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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 nennen. Als solche hat str auch lange unter den Orientalen gegolten^ und sie bildet die Grundlage zu der letzten großen Dichtung, dem Schwanengesang des herrlichen persischen Epikers Firdusi, der viel Mystisches in sie hinein trug und in ihr die Liebe der menschlichen Seele zu Gott poetisch zu veranschaulichen suchte. Der Perser schwang das Motiv weit über den Erdenstanb hinaus, das der griechische Tragiker mit so hinreißender Kraft und würdevoller Schönheit, der biblische Erzähler so naiv und doch so anziehend, der ägyptische Fabulant so schlicht und sachlich behandelt. Verschiedenartiger ist der nämliche Stoff sicher nie und nirgends behandelt worden als der unsere in dem Firdusischen Gedichte „Jusuf und Zuleika" und in der Geschichte von den beiden Brüdern, die wir hier mitzutheilen gedenken. Die hebräische Behandlung derselben kennt Jedermann, und wer sie mit der ägyptischen vergleicht, wird uns sicherlich beipflichten, wenn wir die letztere für die schlichtere und volksthltmlichere und darum auch — wir wiederholen es — für die ältere erklären. Mit ihr ist die Erzählung von den beiden Brüdern übrigens keineswegs zu Ende. Was folgt, erinnert den mit dem deutschen Märchenschatz Vertrauten in vielen Zügen an das von den Brüdern Grimm so überaus anmuthig nacherzählte Volksmärchen vom Machandelbaum. Noch größere Uebereinstimmung als das Märchen vom Machandelbaum bietet mit dem unseren das Märchen von den goldenen Kindern. Es wird im Donaugebiete von Ungarn, Wallachen, Rumänen, Siebenbürgern und Zigeunern erzählt. Der Papyrus, welcher in hieratischer Schrift die Erzählung enthält, deren Uebersetzung wir mitzutheilen gedenken, ward von einer Madame d'Orbiney nach Europa gebracht und, nachdem sie ihn vergeblich dem Louvre in Paris angeboten, vom British Museum für einen hohen Preis erworben. Du Vorsteher dieser Sammlung sorgten für seine würdige Veröffentlichung, und Champollions scharfsinniger Nachfolger, der Vicomte E. de Rouge in Paris, erkannte zuerst seinen Inhalt. Seitdem sind mehrere Uebersetznngen dieser merkwürdigen Handschrift hergestellt worden, schon 1868 die des ersten Theils derselben, welche die der Joseph-Potiphar-Geschichte parallele Erzählung enthält, von Seiten des Berfaffers dieser Zeilen. Das ganze Märchen ward am besten von H. Brugsch und G. Maspero übertragen?) Unsere neue, dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechende Version giebt den Grundtext wörtlich wieder, und trotz unseres Bestrebens, den deutschen Text lesbar zu erhalten, haben wir ihm doch nirgends die Treue zum Opfer gebracht. Die kleinen zerstörten Stellen auf den ersten Seiten der Handschrift ließen sich unschwer ergänzen. Einige Buchstaben, welche die unkundige Hand eines unserer Zeitgenossen in den Text fügte, um ihm das Ansehen besserer Erhaltung und dadurch höheren materiellen Werth zu verleihen, sind leicht erkennbar und können den Kenner ägyptischer Schrift und Sprache nicht irreführen. Der Anfang dieser Erzählung wird den Bibelfreund, ihr weiterer Verlauf diejenigen Leser besonders interessiren, die Theilnahme für das Volksmärchen und seine Geschichte besitzen. Die Ueberschrist: „Das Märchen von den beiden Brüdern", fehlt in der Handschrift. Was folgt, ist die worttreue Uebertragnng des Manuskriptes, das nach der oben erwähnten Dame, die es in Aegypten erwarb und nach Europa brachte, der „Papyrus d'Orbiney" genannt wird. Die Zahlen der Seiten der Handschrift werden in der Uebersetzung wiedergegeben. (Fortsetzung folgt.) *) Eine neue Ausgabe mit Umschrift und Glossen ward 1889 von H. Moldenke in New-Aork besorgt. Nie Ethik des Iudenthrrms von Lazarus. Besprochen von Dr. C. Seligmann in Hamburg. orin besteht nun tzje sittliche Heiligkeit? Welches ist ihr Inhalt? Dieser Untersuchung ist die zweite Hälfte unseres Kapitels und das ganze letzte Kapitel „Heiligung als Vereinigung" gewidmet. Es wird gezeigt, wie die Heiligung in der Vollkommenheit der Sittlichkeit besteht. Diese Vollkommenheit aber erfordert die Unbedingtheit der Sittlichkeit; nicht als Mittel zum Zweck darf sie dienen, sondern sie ist selbst ihr alleiniger Zweck und zugleich der Zweck aller Zwecke (Autonomie des Zweckes). Die Vollkommenheit erfordert ferner die Gesammtheit, die in sich geschlossene Einheit und Harmonie der sittlichen Ideen, als deren spezifischer Gegensatz die sittliche Einseitigkeit zu bezeichnen ist. Zu der Vollkommenheit der Sittlichkeit gehört endlich als Letztes und Höchstes „die Einigung aller Sittlichen, die Verbindung und Zusammenschließung aller zur Sittlichkeit Berufenen, die verantwortungsvolle Wirksamkeit nicht blos für die eigene, sondern für die Sittlichkeit Aller". So gipfelt die Heiligkeit, nach der Lehre des Judenthums, in der sittlichen Vereinigung Aller, so ist die höchste Idee der Sittlichkeit die Idee der sittlichen Gesellschaft und die Ethik des Judenthums in Wahrheit Sozialethik. Das ist der leitende Gedanke des Werkes, der am Schluß in einem besonderen Kapitel „Heiligung als Vereinigung" seine wissenschaftliche Grundlage und Ausgestaltung erhält. Bevor aber zu diesem abschließenden Kapitel übergegangen werden kann, beleuchtet der Verfasser, nachdem der Begriff und Inhalt der sittlichen Heiligkeit festgestellt ist, die persönliche Beziehung des Menschen zum Begriff der Heiligkeit. Der Mensch kann nicht heilig sein, sondern nur heilig werden; nicht Heiligkeit seiner Person, sondern Heiligung seines Lebens ist des Menschen Beruf. Heiligung des Lebens ist aber nichts anderes als das Streben nach Vollkommenheit im Sittlichen. Diese Vollkommenheit nun besieht in der Einheit und Ganzheit der sittlichen Person durch einheitlichen Lebensplan und einheitlichen, harmonischen Charakter. Ist somit der Begriff und der Inhalt der Heiligkeit oder Sittlichkeit erkannt, so entsteht die weitere Frage: Wodurch vollzieht sich diese Sittlichkeit? Wodurch gelangt sie zum Ausdruck? Und die Antwort des Judenthums lautet: Durch Gehorsam in der Erfüllung der göttlichen Gesetze. Dieser Gehorsam, diese auf die Erfüllung der göttlichen Gebote gerichtete Gesinnung, dieser — wie Kant es nennt — gute Will«, pflichtgemäß, d. h. dem Gesetz gemäß, zu handeln, heißt Gesetzlichkeit. Ueber das Berhältiiiß der Gesetzlichkeit zur Sittlichkeit spricht Professor Lazarus goldene Worte: „Man kann die Gesetzlichkeit, d. h. die Gesinnung, welche nach der Erfüllung des Gesetzes, weil es Gesetz ist, trachtet, als das eigentliche Ziel des Gesetzes ansehen. Frei von allen Wünschen, Absichten, Zwecken, welche sonst ihre Anziehung auf das menschliche Gemüth ausüben, waltet hier der Gehorsam als rein formales Element. Auf keinerlei Art von Erfolg, auch nicht auf einen geistigen, wird hier geachtet und gerechnet, als darauf, daß die Handlung durch den Gehorsam, der sie erzeugt, zu einer sittlichen wird. Alle anderen Zwecke verschwinden oder, genauer gesagt, werden unterworfen und untergeordnet, der Zweck der Sittlichkeit selbst bleibt als der höchste und herrschende." „Von allen Prinzipien der Sittenlehre ist (wissenschaftlich und für das Judenthum auch historisch betrachtet) das der Gesetzlichkeit, also das formale Prinzip der Verpflichtung zur Sittlichkeit oder das Gute zu wollen, das einzig Feste. Der Inhalt des Guten,

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