Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63. Jahrgang. Mt. 3. Merlin, 20. Januar 1899. 'Meikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 16. Januar. Die heutige Repräsentanten - versammlung, die zu einer Abendsttzung einberufen war, hatte fich fast ausschließlich mit der Neuwahl resp. Ergänzungswahl der ständigen Ausschüsse zu befassen. Die drei Vorsitzenden der bisherigen Ausschüsse, die Herren Geheimrath Blumenthal, Leonhard Sachs und Moritz Manheimer, waren mit der Borberathung betraut worden und hatten Herrn Manheimer zum Referenten bestimmt. Für den Ausschuß I (Steuer-, Rechnungswesen und Etatsangelegenheiten) werden diejenigen Mitglieder, die der Repräsentantenversammlung verblieben sind, wiedergewählt, nämlich die Herren Maurermeister Fränkel, G. Löwenberg, Leonhard Sachs, L. Sieskind, Stadtrath Weigert, M. Manheimer und Louis Sachs, und anstatt der drei ausgeschiedenen die Herren Justizrath Apolant, Albert Philipp Meyer und Kommerzienrath Friedländer neu gewählt. Für den Ausschuß II (Prüfung von Rechnungen, der Hauptkasse, der Abschlüsse rc.) werden ebenfalls die bisherigen Mitglieder, die Herren Professor Baginsky, Rudolf Mosse, M. Neufeld, Leonhard Sachs und Sieskind wiedergewählt und die Herren Dr. Minden, Kommerzienrath Friedländer und Albert Philipp Meyer neu gewählt. Die Herren Mosse, Oppenheim und Neufeld baten, von diesem Amt entbunden zu werden, zogen aber auf Bitten des Referenten ihren Widerspruch gegen die Wahl zurück. Im Ausschuß III (für allgemeine Angelegenheiten) verbleiben ebenfalls nach Beschluß der Versammlung die bisherigen Mitglieder, die Herren Geheimrath Blumenthal, Justizrath Apolant, Professor Lewin, Rudolf Mosse, Leonhard Sachs, I. Oppenheim und Geheimrath Senator, und werden neu deputirt die Herren Professor Blaschke, Professor Geiger und Landgerichtsrath Löwe. Für den Vorstand der neuen Synagoge wird an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Landsberger Herr Sieskind gemäß dem Vorschlags der Kommission bestätigt. Auf Anregung des Herrn Maurermeisters Fränkel sollte Herr Landsberger als Gemeindemitglied in diese Kommission gewählt werden, doch hat Letzterer die Annahme dieses Amtes abgelehnt. In die Kommission der Talmud-Thoraschule wird an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Sanitätsraths Jastrowitz Herr Geheimrath Blumenthal deputirt. Für eine Reihe anderer Kommissionen (Armen-, Fürsorge-, Krankenhauskommission rc.) wird der prinzipielle Beschluß gefaßt, daß diejenigen Repräsentanten, welche zwar ausgeschieden, aber wiedergewählt sind, in den Ausschüssen verbleiben sollen. Die Ergänzungswahl für die Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches wird von der Tagesordnung bis zur Erledigung einer kleineren Streitfrage abgesetzt. In die Kommission für das Erziehungshaus Pankow wird Herr Albert Philipp Meyer, anstatt des ausgeschiedenen Herrn Geheimrath Mareuse, in die Kommission für den Festgottesdienst Herr Dr. Minden, für Geheimrath Mareuse, und in die Subventionskommission Herr Landgerichtsrath Löwe, für Geheimrath Mareuse, gewählt. Auf Antrag des Vorsitzenden werden die Wahlen für die gemischten Kommissionen, Rabbinerwahlkommission, für Religionsunterricht u. a., erst dem Ausschuß III zur "Borberathung überwiesen. Derselbe bittet gleichzeitig, daß die drei Ausschüsse sich nach der Sitzung bereits konstituiren möchten, um ihnen die Vorlagen' noch so rechtzeitig zugehen zu lassen, daß letzter« am nächsten Sonntag berathen werden können. Der Vorsitzende rügt bei dieser Gelegenheit den so oft beklagten Mißstand, daß die Kommissionssitzungen. immer erst eine halbe Stunde vor den offiziellen Sitzungen stattfinden. Man werde dahin kommen müssen, die Gegenstände erst dann auf die Tagesordnung zu setzen, wenn die Protokolle der Ausschußsitzungen bis zu einem bestimmten Termin im Gemeindebüreau abgegeben worden seien. Dann könne auch bereits der Referent der Vorlagen auf der Tagesordnung angegeben werden und die Repräsentanten Gelegenheit haben, fich vorher über die Kommisfionsbeschlüsse zu informiren. Der Vorsitzende des Ausschusses III, Herr Geheimrath Blumenthal, erklärt sich gern zu einer zeitigeren Anberaumung der Sitzungen bereit. Bis jetzt sei es nicht möglich gewesen, da die Vorlagen erst nach der am Mittwoch stattfindenden Borftandssitzung dem Ausschuß zugingen. Als dringlicher Antrag ist noch die Vorlage betreffend die Gemein ßebibliothek vom Vorstande eingegangen. Die Dringlichkeit wird von der Versammlung beschlossen. Herr Geheimrath Blumenthal referirt, daß der Vorstand den Antrag gestellt habe, ihm die Summe von 10 000 Mark als Grundstock für die Gemeindebibliothek, für welche 20 000 Mark erforderlich seien, zur Verfügung zu stellen, da sich jetzt eine wohlfeile Gelegenheit zum Ankauf von Büchern biete. Die Kommission habe beschlossen, dem Ersuchen des Vorstandes beizutreten. Auf Grund der Abstimmung wird jedoch die Berathung der Angelegenheit von der Versammlung abgelehnt. Vom Vorsitzenden wird der Gegenstand auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gestellt. £2 Berlin, 17. Januar. Mit dem Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung bezüglich der eventuellen Errichtung einer zweiten städtischen höheren Mädchenschule im Westen beschäftigte sich am 11. d. Mts. unter Vorsitz des Bürgermeisters Kirschner die städtische Schuldeputation. Die Deputation beschloß, eine Anfrage an das Provinzial-Schulkollegium zu richten, ob die unter allgemeiner Konzessionirung gestalteten Schulen das Recht haben, einzelne Schüler aus konfessionellen Gründen abzuweisen. S2 Berlin, 18. Januar. Der unter Leitung von Frau Cäcilie Friedländer, Bellevuestrabe 9, stehende Kinder-Sparverein hielt am 14. Januar seine diesjährige Komitee-Sitzung ab. Es wurde der Bericht über das vergangene Jahr erstattet und dem Schatzmeister Decharge ertheilt. Für die ersten sechs Monate d. I. wurden M. 5000 zur Bertheilung bewilligt und außerdem M. 500 für den unter Leitung von Frau Dr. Maybaum stehenden jüdischen Kindergarten und Mädchenhort, Keibelstraße 40. Die Leerung der Sparkästchen wird zwischen dem 10. und 15. April d. I. vorgenommen werden. Die Wiederwahl der Herren und Damen in den Ausschuß sowie als Revisoren erfolgte per Akklamation. Ein spezieller Jahresbericht wird in diesem Jahre wieder erscheinen und allen Inhabern von Sparkästchen zugehen. 6. Berlin, 17. Januar. Das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin bringt über die Kriminalität der Juden manch interessanten Aufschluß. Wir entnehmen demselben die folgende Tabelle, in die aber nur diejenigen Verbrechen resp. Vergehen ausgenommen sind, wegen deren 10 oder mehr Juden bestraft worden sind. Die eingeklammerten Zahlen betreffen jüdische Personen. Hausfriedensbruch 915 (18), Verletzung der Wehrpflicht 442 (48), Vergehen gegen die Vorschriften beziehungsweise die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern 75 (23), Vergehen gegen die Konzessionspflicht 659 (13), Vergehen gegen die Sonntagsruhe 1877 (181), Vergehen gegen die Vorschriften bezüglich der Jmpfgesetze, Krankenversicherung, Unfallversicherung re. 142 (23), Kuppelei 652 (14), Beleidigung 2163 (103), einfache Körperverletzung 1380 (29), gefährliche Körperletzung 1831 (30), einfacher Diebstahl 3421 (66), einfacher Diebstahl im wiederholten Rückfalle 665 (14), Unterschlagung 1753 (47), Betrug 1005 (51), Fälschung öffentlicher Urkunden 404 (29), einfacher Bankerott 42 (15). Unter allen Rubriken zusammen wurden verurtheilt 22 020 Personen, davon 807 Juden. Da die Juden in Berlin 5 pCt. der Bevölkerung bilden, so hätte man erwarten dürfen, daß von ihnen 1101 Personen wegen Verbrechen oder Vergehen bestraft worden wären, es sind nur 807, d. h. 70 Prozent, das Resultat ist also sehr günstig. Sieht man obige Tabelle durch, so fällt sofort auf, daß die Juden den Durchschnitt übertreffen nur bei den kaufmännischen Vergehen, die die Beschäftigung von Arbeiterinnen, ferner die Sonntagsruhe, endlich die Versicherungsvorschriften betreffen. Sonst noch bei einfachem Bankerott, doch ist hier die Zahl der Fälle überhaupt sehr gering, und bei Verletzung der Wehrpflicht, in dem letzteren Falle erklärt es sich durch die starke Auswanderung der Juden. Vorbestraft waren von diesen 807 Juden