Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Wr. 4. Berlin, 27. Januar I8vü. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch land. L2 Berlin, 22. Januar. Wie alljährlich, veranstaltet auch in diesem Winter das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Die Vorlesungen, welche im Saale der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9, Abends 8 Uhr, gehalten werden, sind folgende: Am 6. Februar. Herr Professor Dr. M. Philippson „Ein Heiliger der Inquisition, Peter Arbues". Am 13. Februar. Herr Privatdozent Dr. Richard M. Meyer: „Ein Vorkämpfer der Emanzipation, Christ. Wilh. Dohm". Am 20. Februar. Herr Justizrath Dr. Edmund Friedemann: „Börne und Heine". Am 27. Februar. Herr Professor Dr. Ludwig Geiger: „Die deutsche Litteratur zur Zeit der französischen Revolution". Am 6. März. Herr Rabbiner Dr. L. Lucas: „Die Juden im türkischen Reiche". Am 13. März. Herr Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch: „Ein Stück soziale Frage, mit Rücksicht auf die Bibel". Einlaßkarten a 5 Mark für den ganzen Cyklus, a 1 Mark für eine Vorlesung sind zu haben bei Herren Gebr. Friedländer, Unter den Linden 28, und beim Eingang in den Saal. Angesichts der interessanten Vorträge darf wohl diesmal auf eine besonders zahlreiche Betheiligung gerechnet werden. L2 Berlin, 24. Januar. Gestern starb hier nach längerem Leiden Dr. med. Emil Schiff, der seit den siebziger Jahren hier lebte und in der hiesigen Schriftstellerwelt in großem Ansehen stand. Schiff war von einem unablässigen Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntniß beseelt. In dem Drange der Tagesschriftstellerei erzwang er sich die Zeit und die Ruhe zu ordnungsmäßigen Studien, die von seinem Hauptberuf, dem politischen Schriftthum, weit ablagen. Dies kommt in seinem Lebensgange deutlich zum Ausdruck. 1849 zu Raudnitz in Böhmen geboren, besuchte Schiff das Gymnasium in Leitmeritz. Dort war er ein Schüler von Seligmann Heller, dem er späterem Freund und Anhänger wurde. Er studirte dann in Wien Rechtswissenschaft und legte auch die erste juristische Prüfung ab. Unmittelbar nach beendetem UniversttätSstudium wandte er sich dann der Journalistik zu. Seine Sporen als Tagesschriftsteller verdiente er sich als Mitredakteur der nationalen „Deutsch. Ztg." in Wien. Bon dort wurde er an die hiesige „Spenersche Ztg." gezogen, der er seine Arbeit widmete, bis sie zu erscheinen aufhörte. In der Folge fand Schiff ein lohnendes Arbeitsfeld als Berliner Korrespondent der Wiener „Neuen Freien Presse". Gegen Ende der siebziger Jahre verschaffte er sich die Erlaubniß, an der Universität mathematische Vorlesungen zu hören. 1882 begann er sogar, ohne seine publizistische Thätigkeit zu unterbrechen, an der hiesigen Universität regelrecht Heilkunde zu studiren. Er brachte es fertig, der Vorschrift gemäß, trotz der Fülle der laufenden Berufsarbeit, in der Anatomie zu seziren, chemische Uebungen mitzumachen, im pathologischen Institut zu obduziren und zu mikroskopiren und die vorgeschriebenen Kliniken zu besuchen und dort zu praktiziren. Nach zweijährigem Studium machte er sein Physikum und nach vier Jahren das Rigorosum. 1886 promovirte er hier zum Doktor der Medizin. Schiff unterzog sich sogar hier der ärztlichen Staatsprüfung. Er erlangte 1894 die Approbation als Arzt und bemühte sich redlich, auch seine ärztliche Kunst zu üben. Der Schwerpunkt der Lebensarbeit Schiffs liegt in seiner Arbeit für die Tages- und Wochenblätter. Seine fern ausgeführten Bilder leitender Männer in Politik, Litteratur und Wissenschaft, seine ständigen Berichte über das Berliner Theater und die Berliner Kunst, seine treffenden Schilderungen der Strebungen in der Medizin und den Naturwissenschaften fanden immer eifrige Leser. Erfüllt war das schriftstellerische Schaffen Schiffs von einer eindringlichen humanistischen Weltanschauung. Die liberale Sache verliert in Schiff einen thatkräftigen litterarischen Kämpen, das Judenthum einen treuen Anhänger, auf den man immer mit gerechtem Stolz Hinweisen konnte, wenn Gegner in verächtlichem Ton von der „jüdischen Presse" sprachen. Schiff war eine Zierde seines Standes. Sein Name wird unvergessen bleiben. Ehre feinem Andenken! L2 Berlin, 19. Januar. Die Feier des siebzigsten Geburtstages des allgemein beliebten Lehrers Julius Heskel bot selbst den intimsten und eingeweihtesten Freunden eine Fülle von Ueberraschungen. Es ist schwer, innerhalb eines engen Rahmens die große Anzahl der mit Geschenken und Ehrengaben Erschienenen, die Menge von Einzel-Gratulanten und Gruppen zu nennen. Wir bemerkten den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, den Gesammtvorstand der alten Synagoge mit kostbaren Silbergaben, die Vertretungen all der Vereine, deren Vorsitzender der Jubilar ist, oder deren Vorstand er angehört; auch diese brachten reiche Geschenke und Adressen. Die ehemaligen Schüler ließen durch eine Deputation eine prachtvolle Adresse und eine bedeutende Summe Geldes als Grundstock einer „Lehrer Julius tzeskel-Stiftung" überreichen. Bad Charlottenbrunn, seit nunmehr 35 Jahren der Sommeraufenthalt des Jubilars, sandte mit sinnigen Worten und Versen dem „Patriarchen von Charlottenbrunn" ein Erinnerungsgebmde von denjenigen Bäumen und Sträuchern, welche dort in den schönen Bergen „Heskelsruh" umgeben. Mit bewunderungswerther Geistesfrische beantwortete der Jubilar jede Ansprache und jeden Glückwunsch und hatte dann noch die ungebrochene Kraft, am Abend einer großen Familientafel zu prästdiren, zu welcher er die Seinigen nach Cassels Hotel eingeladen hatte. In denselben Räumen versammelten sich gestern Abend zu einem opulenten Souper die ehemaligen Schüler des Herrn Heskel, sowie eine Deputation feiner Amtskollegen und Angehörigen. Wir schließen mit dem Wunsche, der von den Theilnehmern wieder und immer wieder ausgesprochen wurde: Mögen dem Jubilar noch viele Jahre ungetrübter Körper- und Geistesfrische beschieden sein! 8. Berlin, 23. Januar. Die Volkshochschule Humboldt- Akademie veranstaltet in diesem Quartal, dem 2. Quartal ihres 21. Studienjahres, einen Cyklus über „Israelitische und jüdische Geschichte", den Herr Lic. theol. Dr. W. Staerk lesen wird. Die Humboldt-Akademie erfreut sich mehr und mehr eines steigenden Zuspruchs, so daß im vorigen Quartal 101 Vortragscyklen gehalten werden konnten, welche von 3285 eingeschriebenen Hörern besucht waren. Zu den statutarischen Pflichten der Dozenten, welche zwar innerhalb ihres Lehrgebietes vollkommene Lehrfreiheit haben, gehört es, daß es als selbstverständlich angesehen wird, „daß sie den rein wissenschaftlichen Zweck der Vorträge im Auge behalten und religiöse, politische und soziale Agitationen, wie nicht minder persönliche Polemik, vermeiden". Der im vorigen Semester über „die hebräische Poesie" an zwei Lehrstätten gehaltene Cyklus hatte einen guten Besuch aufzuweisen, und es erscheint uns auch eine größere Betheiligung unserer Glaubensgenossen an dem interessanten Cyklus dieses Semesters recht wünschenswerth. Der erste Vortrag jedes Cyklus ist frei. f. Berlin, 19. Januar. Am vergangenen Sonntag hatte das „Lehrlingsheim Pankow" seine Gönner und Freunde zu einer Gedächtnißfeier für den verstorbenen Kurator der Anstalt, Adolf Ginsberg, eingeladen. Die Synagoge des Lehrlingsheims war mit Topfpflanzen festlich geschmückt, die Kanzel und das Bild des Verewigten schwarz drapirt. Die Feier begann mit dem Gesang des Synagogenchors der Alten Synagoge, der unter Leitung seines Dirigenten Bloch das „Ki lo taasow nafschi lisch’ol“ zum Vortrag brachte. Hierauf betrat Herr Kommerzienrath Isidor Löwe als Vorsitzender des Kuratoriums des Lehrlingsheims Pankow die Kanzel zu einer Gedächtnißrede aus den Verstorbenen. Ausgehend von dem Goethe'schen Wort: „Edel sei der Mensch, hilfreich unb gut", entwarf der Redner ein Lebensbild Adolf Ginsbergs, dieses wahren Menschenfreundes und für alles Edle mit Herz und Hand begeisterten Mannes, der seit Gründung des Lehrlings - heims für die Bestrebungen zur Förderung des Handwerks thatkräftig