Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Mehrere der halbtrunkencn, aber ihrer Pflicht noch immer sich bewußten Wächter eilten auf den Gefangenen fluchend zu. Das Mädchen schüttelte heftig sein Instrument und wechselte mit dem Gefangenen einige rasche Blicke und heftige Geberden, die zur Folge hatten, daß der Edomiter doppelt erstaunt und wie starr in der Thür stehen blieb. „Bei dem seuerflammenden Baal!" rief der Wächter zornig. „Dich lockt wohl der Gesang des Mädchens, kühner Edomiter? Fort in Deine» Kerker! Wende Deine letzten Lebensstunden der Trauer zu statt den Gesängen der Mädchen!" Damit schob er den noch immer erstaunten Edomiter zurück, zog die Thür wieder zu und drückte einen schweren hölzernen Riegel vor dieselbe, denn die Hebräer kannten keine eisernen Schlösser. Das Mädchen hatte sich abgewandt und suchte die Ruhe seiner Züge wieder zu gewinnen. Doch blieb sein Busen in heftiger Aufregung, was aber die Wächter wenig bemerkten, da sie nach einige» Verwünschungen sich wieder zur Erde streckten, mit gesteigerter Trunkenheit den Schläuchen zusprachen und den Gesängen des Mädchens horchten. Das Mädchen schien die traurige Stimmung, in welche es sich durch sein erstes Lied versetzt hatte, mit Gewalt verscheuchen zu wollen und stimmte ein rasches, lebendiges Lied an, welches den flüchtigen Reiter der Wüste schilderte, wie er unter den Palmen der Oase sein Mädchen liebkost und im Sonnenbrand der reichen Karawane nachjagt und durch Wüstensand und heißen Sturm das treue Roß nach den Zelten der Heimath spornt. Es war ein mächtiger Eindruck, welchen dieser wilde, heitere Gesang auf die Wüstensöhne hervorbrachte. Die Wenigen, welche der Gewalt des Weines noch nicht erlagen, taumelten bei diesen Tönen auf und brüllten mit rauhen Kehlen einen lallenden, unverständlichen Chor zu dem Liede des Mädchens, bis sie doppelt erschöpft durch den Tanz und das Geschrei auf ihre Brüder und dann in empfindungslosen Schlaf fielen. Endlich waren Alle besinnungslos bis auf den Wächter, welcher die Reize der Sängerin ganz besonders zu bewundern schien und mit schwerem Kopfe und mühsam gehobenen Armen vor derselben kniete und sie zu umarmen suchte. Diese bemühte sich mit Erfolg, ihn zurückzustoßen, während ihre Augen angstvoll und aufmerksam auf der Thür hafteten, welche in Resons Kerker führte. Die Sängerin war durch einen Zwischenraum von wenigen Schritten von dieser Thür geschieden, und sie hätte dieselbe vielleicht öffnen können, sobald der Wächter ihr nicht länger seine verliebte Aufmerksamkeit schenkte. Die Sängerin saß eine lange Pause hindurch mit Angst und Sorge im Gesicht da. Doch schien sie den Wächter eifrig zu beobachten. Endlich, da sie seine Besinnungslosigkeit immer deutlicher bemerkte, sprang sie plötzlich auf, warf ihr Instrument zur Seite und stieß den trunkenen Wächter mit beiden Händen zurück. Dieser unvorhergesehene und heftige Stoß raubte dem Trunkenen vollends seine Besinnung. Stöhnend sank er auf seine Kameraden hin, und nach wenigen Minuten verkündeten seine tiefen Athemzüge, daß er das Schicksal seiner Genossen theilte. Das Mädchen eilte nun an die Thür und rüttelte mit zitternden Händen an dem Riegel. Aber das plumpe Werkzeug wich so schwachen Kräften nicht. Thränen traten in des Mädchens Augen, seine Lippen riesen angstvoll den Namen des Edomiters. und seine zarten Arme sanken von dem rauhen Riegel, denn das Blut perlte aus den verwundeten Fingern. Das Mädchen stand einige Sekunden in tiefster Verzweiflung da. Dann ging die Thür leise auf, und der Ziegenhirt mit seiner gewaltigen Keule schaute vorsichtig herein. Als er die Szene angesehen, that er einen großen Schritt herein und rief dem Mädchen das kurze Wort zu: „Sethron!" Das Mädchen erbebte und zeigte dann mit hilfeflehendem Ausdruck auf den Riegel. Der Phönizier hob gelassen seine Keule und schmetterte den Riegel sammt den Bändern nieder, die ihn an die schwere Thür genietet hielten. Die Thür flog knarrend auf, der Edomiter stürzte hervor. „Iva!" rief er in Tönen der Angst und der Zärtlichkeit. Da sagte der sidvnische Mann mit rauher und dennoch zitternder Stimme: „Sohn Edoms, sie hat Dich gerettet, Deine Treuen sind draußen versteckt, aber der Aegypter kommt!" Reson blieb vor dem Sidonier mit einem Ausruf stehen und reichte ihm stürmisch die Hand. Iva stand einige Schritte von dieser Gruppe entfernt, und die Königin der Wüste verstummte. Da erhob sich ein plötzliches Geräusch vor der Hütte, wie Waffenlärm, dann stürzte eine zitternde, dürre Gestalt mit verstörtem dunkeln Gesicht herein, den funkelnden Dolch in der Hand. „Ha, Retterin!" schrie der Aegypter so wüthend als verzweislungsvoll, „Du hast ihn befreit!" Der Aegypter ergriff Jvas zarte Achsel wie mit Geierklaueu, schüttelte sie heftig, daß die Fürstin laut aufschrie, und hob den Dolch mit verzerrten Gesichtszügen empor. Das Folgende geschah mit blitzähnlicher Geschwindigkeit. „Iva — er tödtet sie!" rief der Edomiter, fast betäubt von dem Anblick der Gruppe, und daun stürzte er mit wankendem Schritt auf Sethron zu. In der offenen Thür erschienen Sethrons Söldner, kämpfend mit Resons Treuen. „Den lasse mir!" schrie der Phönizier mit donnernder Stimme, und einen Moment später ragte seine riesige Gestalt neben Sethron empor, und sein eiserner Arm faßte des Aegypters niederfahrende, mit dem Dolch bewaffnete Rechte und bog sie gewaltsam zurück, daß Sethron gellend aufschrie und zurücktaumelte. -- „Und somit nimm Deinen Lohn, Berräther!" brüllte der Phönizier, und seine Keule wirbelte über dem Haupte des Aegypters. Iva stieß einen lauten Schrei aus und sank bewußtlos in Resons Arme, als eine gräßlich verstümmelte Gestalt zu ihren Füßen niedertaumelte, und der sidonische Mann ruhig seinen schweren Fuß auf die schauerlichen Reste setzte. Die Niederlage der Söldner Sethrons war in wenigen Minuten entschieden. Der Sidonier entriß einem der Todten ein Schwert, drückte es in Resons Rechte, winkte dann den Männern der Wüste, den geliebten Führer und die ohnmächtige Fürstin zu umgeben, und rasch und fluchtähnlich wälzte sich der Zug nun aus der Hütte und verschwand in der Dunkelheit, ehe die aufgeschreckten Bewohner der nächsten Umgebung sich aus ihren Hütten hervorgewagt hatten. Betäubte Schläfer und Todte lagen in der Hütte Dathans wüst durcheinander, während einige wenige der Söldner Sethrons, welche entkommen waren, schreckensvoll davon eilten, nm so unglückliche Nachricht nach Bezetha zur Grotte des Propheten zu bringen. Die Fürstin der Sabäer kehrte nach dem Palast zurück, den sie bewohnte. Es waren wenige Worte, welche sie mit Reson sprechen konnte. Der Edomiter eilte mit seinen Treuen fort. Die Königin aber hatte ihn gerettet, und diese Rettung war vollkommen gelungen. (Forschung folgt.)