Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228317--55234-3291417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 Die Zionisten agitiren jetzt sehr energisch in allen Großstädten für ihr Ziel der „Eroberung der Gemeinden". Dr. Max Nordau hat n Köln, 2Bien und Berlin über Sozialismus und Zionismus einen Vortrag gehalten. Professor Singer schreibt darüber in der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" Folgendes: „Der Zionismus, dessen wunderliche Lehren Herr Dr. Max Nordau am 25. d. M. einer zahlreichen Zuhörerschaft im großen Mufikvereinssaale beredt und formgewandt verkündete, verneint gleich dem Antisemitismus in schroffer Weise die Asfimilationsfähigkeit der Juden. Nordaus Ausführungen zeigten jedoch, daß gerade die von ihm vertretene Richtung sich schon am gründlichsten assimilirt hat, und zwar den erbittertsten Widersachern des eigenen Stammes: den sich in allen Ländern gleich bleibenden Nichts-als-Nationalen. Wie bei diesen, sind auch bei den Zionisten neben der fixen Nationalidee alle Kultur- und Bildungsbestrebungen. alle politischen und sozialen Grundsätze nur leeres Geflunker. Der Zionismus giebt sich antikapitalistisch, ihm find die jüdischen Millionäre ein Greuel. Etwa wegen des mehr oder minder bedenklichen Ursprungs ihrer Millionen? Beileibe nicht! Erst seit und nur weil sie den Geldforderungen der zionistischen Heilsarmee ihren Beutel zu öffnen sich weigerten. Der Zionismus giebt sich antiklerikal. Ihm sind die Rabbiner nicht minder als die Millionäre „der Abschaum des Judenthums". Etwa weil sie die Träger des Obskurantismus, der Superstition sind? Weit gefehlt! Weil sie als deutsche, englische oder französische Rabbiner gegen exterritoriale Bestrebungen protestiren. Interessant war es, aus den schönen Bekenntnissen des Vortragenden sich die innere Geschichte des zionistischen Gedankens in drei wohlabgerundeten Bildern zu konstruiren. Das erste Bild zeigt Dr. Nordau Arm in Arm mit einer „zweibeinigen (aber doch wohl mindestens neunstelligen) Ziffer" die Weltbühne beschreiten. Aber die zweibeinige Ziffer giebt dazu ihren Arm nicht her. Daher entsteht das zweite Bild: Dr. Nordau Arm in Arm mit dem Rabbi — wollend, aber nicht könnend. Drittes Bild: Dr. Nordau um das vielbeinige Proletariat dehmüthig werbend; denn der Zionismus kann auch sozial sein, etwa so, wie es die Verelendungstheoretiker waren: erst muß alles verrujenirt werden, ehe das goldene Zeitalter des Zukunftsstaates anbrechen kann. Um die jüdischen Proletarier vor dem Aufgehen im Sozialismus zu warnen, redet Dr. Nordau der jüdischen Verelendungstheorie das Wort in einer vermessenen Geschichtskonstruktion, der zufolge das Loos der Juden nach jeder Aufwärtsbewegung der Menschheit, wenn nicht ein schlimmeres, so doch kein besseres geworden sei. Der Reformation sei keine Besserung der Lage des Judenthums gefolgt. Als ob nicht die Christenheit 150 Jahre lang nach der Reformation sich selbst ärger als jemals zerfleischt hätte? 1789 und 1848 hätten den Juden gleichfalls keine dauernde Erleichterung ihrer Stellung gebracht. Und das sagte 1899 ein im europäischen Festgewande gekleideter Jude im festlich erleuchteten großen Musikvereinssaale, ohne laut — ausgelacht zu werden!" * Daß der Antisemitismus noch nicht akademiefühig geworden ist, beweist erfreulicherweise ein Passus aus der Rede von Jules Lemartre, die dieser berühmte Akademiker in der ersten Generalversammlung der „Ligue pour la Patrie frangaise“ gehalten hat. Diese Liga ist ausgesprochenermaßen gegen die Revision des Dreyfus-Prozesses, und ihr haben sich daher auch die Antisemiten angeschlossen, doch will sie offenbar nicht offiziell für antisemitisch gelten: Lemartre sagte: „Man fragt uns ferner: Ist die Ligue pour la Patrie frangaise nicht antisemitisch? Ist es eigentlich nöthig, erst noch diese Frage zu beantworten? Gleichviel, ich stehe hier, um auch diejenigen Antworten zu geben, die sich eigentlich von selbst verstehen. Das jüdische Volk hat die eigenartigste und eine der bedeutendsten Rollen in der Geschichte der civilistrten Menschheit gespielt. Einst war es ein heroisches, kriegerisches und ausschließlich ackerbautreibendes Volk. Heute sind die Israeliten französische Bürger. Wie sollten wir die Stirn haben, 70 000 französische Bürger zu proskribiren? Ihrer Rasse halber, die fast ebenso gemischt ist wie die unserige, oder ihrer Religion wegen? Einige Israeliten streiten mit uns, und sehr tapfer, wir bedauern aufrichtig, daß es nicht mehr sind. Wir bedauern sehr, daß die Mehrzahl der Juden, indem sie sich einer anderen Partei anschloß, anscheinend weniger der Vernunft gefolgt ist als einem blinden Solidaritätsgefühl mit einem Glaubensgenossen, und daß sie dadurch den Glauben erwecken mußten, als betrachteten sie sich selbst als eine abgesonderte Gruppe, welche nicht in dem Ganzen aufgehen will. Aber sie streben umsonst danach, diesen Glauben zu erwecken, wir wollen es nicht glauben, und wir appelliren von dem Israel in Fleisch und Blut, das einst fein Gott züchtigte, an das geistige Israel; dieses aber ist herrlich geeignet und geschaffen, um zu begreifen, ja um zu lieben auch weit größere Verbindungen und Bestrebungen, als diejenigen, in welche es sich jetzt einspinnt." Wir glauben nicht, daß diese Tiraden viele Juden veranlassen werden, ihren Glauben an die Unschuld Dreyfus zu ändern, immerhin ist die Verurtheilung des Antisemitismus aus dem Munde Lemartres bemerkenswerth. & Rev. Dr. K. Köhler in Netv-Aork hat kürzlich den Plan eines jüdischen Konzils angeregt, resp. eines jüdischen Synedriums. Der „American Hebrew", dessen tausendste Nummer am 13. Januar erschienen ist, hat nun eine Rundfrage veranstaltet über.diesen Vorschlag und meist Ablehnungen dieser Idee erhalten. Richter Sulzberger erklärt ein Synedrium für unmöglich, da Reformer und Orthodoxe zwei Sekten bildeten, die sich nicht verständigen könnten. Zugleich wiederholt er seinen Vorschlag, wie man die zweiten Feiertage hebe, den Sonntag als zweiten Sabbath einzurichten. Lewis N. Dembitz in Louisville hält eine Synode für unmöglich, weil die Mehrzahl der jüngeren Reformprediger nicht einmal das Wenige vom Judenthum, was sie noch von der Kanzel herab ihren Gemeindeangehörigen predigten, in ihrem eigenen Leben beobachteten'. Diese könnten daher auch keinerlei Autorität ausüben, um anderen Personen religiöse Vorschriften zu geben. Rev. Max Heller in New-Ocleans ist gegen eine Synode, weil dieselbe die vorhandenen Differenzen nur noch verschärfen würde. Einzig Rev. Meldola de Sola erwartet von den Fortschritten des Zionismus auch die Schaffung von Organisationen, die zuletzt zu einer jüdischen Synode führen könnten. Die Antworten sind interessant, weil sie ein Stimmungsbild geben. Berlin und Wien. Eine statistische Parallele von Bernhard Traubenberg. ie jüdische Presse durchschwirrten in den letzten Wochen schlimme Nachrichten über die Wiener Taufmanie. Nach diesen Angaben hätte der Abfall zu einer wahren Hochfluth sich gesteigert. Glücklicherweise wurden bald darauf diese Zahlen widerrufen oder doch erheblich reduzirt. Nichtsdestoweniger berechneten manche jüdische Zeitschriften schon an der Hand der vier Spezies den Augenblick, wann das Wiener Judenthum zu existiren aufgehört haben werde. Und doch wird bei dem wirklich betrübenden Sachverhalt ein oberflächlicher Blick uns belehren, daß die Berliner Ursache hätten, erst vor ihrer eigenen Thür zu fegen. Denn die Taufen sind nicht die einzigen und nicht die schlimmsten Abbröckelungsprozeffe, die den Bestand des Judenthums bedrohen. Kiudertaufen, die gar nicht in jene statistischen Aufstellungen' mit einbezogen werden. Mischehen und Geburtenmangel rütteln an den Säulen des Judenthums, wenn auch unauffälliger, so doch mirweit auflösenderer Gewalt. Zahlen beweisen! Allerdings haben 1896 in Wien 443 *) nicht Taufen, aber, was 4) Die Daten über Wien find der „Oesterreichischen Wochenschrift" Oktober 1898 entnommen.