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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 des Gesetzes, ist des Wechsels, Wandels, der Entwickelung fähig und bedürftig; nur die Pflicht, das nach bestem Wissen und Gewissen alS gut Erkannte auch zu wollen, bedarf keiner Wandlung und gestattet keine." Neben diesem subjektiven Werth der Gesetzlichkeit besteht aber der objektive Werth des Gesetzes, von jeder Willkür unabhängig, fort; doch genügt es »licht, dasselbe durch den Willen und die That zu erfüllen, sondern es muß dasselbe im Denken erfaßt und vor allem im Gefühl erlebt werden. „Zu einer vollkommenen Erscheinung des Sittlichen kommt es nicht ohne die lebendigste Regung der sittlichen Gefühle.... Gesetzlichkeit als ethische Gesinnung heißt nicht blos, mit klarer Einsicht das Gesetz kennen, mit Energie seine Erfüllung bewirken, sondern mit dem ganzen Gemüthe das Gesetz ergreifen und von der Sehnsucht beseelt sein, daß das Gesetz in der Welt und in uns selbst zur Herrschaft gelange, daß unser ganzes Leben durch seine Vollziehung geordnet, geleitet und befruchtet werde." Diese Gesetzlichkeit nun begründet den ethischen Charakter des Menschen, sie dlirchzieht sein ganzes Leben mit der sittlichen Idee und wandelt durch diese überall gegenwärtige sittliche Idee das Leben zu einem einheitlichen Ganzen, sie verbindet viele Einzelne zu einer sittlichen Gesammtheit und schafft durch Vereinigung der Einzelnen einen sittlichen Gesammtgeist. So führt sie infolge des Zusammenwirkens Aller durch das Gesetz und für das Gesetz zur wahren Heiligung des menschlichen Lebens. Ein Hauptkapitel der antiken wie der modernen Ethik bildet die Untersuchung über „das Böse", das sich der Verwirklichung der Sittlichkeit entgegenstellt. Die Materie der äußeren Welt und der materielle Leib mit seiner begehrenden Sinnlichkeit werden als Sitz dieses „Bösen" angesehen. In der Ethik des Judenthums findet das Böse keine Stelle; denn das Judenthum kennt kein Prinzip und keinen Sitz des „Bösen". Weder die Materie, das heißt die Natnr, noch der menschliche Leib gelten dem Judenthum für böse. In einem psychologisch aufschlußreichen Kapitel „Naturgesetz und Sittengesetz" wird diese jüdische Anschauung von dem Verhältniß des Sittlichen zu der Natur einer eingehenden und tiefdringenden Untersuchung unterworfen. Es giebt eine sittliche Weltordnung und eine natürliche Weltordnung, die beide ihre eigenen Gesetze haben. Das Sittliche aber besteht nicht in einer Unterwerfung oder Bekämpfung des Natürlichen. Denn die Natur ist an sich nicht unheilig, sondern weder heilig noch unheilig; aber sie kann heilig werden durch die Verbindung mit der Sittlichkeit. Die Natur muß in den Dienst der sittlichen Weltordnung treten, sie bildet das Material und die Gelegenheit zur Gestaltung der sittlichen Welt. Auch Kenntnis und Beherrschung der Natur zählt zu den sittlichen Lebensaufgaben, als nothwendige Bedingung zur gedeihlichen Erfüllung des sittlichen Berufes. Denn da der Mensch von Naturbedingungen abhängig ist. die er deshalb künstlich leiten und mit Bewußtsein ordnen soll, so gehört, wenn auch nicht unmittelbar, so doch als Mittel zu den Aufgaben des ethischen Daseins „eine weitgespannte und tieforingende Technik des Lebens". Aber nicht blos die zweckmäßigen Erscheinungen des Naturlaufes, sondern auch die nachtheiligen, die „Uebel der Welt" werden im Judenthum als Material und Gelegenheit angesehen, ethische Gesinnung zu bewähren. Anstatt zum Pessimismus herabzüdrücken, erheben die „Leiden" zur Höhe der Sittlichkeit. So wenig die natürliche Welt unheilig ist, so wenig ist der liatürliche Mensch oder die Natur des Menschen an sich unheilig. Der Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, zwischen Fleisch lind Geist ist dem Judenthum fremd. Auch hier soll die Natur mit ihren Trieben in den Dienst der Sittlichkeit gestellt werden; Nicht Bekämpfung, sondern Beschränkung, nicht Unterdrückung, sondern Veredelung der natürlichen Triebe fordert das Judenthum. Die Erfolge dieser Ansicht vom Verhältniß der Natur des Menschen z»»r Sittlichkeit sind Lebensfreude und Heiterkeit, (im Allgemeinen) Abneigung gegen Askese und Werthschätzung aller Lebensgüter, die aber durch Beimischung idealer Elemente in das Reich der Sittlichkeit erhoben werden. „In dieser Beimischung idealer Elemente zum Materiellen", sagt der Verfasser gegen Schluß des Kapitels — und wir können uns nicht versagen, die ganze schöne Stelle, die einen tiefen Blick thun läßt in die Intimität der jüdischen Frömmigkeit, hierher zu setzen — „in dieser Beimischung idealer Elemente zum Materiellen, offenbart der ethische Geist des Judenthums seine Meisterschaft; er hat damit auch den durch Verfolgung gepeinigten Juden vom Stachel des Neides erlöst; denn er hat ihm moralische Acquivalente für weltliche Freuden verschafft, so daß man diese leicht entbehren .... mochte. Ein.Freitagabend in einem frommen jüdischen Hause mit seinem Lichterglanz und Lichtersegen, seinem, ob auch bescheidenen, doch immer auserwählten Mahle, das schon durch die Eigengestalt des Brodes sich auszeichnet, mit seinem Necitativ des „Preis des Biederweibes" (Spr. Salom. Kapitel 31), seiner segnenden Handauflegung auf das Haupt der Kinder, mit seiner energischen, muth- und hoffnungsfrohen Beschwichtigung aller Sorgen, mit seiner durch freie Muße gewährten Erhebung der Seele, welche durch heiter-fromme Tischgesänge genährt wird; —' und dann der Sabbathtag, „halb Gott und halb den Menschen" gehörig, aber auch der menschliche Theil zugleich geistig befriedigt,-diese ganze Sabbathfeier, sie zeigt ein solches Gleichgewicht des Geistigen und des Leiblichen, oder besser ein solches Uebergewicht des Geistigen im Leiblichen selbst, daß sie (von der umnittelbaren ethischen Bedeutung und sogar von allen bestimmten ethischen Aufgaben abgesehen) für die sittliche Erziehung, für die ethische Temperirung des Menschen höchst charakteristisch ist." (Schluß folgt.) EUILLETON Are Kose vsn Saron. Line Erzählung. XXX. ie Grotte des Propheten auf Bezetha war in der Nacht, wo Reson seinem Kerker entrissen wurde, von einer bleichen Oellampe mühsam erleuchtet, und die düstere Gestalt des Propheten ragte am Eingänge der Höhle empor, und zwar in solcher Stellung, daß das Licht der Lampe nur schwach das Gesicht des Propheten streifte. Der düstere, tiefsinnige Mann blickte in das öde Gefilde um Bezetha nieder, wo kein Lichtstrahl funkelte, denn es war spät in der Nacht, und die einsamen Hirten der Gegend hatten die Feuer ausgehen lassen und sich im Grase dem Schlummer übergeben. Oberhalb der Grotte funkelte noch eine Lampe durch die. Nacht und bezeichnet« mit ihrer schwachen Flamme die Hütte, wo die Edomiterin gefangen saß. Er hielt die Arme verschränkt über der Brust und starrte in die dunkle Tiefe des Thales nieder. Sein Geist gefiel sich in dieser Einsamkeit und in dieser geräuschlosen Nacht. Pläne voll Energie und die Umrisse einer großartigen Zukunft stiegen in solcher Umgebung vor dem hehren Geiste des Propheten empor.

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