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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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4Ö jüdischer Lehrkräfte anbetrifft, so sagt der Minister, es sei doch nicht angängig, daß jüdische Lehrerinnen mit den Kindern von Klasse zu Klasse aufschreiten, so daß diese Kinder während der ganzen Schulzeit nur jüdische Lehrerinnen gehabt haben. Nun, ein Aufsteigen in höhere Klassen hat in Berlin überhaupt nur bei drei Klassenlehrerinnen stattgefunden, und dieses Aufsteigen ist überhaupt schon durch ein Reskript des Ministers von 1895 ausgeschlossen. Hier handelt es sich aber um neüe Beschwerden, die nicht aus dem Jahre 1895, sondern aus 1898 stammen. Im Jahre 1898 ist die städtische Schuldeputation angewiesen, derartig die jüdischen Klassenlehrer und -Lehrerinnen zu beschränken, daß womöglich bis zum I. April 1899 von den vorhandenen 54 jüdischen Lehrkräften 42 das Ordinariat verlieren müßten und nur 12 es behielten. Es handelt sich demnach gar nicht etwa um drei verdiente Lehrerinnen, gegen die man di« scharfe Behandlung individuell mildern könnte, sondern es handelt sich um eine grundsätzliche Maßregel durch eine generelle Vorschrift, die geeignet ist, in dieser Weise den größten Theil der jüdischen Lehrkräfte zu degradiren. Denn wenn in Volksschulen ein Lehrer oder eine Lehrerin nicht mehr Klassenlehrer sein kann, so nehmen sie eine Stellung ein, die sie despektirlich macht gegenüber den anderen Lehrern und gegenüber den Kindern. Es ist die Vorschrift erlassen worden, daß überhaupt jüdische Lehrer nur das Ordinariat von solchen Klassen führen dürsten, in denen mindestens zehn jüdische Kinder vorhanden seien. Wenn man den jüdischen Einfluß fürchtet, so wird er doch gerade gestärkt, wenn außer dem jüdischen Lehrer auch noch eine größere Zahl jüdischer Kinder in der Klasse ist. (Sehr richtig! links.) Dies ganze Verfahren ist mir deshalb völlig unverständlich. Dann hat der Minister gesagt, in Berlin seien die Volksschulen konfessionell. Es sind allerdings in Berlin 18 katholische und sechs evangelische konfessionelle Schulen vorhanden; das ist eine kleine Minderzahl, die deshalb konfessionell sind, weil mit ihnen besondere konfessionelle Stiftungen verbunden find. Die anderen Berliner Volksschulen find allerdings nicht Simultanschulen in dem Sinne, der sonst dafür anwendbar ist, es find Schulen, gemischt nicht nach der Konfession, sondern gebildet nur nach örtlichen Bezirken in der Stadt. Es sind dort jüdische, katholische und evangelische Kinder, Schullehrerinnen und Lehrer vorhanden. An diesem Zustand rüttelt man jetzt." Aus der Antwort des Ministers ist vor allem zu entnehmen, daß das Provinzial-Schulkollegium nicht im Sinne des Ministers vorgegangen ist. Mit Genugthuung wird man übrigens die Ehrenerklärung lesen, die der Minister vor versamnieltem Hause dm jüdischen Lehrerinnen gegeben. Ein weiteres Eingehen auf die einzelnen Punkte wird erst dann möglich sein, wenn die Reden im Wortlaut vorliegen. * Die Gesinnungslosigkeit unserer Antisemiten zeigt sich in der Affäre Dreyfus wieder einmal in hellstem Lichte. Ohrie Rücksicht auf die Thatsache, daß der ganze Handel sich lange Zeit gegen Deutschland richtete, wüthen sie gegen die Verfechter der Dreyfus- Sache, blos weil dieser ein Jude ist. Neu ist nur, daß selbst ein deutsch-freisinniges Blatt wie die „Weserzeitung" diese Angriffe billigt und dabei von der „Thatsache" spricht, daß diese Affäre, „deren Bedeutung an sich äußerst gering ist, nur durch die Thätigkeit der jüdischen Internationale zu so monströsen Dimensionen aufgebauscht worden ist". Daß das Blatt von den „Hamburger Nachrichten" hierbei in wirksamer Weise unterstützt wird, kann Niemand in Erstaunen versetzen, der dies Blatt kennt, das seine Tiraden mit dem Satze schließt: „Wir sind überzeugt, daß wir das ganze Gerede von dem „Solidaritätsgefühl der civilifirten Menschheit", die durch die unschuldige Berurtheilung des französischen Hauptmanns verletzt worden sei, nicht oder doch wenigstens nicht entfernt in rem Maße zu hören bekommen hätten, wenn es sich nicht eben um Herrn „Dreyfus", sondern um einen beliebigen Jacques Bonhomme gehandelt hätte." * „Rechter Hand, linker Hand — alles vertauscht", so heißt es ja wohl iu dem bekannten Liede. Ju einer Rede in der Fleischnothdebatte des Reichstages machte der Centrumsabgeordnete für Aschaffenburg, Pfarrer G erst e n b erge r, einige antisemitische „Witze". U. a. sagte er: „Bei uns haben die zwölf Stämme Israels das Land unter sich getheilt, halten die Thüren der Ställe zu und lasten keinen Christen an dieselben heran". Hierzu bemerkt nun die antisemitische „Deutsche Reform": „Es ist bezeichnend, daß der fromme „Reichsbote" in seinem ausführlichen Reichstagsbericht die Stelle von den zwölf Stämmen Israels wegläßt. Ob das nur aus Haß gegen den Centrumsmann Gerstenberger geschieht? Oder bildet sich das edle Pastorenblatt, wie auch seine Haltung zum Dreyfus- Skandal vermuthen läßt, ganz zum Synagogenorgan aus?" * Die erste That der französischen Regierung in Algier war recht schwächlich. Sie hat nämlich durch ein Dekret bestimmt, daß künftig den dort Natural!sirten das Wahlrecht erst vom dreißigsten Lebensjahre ab zustehen soll, und daß die französischen Staatsangehörigen in Algerien zu dreijährigem Militärdienst verpflichtet sind. Es scheint, daß diese Bestimmungen in erster Reihe bezwecken, die Naturalisation turbulenter Elemente, Spanier und Italiener, zn erschweren. Zn diesen zahlreichen französischen Neubürgern mit seltsam entwickeltem „Nationalgefühl" gehören auch die Brüder Rögis. Man will diesen Leuten Zeit lasten, die seit hundert Jahren in Frankreich eingeführten Grundsätze zu studiren. * Der „Americain Hebrew" bringt eine wichtige Nachricht aus dem weißen Hause in Washington, die wir deshalb im Wortlaut wiedergeben wollen: „Das Staatsdepartement erhielt soeben von dem Minister der Bereinigten Staaten in Konstantinopel die Information, daß der Minister der äußeren Angelegenheiten der Türkei ihm mitgetheilt habe, es läge durchaus nicht in der Absicht der türkischen Regierung, amerikanische Bürger, seien es Juden oder Christen, am Besuche des heiligen Landes zu verhindern, sei es, daß sie als Reisende oder zu zeitweiligem Aufenthalt im heiligen Lande kämen, vorausgesetzt, daß sie einzeln und nicht in Masse kämen. Die einzige Absicht der Regierung ist, die weitere Kolonisation Palästinas durch Juden zu verhindern, da die Anstedlung irgend einer religiösen Gruppe in überwiegender Ziffer leicht zu politischen Komplikationen führen könnte, welche die türkische Regierung zu vermeiden bestrebt ist." Der „Americain Hebrew" begleitet diese Mittheilung mit Reflexionen, aus denen hervorgeht, daß nach seiner auf offenbar sehr guten Informationen beruhenden Auffassung die Türkei zu ihren Vorsichtsmaßregeln durch das allzu laute Geschrei der Zionisten veranlaßt ist. Der Schah von Persien hat den Juden ein erfreuliches Zeichen seiner Wohlmeinung gegeben durch einen offiziellen Erlaß, der an den Minister für auswärtige Angelegenheiten gerichtet ist. Derselbe lautet in Uebersetznng: „Ich habe mit Befriedigung erfahren, daß eine Anzahl Juden, welche ihren Kindern guten Unterricht zu beschaffen wünschen, denen aber die öffentlichen Schulen verschlossen find, Beiträge sammeln und ein Erziehungsinstitut errichten werden, in dem arme Kinder und Waisen lernen werden, meinen Namen zu segnen nach dem Gesetze Moses und für mich und meine Herrschaft zu beten. Ich betrachte die Juden als meine treuen Unterthanen, und ihre Schule, die sie begründen wollen, um einem Theil meiner Unterthanen Unterricht zu ertheilen, ist nützlich und vortheilhaft für mein ganzes Reich. Ich habe daher Nizam es Sultaneh angewiesen, zu dem Fonds für diese Schule eine Subvention von 200 Tomans auszuzahlen." Es wäre erfreulich, wenn der Schah diese gute Gesinnung auf alle Juden seines Reiches ausdehnen wollte.

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