Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228315--55208-3291389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Jüdische Dorfbewohner. Bilder aus dem Leben von Bernstein-Sawersky. (Schluß.) o lange die Tropfbawett die Schlapphanne beaufsichtigte, mußte sich die Tochter des Hauses um das Geschäft kümmern; als Babette die Kuchen, welche zu den Feiertagen gebacken wurden, beim Bäcker Ansorg holen wollte, mußte die Tochter die Schlapphanne beaufsichtigen, damit sie nichts stehle. Man hielt sie zwar für ehrlich, aber die Saalfelder'sche Familie war darin sehr vorsichtig. „Man soll Niemand Gelegenheit geben," sagte immer der alte Saalfelder. Babette kehrte mit zwei Kuchen zurück. Unterwegs rief ihr ein Schelm zu: „Bawett — die Nusen lifft — «müßt se poutzen!" Sie antwortete dumm lachend, sehr durch die verstopfte Nase sprechend: „Wie soll ich pontzen — ich habe ja voü meine beiden Arme!" Und sie ging weiter. Die Feier beginnt Abends; sie dauert von Sonnenuntergang bis zu Sonnenuntergang. Hat das Fest feierlich seinen Einzug gehalten, so ist der Dorfjude nicht wieder zu erkennen. Noch zu Beginn des Tages geht er seinem Handel nach, kommt aber die Dämmerung heran, und kündet der erste Stern am Firmamente den Einzug des Festes, dann zeigt uns das Leben, daß sich unser Herrgott sogar noch als besserer Märchenerzähler erweist als R... B ... mit seinem: Es war einmal... Und diese Märchen sind so wahr und so realistisch! Ein Zauberwort dringt zu den Kindern Israels: „es ist Jom tow", und es erstehen vor unseren trunkenen Blicken Wunder, wie sie kaum morgenländische Phantasie zu malen weiß. Hütten, zerfallen in Staub, und Schlösser mit Goldkuppeln und Ornamenten schießen aus dem Erdboden — Wasser verwandelt sich in funkelnden Wein — blaue Waarenbündel gleiten von krummen Menschenrttcke», es fallen die Hüllen des Schmutzes — im Auge verlischt der gierige Blick nach Reichthum — der kriechende, gekrümmte Körper reckt sich gerade zur imposanten Gestalt — schwermüthige Träumerei in der Erinnerung des verlorenen Jeroscholajnls, majestätische Ruhe in dem erhebenden Gefühle der Nähe Gottes, des Gottes Abrahams und Isaaks, der.sein Volk nie verlassen, liegt auf den Blicken — die alte langnasige Frau wird zur Fürstin, wie ein Königsmantel prangt ihr orientatischscholtischer Shawl, den ein goldenes Bröschlein, das einzige Erbstück von der seligen Mutter, welches sie sonst in einem alten eichenen Schrein bewahrt, am Halse zusammenhält — und die Söhne haben Stulpen und gestärkte weiße Wäsche, wie echte Prinzen — und wie herrlich gehen die Prinzessinnen, die schwarzäugigen Töchter des Hauses einher — die Töchter Zions. Zauber des erwählten Volkes! Welche Pracht strahlt der Kronsaal aus? — Blei und Messing ist zum schimmernden Silber und prangenden Gold geworden — aus Cedernholz vom Libanon scheint der Sitz, den der Herr des Hauses einnimmt — die Blumen der Tapeten gleichen den herrlichsten Stickereien asiatischer Herkunft, und sie hauchen wie lebendige Blumen seltsamen Duft aus ... so schwer ... so sehnsüchtig ... und sie schauen und blühen wie lebendige Blumen — so wunderbar groß — so seltsam müde sehnen sie sich zurück nach den Ufern des Jordans oder nach dem Tempel Salomonis, der in Schutt und Asche zerfallen, und um den sie noch immer zu trauern scheinen. Aber heute soll Nichts trauern — soll Niemand trauern — soll Niemand in Schutt und Asche gehen — es wird ja auch das Weihefest gefeiert, das Fest der Freude... das Fest der Lichter...! Licht soll es um euch sein, und darum strahlen in eurem Saale die vielen Kerzen, von denen die Schrift sagt: „Diese Lichter sollt Ihr anzünden, der Wunder, der Siege und der erstaunlichen. Thate» halber, die Gott, der Allmächtige, der Allgroße, der Allweise und der Allgerechie zu Gunsten euerer Väter durch seine heiligen Priester allsgeführt hat. Ganze acht Tage hindurch sollen diese Lichter heilig sein, und es ist euch nicht erlaubt, .euch ihrer zu bedienen, ihr dürft sie nur anschauen, um Gott zu danken ob seiner Wunder, Siege und erstaunlichen Thaten." Auf dem Fenstergesims strahlen die Lichter wie Sterne in dunkler Nacht, aber einen gleich weihevollen Strahl, den Gott, der die Welt in acht Tagen erschaffen hat und sah, daß es gut war, zur Feier des Ruhetages bestimmt hat, wirft die Sabbathsampel, die Messinglampe an der Decke, die Menora. An den Wochentagen hängt sie unbeachtet hoch oben, unmittelbar ari der Decke; zu Beginn des Sabbaths wird sie an ihrer Kette herabgelassen, und wie vier goldene Kähne, die paarweise an einem Punkt mit ihrem Kiel zusammenstoßen und ein Sternbild bilden, wirft sie einen sacerdotalmystischen Schein. „Die Menora brennt", d. h. der Sabbath hat schon begonnen — und in patriarchalischer Reihenfolge setzt sich die Familie an den Tisch, und man nimmt das Mahl zu sich. O. selig die Menschen, die für den Geist finden, was des Geistes ist, und deiieu für den Leib wird, was sie für den Leib bedürfen. Wenn der Dorfjude auf dem Handel ist, dann kann er in seinem Geschäftsinteresse, in seiner seit Jahrtausend von Geschlecht zu Geschlecht befestigten Zähigkeit verhungern, befiehlt ihm aber das Fest, von der Arbeit zu ruhen, dann lobt er sich zu einer behaglichen Unterhaltung eine gute Speise. Und so liegt das feinste und weißeste Tischtuch auf dem Eichentisch und auf dem Tischtuch ein lveißes Brod, der Barches. Der Vater ergreift ihn, schneidet die Kuppe ab, giebt jedem Familiengliede ein kleines Stückchen davon und spricht die Gebetssormel: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der Du das Brod gezogen aus der Erde." Das nennt man „Motze machen". Nun geruhen erst die hohen Herrschaften, ans eigentliche Essen zu kommen. Und sie essen fürstlich! Heine, der Großrabbiner der Dichtkunst, singt: „Zu Frankfurt kam ich am Schabbes an, Dort aß ich Schalet und Klöse, Die Juden haben Ports die best) Religion. o V Auch lieb' ich das Gänsegekröse." Hat man sich sä majorem dei gloriam a» Speise und Trank gelabt, dann ergreift der Vater das Gebetbuch und singt in schauriginonotonen Weisen das Tischgebet... „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, welcher den Sabbath und den Festtag geheiligt hat." Das ist das Ende des Gebetes. Und nun kommt aus der Nachbarschaft der lange Gomel oder der Moses Leer oder der Philippstcrn, und dann unterhält man sich über die Politik, über die Steuern, über die Beschlüsse des Ausschusses — über dies und jenes — und über dies und das.... Und dabei vergeht der Abend, und wie im Traum entschwebt der folgende Tag — und es entschwebt das Fest — und plötzlich ertönt wieder das Zauberwort: der Jom tow ist zu Ende — und das Schloß sinkt hinab in die Nacht mit seiner Pracht und Herrlichkeit, mit seinen Prinzen und Prinzessinnen, und in die graue, klagende Luft starrt wieder todesmüde eine alte, baufällige Lehmhütte, in welcher der Schmutz bis an die Decke stäubt, in der das häßliche Weib wie eine Spinne herumkriecht — während sich wieder über die einsame, regnerisch graue Landstraße der alte, gebückte, bewegliche Jude, das blaue, mit Schnittwaaren gefüllte Bündel auf dem Nacken, dahinschleppt und von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus seinen Kram feilbietet.. Druck und Verlag von N u d v l f Masse in Berlin. Verantwortlich für die ■Hcbaüiim: Mar Bauchwitz in Berlin.