Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 eingetreten. Hierauf dankte er der Familie GinSberg für das dem Lehrlingsheim geschenkte Bild des Verewigten und betonte, daß daiö Gedächwiß desselben sowohl unter seinen Kollegen im Kuratorium wie im Lehrlingsheim stets in Ehren bleiben werde. Das Schlußwort galt den Zöglingen der Anstalt, welche der Redner ermahnte, im Sinne des Verstorbenen stets strebsam und fleißig zu sein und sich der durch Männer wie Adolf Ginsberg ihnen erwiesenen Wohlthaten würdig zu zeigen. Hierauf sprach der Direktor des Lehrlingsheims, Herr M. Wilinski, das von ihm in deutscher Sprache bearbeitete „LI mole rachaehim“, in dem für das „Andenken eines edlen, tugendhaften und frommen Mannes" gebetet wird, „der den Nackten Kleidung, Hungrigen Brod und Kranken Hilfe gespendet hat, der überall unter den Ersten gewesen, wo es galt, edelmüthig und hilfreich seinen leidenden Mitmenschen beizustehen." Einen ergreifenden Eindruck machte es auf alle Anwesenden, als ein elternloser Zögling für den Verstorbenen nunmehr das Kaddischgebet rezitirte. Namens der ehemaligen Zöglinge des Lehrlingsheims, von denen ein großer Theil der Feier beiwohnte, sprach hierauf Herr Goldarbeiter Friedländer in kurzen Worten den Gönnern und dem Direktor der Anstalt seinen Dank aus und gelobte, daß die Zöglinge durch Fleiß und Strebsamkeit sich der ihnen im Lehrlingsheim Pankow zu Theil gewordenen Wohlthaten würdig erweisen wollen. Ein hebräischer Gesang des Synagogenchors beendete die stimmungsvolle Feier. §2 Berlin, 22. Januar. Eine der größten und segensreichsten Vereinigungen innerhalb der Berliner Synagogengemeinde, der „Humanitätsverein Gewul tauw", versendet soeben seinen 26. Jahresbericht. Der Verein, welcher 729 Mitglieder zählt, entfaltet eine vortrtffliche Wirksamkeit. Das Vereinsvermögen beträgt über fünfzigtausend Mark. Der Gesundheitszustand der Mitglieder war im abgelaufenen Jahre ein günstiger. An Krankenunterstützungen wurden in diesem Zeitraum 3210 M., an Wittwen verstorbener Mitglieder 2500 M. gezahlt. Ferner wurden 46 Darlebensgesuche mit 9150 M. bewilligt. Die Einrichtung von täglichen Geschäftsstunden im Bereinsbüreau hat sich gut bewährt. Die Frauenvereinigung des Vereins, die über 600 Damen zu ihren Mitgliedern zählt, entwickelte sich nicht minder segensreich. Erwähnenswerth ist eine Stiftung, die im Berichtsjahre das Ehrenmitglied des Vereins, Herr Rabbiner Dr. Blumenthal in Ratibor, zum Andenken an seinen Vater, das verstorbene Vorstands¬ und Ehrenmitglied Emanuel Blumenthal, errichtet hat. Die „Emanuel Blumenthal-Stiftung" soll die Töchter bedürftiger und würdiger Bereinsmitglieder bei ihrer Berheirathung unterstützen. An der Spitze des Vereins wirkt seit langen Jahren Herr Gustav Michaelis in bewährter Tüchtigkeit. Die Generalversammlung findet am 30. Januar statt. Die Borversammlung stellte als neues Vorstandsmitglied Herrn Rechtsanwalt Hugo Sommerfeld auf. 6. Berlin, 23. Januar. Wir sind in diesem Jahr in der Lage, ungewöhnlich früh die statistischen Zahlen der Bevölkerungsbewegung pro 1697 zu erhalten. Das vierte Vierteljahrs Heft der Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Büreaus bringt die folgenden Ziffern. Es wurden demnach geboren: 1897 1996 Kinder jüdischer Eltern .. 7596 7732 „ eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter 246 247 „ „ „ „ „ „ katholischen „ 46 41 „ „ „ „ „ „ disstdenten „ 4 7 „ „ evangelischen „ „ „ jüdischen „ 248 226 „ „ katholischen „ „ „ „ „ SS 61 „ „ disstdenten „ „ „ „ „ 12 18 Uneheliche Kinder einer jüdischen Mutter.. 253 271 8157 8300 In Summa, die Kinder aus den Mischehen zur Hälfte gerechnet, wurden geboren demnach im Jahr 1997 jüdische Kinder 8157, dagegen im Vorjahre 8367, im Jahre 1895: 8367, 1894: 8639. Die Verminderung der jüdischen Geburten hält demnach noch immer an. In ganz Preußen wurden geboren 1 193 860 Kinder, es sollten demnach: 14 207 jüdische Kinder sein, es sind aber nur 67 pCt. dieser Ziffer. Welch eine erschreckende. Differenz. Todesfälle kamen vor: 1897 1896 1896 1894 Kinder unter 15 Jahren . . 1304 1364 1497 1499 Erwachsene über 15 Jahre . 4070 4009 4086 3874 Wie man sieht, hat die Zahl der Todesfälle trotz der Verminderung der Geburten nicht abgenommen, denn wenn auch die Kindersterblichkeit jedes Jahr geringer wird, so steigt dafür die Sterblichkeit der Erwachsenen fortwährend. Diese ist überhaupt erschreckend hoch und viel höher als bei dem Durchschnitt der Bevölkerung. Es starben nämlich 1897 überhaupt Sollziffer der Juden Jstziffer Kinder unter 15 Jahren . 352 668 4201 1304 Erwachsene über 16 Jahre 330010 3927 . 4070 Man steht also, wie niedrig die Sterbeziffer der Kinder bei den Juden, wie groß dagegen die Sterbeziffer der Erwachsenen ist. Immer mehr verschiebt sich durch die geringe Geburtenziffer die Schichtung der Altersklassen bei den Juden, immer mehr müssen so die älteren Jahrgänge überwiegen und dadurch die Sterblichkeit der Erwachsenen steigen. Das trübe Bild wird nur wenig erhellt durch die Ehestatistik, die eine kleine Besserung aufweist. Es heiratheten 1897 1896 1895 1894 jüdischer Mann jüdische Frau . . . . 2632 2470 2502 2383 „ „ evangelische Frau . . . 188 160 182 133 „ „ katholische . . . 29 43 39 20 „ „ sonst christliche „ . . . 4 3 6 5 evangelischer Mann jüdische „ . . . 145 146 115 113 katholischer . . . 46 39 48 34 sonst christlicher „ . . . 12 6 7 5 Die Zahl der jüdischen Ehen ist nicht unwesentlich gestiegen, freilich auch die der Mischehen, immerhin ist dieses Anwachsen der Eheziffer seit drei Jahren endlich wieder ein erfreuliches Zeichen für die deutsche Judenheit. Lx. Aus der Provinz Posen, im Januar. Das Rentier Joseph Meyer'sche Ehepaar in Briefen feierte jüngst das Fest der goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlasse ist Herr Meyer von dem dortigen israelitischen Krankenpflegeverein zum Ehrenmitglieds ernannt worden. — Rittergutsbesitzer Lehfeld auf Lehfelde bei Wollstein hat neulich für die Armen dieser Stadt 36 Raummeter Brennholz und 300 Mark in Baar gespendet. — Kaufmann Moritz Oettinger in Rakwih ist zum Stadtverordneten gewählt worden. — Jn Graudenz sind vor Kurzem Bankier Heinrich Belgard und Holzhändler Michael Levy auf die Dauer von 6 Jahren zu Vorstehern der dortigen Synagogengemeinde gewählt worden. — Am ersten Weihnachtsfeiertage fand in Ostrowo unter reger Beiheiligung der dortigen Synagogengemeinde auf dem israelitischen Friedhofe daselbst die feierliche Enthüllung des dem vor 9 Monaten verstorbenen Rabbiner Dr. Pleßner von der Gemeinde gestifteten Denkmals statt. Zu dem Akte hatten sich auch viele Angehörige des Verstorbenen eingefunden. Die Feier nahm mit einer fast einstündigen Gedächtnißrede des Rabbiners Dr. Freund-Ostrowo ihren Anfang. In markigen Zügen beleuchtete der beliebte Redner das Leben und Wirken Pleßners, der. im Geiste seines Vaters thätig, sich in der großen Gemeinde des Judenthums unsterblich gemacht. Hierauf nahm Provinzialrabbiner Dr. L, Hirschfeld- Gießen, ein Schwager des Dahingeschiedenen, das Wort zu ähnlichen Ausführungen und beklagte seinen Meister und Lehrer in tiefempfundener und sehr zu Herzen gehender Weise. Zum Schluß hielt noch Rabbiner Dr. Bamberger-Schildberg eine kurze Ansprache an die Versammlung und beschloß die Feier mit einem Segen für die Gemeinde. — Kaufmann Jtzig Fuchs in Schokken ist neulich zum Stadtverordneten der ersten Abtheilung daselbst gewählt worden. —- Kaufmann Charles Ledermann aus Columbus (Ohio) hat seiner Heimathsgemeinde Ostrowo eine ansehnliche Summe zur Unterstützung armer Familien übersandt. — In der Synagoge zu Samotschin wurde neulich ein Einbruch verübt. Die Diebe müssen bei ihrer Arbeit gestört worden fein, denn man fand die Opferkästen erbrochen und deren Inhalt unberührt. — Eine interessante Streitsache zwischen der Polizeiverwaltung und dem Vorstand der Synagogengemeinde in Rogasen ist in der letzten Sitzung des Bezirksausschusses zu Posen zu Ungunsten der jüdischen Gemeinde ausgefallen. Die Polizeiverwaltung hat nämlich den Vorstand aufgefordert, den zu rituellen Zwecken zwischen zwei Häusern über eine Straße in Höhe von mehreren Metern gezogenen Draht sowie die zur Befestigung des Drahtes angebrachten Stangen bei Vermeidung von Zwangsmaßregeln zu beseitigen. Dem von der Gemeinde beim Kreisausschuß in Obornik gestellten Anträge, die Polizeiverfügung insoweit aufzuheben, als sie die Beseitigung des Drahtes verlange, wurde keine Folge gegeben. Die beim Bezirkscms- 5374 5373 5588 5373