male die ethische Hagada des Judenthums in ein geschlossenes System gebracht und ihr eine wissenschaftliche Darstellung zu Theil werden lassen. Das ist der wesentliche Charakter dieses Werkes, das seine wahre Bedeutung und seine wissenschaftliche Großthat. Sowohl die Bibel selbst als ganz besonders die nachtalmudischen ethischen Schriften finden eine im Verhältniß zur talmudischen und midraschischen Hagada untergeordnete Beachtung. Um so bedeutender aber ist die Fülle an kostbarem Material, das Professor Lazarus aus dem Goldschacht der Hagada gräbt und) in lichtvoller Klarheit zu Tage fördert. Aber noch viel bewundernswerther als die systematische Verarbeitung des kolossalen Stoffes ist die entzückende Feinheit, mit der Professor Lazarus es versteht, die Hagada zu lesen. Für ihn giebt es nichts Triviales. Er vermag über die gewöhnlichste Sentenz so Ungewöhnliches zu sagen wie ein Anderer über den goldenen Tempel in Jerusalem. Ein scheinbar nichtssagender Ausspruch, über den. man hundertmal hinweggelesen, wandelt sich unter dem Zauberstab seiner psychologischen Jnterpretationskunst in die sinnigste Weisheit. Die geheimsten Schwingungen der jüdischen Volksseele hört er mit feinem Ohr heraus und begründet eine tiefere Erfassung jüdischer Begriffe. Thatsachen, tägliche, stündliche, an denen wir wie blind vorübergchen, beachtet er, verklärt die Dinge des täglichen Lebens v n innen heraus durch die Macht des Gedankens und des Wortes und findet stets den glücklichen Ausdruck für Unausgesprochenes, bisher noch nicht zur Sprache Gekommenes. So ist das Werk durch begriffliche Darstellung und lichtvolle Erhellung des intimsten Judenthums, durch reichen, schöpferischen Gehalt und tiefeindringende Forschung ein Kunstwerk und ein wissenschaftliches Werk ersten Ranges zugleich. Für uns aber ist es noch mehr. Indem es das lichte Bild unserer alten Gesetzeslehrer und ihrer Sittenlehre in unifassender, packender Darstellung voll getreuer Wahrheit zeigt, enthüllt es die wahre Physiognomie des Judenthums und ist so eine Ehrenrettung und ein Ehrendeukmal für das Judenthum, eine sittliche That (Kiddusch haschem), die segensvolle Zukunftskeime in ihrem Schooße trägt. Aas ägyptische Märchen von den deiden Brüdern. Aus dem Nachlasse von Georg Ebers. II. 1) fl Es waren einmal zwei Brüder von einer Mutter und von einem Vater. Anubis (Anepu) war des älteren, Batau des jüngeren Name. Anubis aber besaß ein Haus und ein Weib, und fein2) jüngerer Bruder lebte bei ihm wie ein (eigenes) Kind. Er versorgte ihn mit Kleidern, und Jener ging hinter seinen Rindern her auf den Fluren. Er Pflügte, er drosch, er verrichtete alle Geschäfte, die zu der Feldbestellung gehören, und dazu war sein jüngerer Bruder ein vortrefflicher Ackersmann: im ganzen Lande gab es nicht seinesgleichen. So also war es mit ihm bestellt. Nachdem aber später viele Tage vergangen waren, und sein jüngerer Bruder nach seiner täglichen Gewohnheit hinter den Rindern hergegangen und allabendlich zu seinem Hause heimgekehrt war, belastet mit allen Kräutern der Fluren, da legte er, nachdem er auf den Feldern gearbeitet hatte, (das Heimgebrachte) vor dem älteren Bruder nieder, der mit seiner Frau dasaß. Da trank und aß er dann, und wenn es Nacht geworden war, ging er in seinen Stall, um sich bei seinen Rindern niederzulegen. So that er. Wenn aber die Erde hell ward, und ein neuer Tag erschien, und die Brode gebacken waren, legte er sie vor seinen älteren Bruder hin und trug den Mundvorrath auf die Felder und rief seine Rinder zusammen, um sie auf den Fluren fressen zu lassen. Und während er hinter den Rindern herging, sagten sie dann: „An dieser Stelle ist das Kraut gut". Er aber hörte alles, was sie ihm sagten, und trieb sie auf^die Stelle, wo die guten fl Diese Zahlen bezeichnen die Seiten der Handschrift. fl Der häufige Gebrauch des Possessivpronomens ist der ägyptischen Sprache eigen.

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