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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 48 (sequence 12)
Language
German
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48 Jetzt eben beschäftigten ihn peinliche, drängende Verhältnisse — die Gestalten Zeruhas und Jerobeams stiegen in ihm empor — und» er bebte vor Zorn, wenn er der Schmach gedachte, welche ein gemeines, abgöttisches Weib über Israels Helden, über Israels künftigen König bringen konnte. Er selbst hatte bereits einen Entschluß gefaßt, sich dem Helden Israels nie gänzlich zu enträthseln, nie seine Abkunft einzugestehen, ihm Freund und Rathgeber und nie etwas Theneres zu sein. Das alles war sein Entschluß, obwohl sein Herz brechen wollte ob der kläglichen Aussicht, sich nie Vater nennen zu hören von geliebten Lippen, von Israels Helden, den er bewacht und erzogen, an dem er mit abgöttischer Lieb« hing, für den er die Wüste und feindliche Reiche durchzogen, für den er alle seine Kühnheit und Beredsamkeit aufgewendet, damit das Kind — das er nie das seinige nennen wollte — König Israels werde. Aber in der Seele des Propheten war eine eiserne, unbezwingbare Kraft, und trotz dieser in seinem Herzen einzigen, abgöttischen Liebe erkannte er doch klar, daß Jerobeams Ansehen und die Größe, welche er zum Theil durch das Geheimniß seiner Geburt und Jugend erreicht, in den Augen Israels unwiederbringlich verloren gehe, wenn es bekannt werde, daß der Retter und Held der ärmlichen Hütte eines Propheten und dem verfluchten Schooße einer Abgöttischen entsprossen sei. Dem Ehrgeiz und Jerobeams großartigen Hoffnungen opferte der Prophet die einzige Empfindung, die er noch besaß, und er war stolz auf diese grausame Energie, denn er fühlte, daß er hierdurch seinem Liebling nütze. Man kann sich demnach die Wuth vorstellen, welche den Propheten ergriff, als das plötzliche Auftreten Zeruhas das bereits gewonnene Ansehen Jerobeams in so bedeutende Gefahr brachte. Eine Entdeckung war möglich und fast gewiß, wie der Prophet glaubte, denn er wußte von jenem Pergamentblatt, welches Jerobeam von seiner nie gekannten Mutter besaß und eifrig bewahrte. Zwar hatte Jerobeam zu Ezjon-Geber von der sabäischen Fürstin Genügendes über Stand und Abkunft seiner Mutter erhalten, aber dennoch waren die einestheils dunkeln Andeutungen jenes Abends noch nicht im Stande, ein heimliches Gefühl der Zärtlichkeit auszurotten, welches Jerobeam in seinem stolzen, ehrsüchtigen Herzen trug, und welchem das Pergamentblatt seine Aufbewahrung verdankte. Dem allen zufolge mußte dem Propheten unendlich viel an der Gefangennehmung und noch mehr an dem Stummmachen der Edomiterin liegen. Der Prophet konnte zu keinem festen Entschluß kommen, sondern gab sich düsteren Muthmaßungen und fürchterlichen Wünschen hin, deren Nichterfüllung seinen Haß gegen die .Edomiterin täglich aufstachelten. Aus dem Wachsen dieser peinlichen Besorgniß entwickelte sich langsam eine schwere Entscheidung über Zeruha. Die starke Seele des Propheten konnte diesen Zustand des Zweifels nicht auf die Länge ertragen, es mußte bei ihm eine That diesen quälenden Zustand abschließen. Diese That konnte keinen anderen Zweck haben, als Zeruhas Existenz zu zerschmettern oder das Geheimniß auf ihrer Zunge unschädlich zu machen. Die Folge der ersteren That wäre ein feiger, schändlicher Mord gewesen, allein diese That war leicht! Die Folge der zweiten war Vernichtung von Zeruhas Bewußtsein, Wahnsinn, ein ungeheurer Schmerz, aber diese That war schwer.—-s- Dcr Prophet stand noch immer am Eingang der Höhle, obgleich die Nacht weit vorrückte, und die Sterne immer voller und heller am blauen Himmel funkelten. Für einen einsamen Zuschauer hätte etwas Unheimliches, etwas Unergründlich-Gefährliches in dem regungslosen Hinbrüten dieser hohen Gestalt gelegen. Alle jene peinlichen Besorgniffe, welche dem Leser in ihrer Folge mitgetheiltlworden sind, drängten sich in kurzen, abgebrochenen, oft verwirrten Selbstgesprächen von den Lippen des Propheten. Der nämliche Gedanke, der nämliche finstere und wieder verworfene Entschluß kehrte mehrmals in die Seele des Propheten zurück, ohne unabänderlich gefaßt zu werden. Ahija unterlag dieser Qual nicht, aber seine Seele wurde tiefer und tiefer erschüttert, bis er endlich auf die Kniee sank, seine Hände zum Himmel emporhob und ein wildes, trostloses, demüthiges Gebet hervorstieß. Rasche Schritte kamen plötzlich von oben herab, eilten neben der Grotte hernieder, und gleich darauf stand ein bewaffneter Mann vor dem Propheten. Dieser erhob sich, strich mit der Hand über die Stirn und fragte dann mit gemäßigter, obwohl noch immer leise bebender Stimme: „Was giebt es, Dathan?" Der Bezeichnete, welcher die Pflicht erhalten hatte die Edomiterin zu bewachen, während ihr Stammgenoffe innerhalb Jerusalein gefangen gehalten wurde, erwiederte mit geflügelter Zunge: „Heiliger Mann, Jerobeam ist bei der Edomiterin eingedrungen, indem er mir und meinem Gefährten mit den Waffen drohte. Jetzt eben hat er eine Unterredung mit ihr." Der Prophet stieß einen Ausruf hervor, welcher einem Gebrüll ähnlich war. Er packte den Boten bei beiden Armen, als wolle er ihn in augenblicklicher Wuth an die Felsen schleudern, aber bald ließ er ihn wieder los, ergriff seinen Stab und rannte sogleich zu der Hütte empor, dem erstaunten Hebräer blos mit erstickter Stimme zurufend: „Folge mir!" Der Hebräer leistete dem Gebot augenblicklich Folge, und nach einer kurzen Viertelstunde erreichten Beide die Hütte, wo Dathan infolge einer heftigen Geberde des Propheten zuerst an die Thür, dann an einen der Fensterläden schlich und hineinhorchte. Sein Genosse in Bewachung der Edomiterin, welcher mit blanker Waffe an der äußeren Thür stand, gesellte sich zu ihm, und Beide kamen nach einer kurzen Weile auf den Propheten zu. „Sie reden mit einander, man kann sie sehen und hören," sagte Dathan mit gedämpfter Stimme und zeigte auf den halboffenen Fensterladen. „Erst will ich sehen und hören, wie weit sie schon sind," murmelte der Prophet mit bebender (Stimme und drückte sein heißes Gesicht leise an den Fensterladen. (Forts, folgt.) Litterarische Mittheilnngrn. ----- Es wird gewiß unsere Leser interesstren, zu erfahren, daß die Ausgabe 6. der Ethik von Lazarus vollständig vergriffen ist. — Natürlich wird nun eine zweite Auflage schleunig vorbereitet, um die vielen Besteller nicht allzu lange warten zu lassen. Es ist dies ein bei jüdischen Werken gewiß seltener, aber auch wohlverdienter Erfolg. Druck und Verlag von Ruvolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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