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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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45 Gesammtheit ihrer Mitbürger und Mitmenschen bewährt. Und dieses echt Humane, das dem jüdischen Herzen eigen, hat sich besonders in der sozialen Frage geltend gemacht. Alle Richtungen der Sozialpolitik haben ihre hervorragenden Vertreter unter unseren Glaubensgenossen gefunden, nach allen Richtungen finden wir Juden unter Denen, die sie mitbegründet haben und-leiten. Den Refngiös, den aus der Fremde Gekommenen, zollt man noch heute, und zwar mit Recht, Dank dafür, daß sie vor zwei Jahrhunderten Kunst- und Gewerbefleiß auf unseren Boden verpflanzt haben. Die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden sind Mitbürger und Deutsche, die durch ihre Steuern die öffentlichen Ausgaben mit bestreiten, die ihr Blut auf de» Schlachtfeldern fürs Vaterland vergossen' haben. Man sollte endlich ihr Schaffen und Wirken anerkennen als eine große Förderung des deutschen Reiches und Volkes * Aas ägyptische Märchen von den beiden Brüdern. Aus dem Nachlasse von Georg Ebers, h nter dem handschriftlichen Nachlaß der Aegypter aus derjenigen Zeit, in welche die Forschung allgemein den Auszug der Juden verlegt, befindet sich ein Papyrus, dessen Inhalt wohl geeignet erscheint, das Jntereffe nicht nur der Bibelfreunde, sondern auch Derer zu erwecken, die das Volksmärchen lieben; denn es enthält eine Erzählung, deren Anfang der vom Joseph und der des Potiphar so gleich sieht, daß einer der hervorragendsten kritischen Forscher die Vermuthung aussprechen konnte, die schöne, Jedermann aus dem ersten Buch Moses bekannte Geschichte dankte ihr den Ursprung. Sie würde also mit der nöthigen Umgestaltung und Anpaffung in de» biblischen Grundtext ausgenommen worden sein, um den ursprünglich schlichteren Erinnerungen an den in Aegypten zu hohem Ansehen gelangten Sohn des Jakob und der Rahel höheren Reiz zu verleihen und sein Emporkommen in anmuthender Weise dem Volk menschlich näher zu bringen. Was uns betrifft, so sehen wir uns genöthigt, dieser Ansicht zu widersprechen; denn die jüngsten Resultate der Sagen- und Märchenforschung brachten uns zu der Ueberzeugung, daß ähnliche Sagen bei verschiedenen Völkern verhältnißmäßig selten auf Entlehnung beruhen. Bei verwandten Nationen sind sie gewöhnlich ein Besitz, den sie aus der gemeinsamen Wiege mit in die neue Wohnstätte nahmen, bei einander fernstehenden Menschenverbänden lasten sich in sehr vielen Fällen gleiche Sagenmotive aus der Analogie des Denkens und Empfindens und der Aehnlichkeit der menschlichen Lebensführung 'zu jeder Zeit und auf jedem Theil des Erdglobus erklären. Auch das Seelenleben unseres Geschlechtes ist allgemeinen Gesetzen unterworfen, und das Zutreffende einer Maxime wie „Verschmähte Liebe erzeugt Haß" läßt sich unter den rohesten Nomadenhorden ebenso leicht Nachweisen wie unter den höchststehenden Kulturvölkern aller Zeiten. Dieser Erfahrungssatz, dies Seelengesetz liegt dem ägyptischen Märchen, das wir hier mitzutheilen gedenken, ebenso zu Grunde wie der Joseph-Potiphar-Geschichte und der Phaedra-Hippolytos-Mythe. v) Diese Arbeit hatte der vor Kurzem verschiedene und allgemein betrauerte Dichter für unser Blatt bestimmt. Verschiedene Umstände hinderten jedoch die Ausführung dieser Absicht. Nun ist der Essay in dem „Wanderbuch", das die Deutsche Berlagsanstalt in Stuttgart der großen Ebers-Gemeinde als theures Vermächtniß des Dichters gewidmet und das wir an dieser Stelle auf das Wärmste empfehlen können, erschienen. Wir aber haben die Erlaubniß erhalten, die Arbeit auch in unserem Blatte mit den zahlreichen Verbesserungen abdrucken zu dürfen, die Ebers uns selbst für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat. Die Red. Der gleichen Lebenserfahrung schulden alle drei den Ursprung; nun haben die einzelnen selbstverständlich sich der Besonderheit des Volkes und Gesellschaftskreises anpassen müffen, unter dem die mitgetheilten Vorgänge verliefen. Die hebräische Geschichte hat das Haus eines vornehmen Hofbeamten des Pharao, die ägyptische das eines Bauern und Viehzüchters zum Schauplatz, »nd angemessen den Bedingungen, unter denen sich jede von beiden begab, sind sie denn auch im Ganzen und Einzelnen gefärbt und gestaltet. Die vom Joseph gehört organisch in den Verlauf der Schicksale eines gottbegnadeten und durch eigene Frömmigkeit, Tugend und Klugheit zur höchsten Macht gelangten Mannes, der, selbst reich gesegnet, zum Erretter und Beglücker seiner Angehörigen wurde, während die ägyptische Erzählung die durchaus reale, den glaubhaftesten Lebensverhältnissen entsprechende Unterlage für ein Märchen bildet, das immer phantastischer wird, je mehr es sich von jener Grundlage entfernt. Wir glauben, der Uebereinstimmung beider gegenüber, an keine Entlehnung, in jedem Fall aber wird man die ägyptische für die ältere ursprüngliche Darstellung zu halten haben; denn sie ist die schlichtere, sie wird, wie so viele orientalische Märchen dieser Art, lange von Mund zu Mund gewandert sein, bevor sie die bis auf uns gekommene Aufzeichnung unter dem „Pharao der Bedrückung" erfuhr, und endlich ist sie ganz untrennbar von dem weiteren Verlauf der Geschichte, als deren Wurzel oder Grundlage sie bezeichnet werden darf, während die Erzählung vom Joseph und der Frau des Potiphar sich nur als Episode in den Lebenslauf des Helden mischt, der auch infolge ganz anderer Ereignisse ins Gefängniß und in Verbindung mit dem Pharao hätte kommen können. Daß der Anfang des ägyptischen Märchens hebräischen Ueberlieferungen entstammen sollte, ist kaum denkbar. Ebenso wenig darf angenommen werden, daß der Erzähler derselben von ägyptischen Erinnerungen an Joseph und seine Erhöhung ausgegangen sei, denn er läßt die Handlung, wie gesagt, im Kreise schlichter Bauern verlaufen und seinen Helden einen Landmann und Hirten ägyptischen Blutes sein, der später zwar infolge des Eingreifens der Götter zum Nachfolger des Pharao wird, dessen Geschick sonst aber nichts mit dem des Joseph gemein hat, obgleich sich annehmen läßt, daß die große agrarische Reformation, welche durch den Sohn des Jakob bewirkt ward, auch noch in späterer Zeit unter den geschichtskundigen ägyptischen Priestern, zu denen der Verfasser unseres Märchens gehörte, unvergessen geblieben sei. Es könnte freilich angenommen werden, daß der priesterliche Erzähler des Märchens, der auf das hebräische Motiv zurückging, sich einzugestehen scheute, ju wie hoher Macht ein Ausländer in seiner allen Fremden feindlichen Heimath gelangt sei, und daß er deswegen seinen Helden zu einem ägyptischen Landsmann gemacht habe; doch gerade zur Zeit desjenigen Pharao, unter dcffen Auspizien unser Märchen niedergeschrieben ward, hatte man die Scheu vor den Ausländern so weit überwunden, daß bei Hof und sogar in der Armee Männer semitischer Herkunft — ihre Namen beweisen es — hohe Aemter und die ansehnlichsten Befehlshaberstellen bekleiden durften. Man wird also gut thun, beide Erzählungen, trotz ihrer großen Aehnlichkeit, als unabhängig von einander auf verschiedenem Boden erwachsen anznsehen. Der Vortrag der einen wie der anderen ist jedes Lobes würdig, und der Prophet Mohammed war von seinem Standpunkt aus wohl berechtigt, die Geschichte von Jusuf und der Zuleika, der Gattin des Potiphar, welche er in der zwölften Sure des Koran frei nach der Bibel mittheilt, dort „die schönste aller Geschichten" zu

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