Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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53 so ziemlich dasselbe ist, Austritte aus dem Judenthum stattgefunden. Dem gegenüber scheint Berlin mit 105 Taufen im selben Jahr aus weit festeren Charakteren zu bestehen. Indessen, unterwerfen wir auch die anderen am Mark des Judenthums zehrenden Mächte einer näheren Untersuchung. Die Mischehen in Wien halten sich in mäßiger Höhe und vermögen dem Wachsthum der Bevölkerung keinen nennenswerthen Abbruch zu thun. Zu den Taufen müßten, um den Verlust des Judenthums darzustellen, noch die aus den Mischehen hervorgegangenen Geburten addirt werden. Diese betrugen aber 1896 in Berlin 271. Reklamiren wir die Hälfte mit 135 plus 105 Taufen gleich 240, welcher Zahl acht Proselyten gegenüberstehen, so verbleibt ein Abgang, da die Nachkommen der Mischehen im dritten Geschlecht wohl niemals mehr dem Judenthum angehören, dieselben bei unserer Rechnung also außer Betracht bleiben können, von 232. Wichtiger ist aber der Zuwachs der Bevölkerung durch Geburten. Berlin hatte 18961438 plus 90 uneheliche Geburten gleich 1528 jüdische Geburten. Von den 1528 Geburten sind außer den 1087 Todesfällen noch die 105 Taufen abzuziehen, so daß 1896 eine Vermehrung der hiesigen jüdischen Gemeinde um 336 Seelen stattgefunden hat. Im Prozentsatz ausgedrückt bedeutet das bei 95000 Seelen einen Zuwachs von Vs Prozent. Wien hatte bei einer allerdings um V« höheren jüdischen Bevölkerung, also von 120000 Seelen, 3336 Geburten. Diesen stehen gegenüber 1763 Todesfälle und 443 Austritte, also ein Abgang von 2206 Personen, jedoch ist in Rechnung zu ziehen, daß in Wien 76 christliche Personen zum Judenthum übergetreten sind, wodurch sich der Verlust auf 2130 ermäßigt. Die Wiener Gemeinde hat demnach durch den Ueberschuß der Geburten einen Zuwachs von 1206 Seelen, also immer noch 1 pCt. Das Verhältniß stellt sich dreimal so günstig wie in Berlin. Trotz der morschen Zweige, die der Herbststurm des Antisemitismus in Wien von dem alten Stamm herunterfegt, ist dieser selbst noch so markig und gesund, daß er aus innerer Kraft durch neue Schößlinge den Schaden reichlich auszuwetzen verniag. Freilich sind auch dort Anzeichen des Niederganges vorhanden. Die jüdischen Ehen halten auch in Wien mit den allgemeinen nicht gleichen Schritt. Im Durchschnitt zeigt die allgemeine Statistik eine Eheschließung auf 100 Einwohner, sagen wir ein Prozent. Die Ehestatistik der Wiener Gemeinde weist im Jahre 1896 nicht ganz 900 Trauungen auf, demnach nur % Prozent. Dieser Prozentsatz bleibt also wesentlich hinter dem Durchschnitt. Berlin mit seinen 539 jüdischen Ehen sinkt noch unter das Wiener Prozentverhältniß merklich herab. Berlin hat mit % Prozent eine überaus tiefe Heirathsziffer. Der Tauffluth läßt sich kein Damm eutgegenstemmen. Aber die Taufen sind auch keine neue und keine allzu gefährliche Erscheinung. In den zwanziger Jahren hat die Laufe ähnliche, wenn nicht schlimmere Verheerungen angerichtet. Aber die wahre Lebenskraft war noch eine ursprüngliche und durch die verderblichen Einflüsse einer von außen eingedrungenen Hyperkultur noch ungebrochene. Die Erscheinung des Sinkens der Volksziffer ist ein bedenkliches Symptom. Vereinfachung der Sitten, Herabminderung der Lebensansprüche und Rückfluthung in die Klein- und Landstädte wären die Voraussetzungen, solchen Kulturauswüchsen in wirksamer Weise entgegenzuarbeiten. Die Ethik des Iudenthmns von Lazarus. Besprochen von Dr. C. Seligmann in Hamburg. IV. as letzte Kapitel, auf das wir schon früher hingewiesen haben, und das die Ueberschrift trägt: „Heiligung als Vereinigung", entwickelt den Grundgedanken des Verfassers, daß die Ethik des Judenthums Sozialethik sei. Schon in seinem „Leben der Seele" (Band I, Seite 263 ff.) entwickelt Professor Lazarus diesen bedeutungsvollen Gedanken: „Nicht blos die Ethik der Alten, sondern vielfach auch die der Neueren ist theils durch vorausgesetzte Forderungen an die Intelligenz, theils durch die Werthbestimmlingen der Lebensführung und der zu erzeugenden sittlichen Güter als eine aristokratische zu bezeichnen; auch die Geringen und die Schwachen, die Mühseligen und Beladenen, die weder im Wissen noch im Wirken hervorragen oder auch nur hervorstreben, allein durch die Innigkeit des Gemüths, mit welcher sie das Leben umspannen, zu vertiefen und 31t erheben, bezeichnet deshalb eine so viel höhere Stufe der ethischen Lebensanschauung; und dies besonders deswegen, weil sie nicht blos auch die breiten unteren Massen von dem Glanze der Idealität beleuchten läßt, sondern weil sie allein den Begriff eines wahrhaft ethischen Gesammtgeistes, einer sittlichen Lebenseinheit des ganzen Volkes zur Geltung bringt." (Man vergleiche auch „Leben derSeele" Band III, Seite 401 ff.) Daß diese Ausführungen das charakteristische Merkmal und den Kernpunkt der jüdischen Ethik mit bewundernswerther Schärfe treffen, unterliegt keinem Zweifel; daß diese Ideen aber bereits in des Verfassers „Leben der Seele" sich ausgesprochen finden, ist kein Beweis etwa dafür, daß der Philosoph Lazarus seine philosophischen Ideen in das Judenthum hineingetragen habe, sondern umgekehrt, daß die philosophische Ansicht des Professors Lazarus unwillkürlich beeinflußt gewesen ist von seiner Individualität, die Geist vom Geiste des Judenthums ist. Um das so recht zu verstehen, wie Sozialethik die bezeichnende Wesenseigenthümlichkeit der jüdischen Ethik sei, lese man nur einmal den modernen Apostel der a r i st 0 k r a t i sch e n Ethik Friedrich Nietzsche in seiner.'„Genealogie der Moral" nach: „In Rom galt der Jude des Hasses gegen das ganze Menschengeschlecht überführt", mit Recht, sofern man ein Recht hat, das Heil und die Zukunft des Menschengeschlechts an die unbedingte Herrschaft der aristokratischen Werthe, der römischen Werthe, anzuknüpfen. . . Die Römer waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden nie dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind. . . Die Juden umgekehrt waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment par excellence, dem eine volksthümlich-moralische Genialität sondergleichen innewohnte." Das Wesen und der Inhalt der jüdischen Sozialethik besteht nun, nach Lazarus, in Folgendem: Die Berufung Israels zu einem heiligen Volk schließt in sich einen uuionistischen, sozialen Gedanken. Denn die Erhebung des Menschen zur Sittlichkeit beginnt eigentlich erst mit seiner Berufung zur Vereinigung. „Sittliche Person sein, heißt Glied einer Gemeinschaft sein. Der völlig isolirt gedachte Mensch . . . kann niemals sittlich heißen." „Der eigentliche Träger der sittlichen Idee, der Berufene des Gesetzes, ist deshalb nicht der Einzelne, sondern die Gesammtheit; die Verpflichtung aber trifft jeden Einzelnen, weil er eben Glied der Gesammtheit ist oder sein soll." Bildung einer Gesammtheit, Zusammenschließung zu einer sittlichen Einheit ist Zweck und Inhalt der jüdischen Berufung; von keinem anderen Zweck, von nichts, was sonst bett Menschen begehrenswerth scheint, nicht von Wohlfahrt, Macht und Ehre wird