Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
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34 Unfähigkeit, selbständig denkende Menschen zu ertragen und — in der Unbedenklichkeit der Mittel. Freisinnig ist, wer einen freien Ginn hat. d, h. die Dinge unbefangen ohne die Brille der Partei und des Dogmas betrachtet. Freisinnig ist, wer auch andere Ueberzeugungen zu verstehen und zu würdigen vermag. Freisinnig ist, wer die Fähigkeit, das Bedürfniß und den Muth einer eigenen Ueberzeugung hat. Zum Schluß will ich nur noch bemerken, daß ich mit meinen ungeheuerliche» Ansichten keineswegs allein stehe. Ueber Entwickelung hat sich z. B., um nur Einen zu nennen, vor einigen Jahren U. v. Wilamowitz (jetzt in Berlin) in einer Rektoratsrede hier in Göttingen ähnlich ausgesprochen. Für die Absurditäten der Quellenkritik kann für den ersten Theil der Genesis auf Halevy: Renherches bibliques, für die Religionskritik auf das ausgezeichnete Buch von James Robertson: Tde early religio« of Israel, Deutsch von C. v. Orelli: die alte Religion Israels, Stuttgart 1896. welches BüH^H^an^^ssonders gebildeten Laien empfehle, unter vielen anderen verwiesen werden. Die Kritik ignorirt natürlich solche Bücher. Für sie existirt nur, was in ihren Kram paßt. Ihren jugendlichen Nachbetern werden sogar die deutschen Gegenschriften verheimlicht, und sie sollten noch gär französische oder englische lesen? Wozu denn auch? Wellhausen hat gesagt! das ist das Allah il Allah der dogmatischen Pseudowifsenschaft. Me Rose vsn Seron. Line Erzählung. XXIX. ie Wächter des Edomiters lagerten, sobald Jerobeam sich entfernt hatte, lim den rohen Tisch herum, welcher inmitten des Gemaches stand, und setzten zwei Schläuche darauf voll jenes süßen, rothen und starken Weines, welcher um die Berge Hebron und Libanon noch heutzutage wächst. Damals hatte Muhameds Lehre dem Araber noch nicht den Genuß des Weines verboten, daher tranken ihn die Wüstensöhne und tranken ihn unmäßiger, als der Morgenländer zu thun pflegt. Da ging die Thür leise auf, und für einen Moment erschien die derbe Gestalt eines Hirten in derselben und betrachtete die Szene mit aufmerksamem Auge. Die Trinker hatten nichts gemerkt, und die Thür ward wieder zugelehnt. Da tönten melodische Schellen durch die Nacht, und eine süße Stimme sang ein Lied in arabischer Sprache. Die Töne näherten sich mehr und mehr und waren so weich und melodisch, daß die Wüstensöhne verstummend horchten und ihrer wilden Erzählungen vergaßen. Endlich stand Einer leise auf, ging zur Thür und öffnete dieselbe. Der helle Schein der Fackeln fiel breit auf die Straße und ließ ein Mädchen erkennen, welches singend und ein sonderbares Instrument in den Hände» haltend eben vorübergehen wollte. „Wüstenmädchen," sprach der Wächter mit schmeichelnder Stimme, „komm herein und fing uns von der Wüste." Das Mädchen schien sich zu bedenken. Es sang nicht mehr, sondern schüttelte leise sein Instrument, welches mit kleinen Schellen behängen war. „Wir selbst kamen aus der Wüste," fuhr der Wächter fort, und er machte eine Bewegung, den Arm de« Mädchen» zu fassen. „Komm, in Schläuchen haben wir rothen, lieblichen Wein, und wir wollen Dir mit farbigen Mänteln einen weichen Sitz bereiten. Und während Du trinkst und Deine Kehle singen heißest, lauschen wir, zu Deinen Füßen gelagert, den Liedern der Wüste." „Ich komme," erwiederte nun das Mädchen, welches seinen Arm aus der Hand des Wächters freigemacht hatte. Der Wächter schritt voran, und das willige Mädchen folgte ihm. Ehe aber die Thür wieder geschloffen wurde, erblickte man von Neuem die hohe Gestalt des Hirten und sein ernstes Gesicht, welches mit einem Ausdruck der Sorge den Schritten des Mädchens folgte. Die Thür ging zu, die taumelnden Wächter legten ihre Kaftane gefällig auf einer der breiten Bänke zusammen, und die Sängerin nahm Platz auf diesem Sitze. Seiner ganzen Erscheinung nach gehörte das Mädchen durchaus nicht jenem leichtfertigen Stande der Sängerinnen und Tänzerinnen — der Bajaderen des Orients — an. Aber ihre Bereitwilligkeit, vor den rohen Wächtern zu singen, die Freiheit, die sie sich nahm, unverschleiert zwischen die Männer zu treten, stellten sie in die Reihe jener fahrenden Wesen. Die Sängerin hielt in der Hand jenes hebräische Instrument, welches viel Aehnlichkeit mit dem Tambourin neuerer Völker hat. Ueber einen metallenen Ring ist nämlich ein Fell gespannt, und zahllose kleine Glöckchen hängen rund herum. Das Mädchen begleitete seinen Gesang entweder mit diesen leise geschüttelten melodischen Glöckchen oder mit einem dumpfe» Trommeln auf dem ausgespannten Fell. Dies Instrument hieß bei den Hebräern die Adufe. Das Mädchen wies mit peinlichem Gesichtsausdruck und heftiger Geberde die liebkosenden Arme der Wächter zurück und rief endlich mit weinerlicher Stimme: „Wenn Ihr mich hereinriefet, meinen Gesang zu hören, so laßt mich in Ruhe, denn ich brauche meine Hände zu etwas Befferem, als um Euere plumpen Arme abzuwehren!" „Bei den Gestirnen Sabas!" sagte der Wächter, welcher die Thür geöffnet hatte und sich berufen fühlte, das Mädchen zu liebkosen, während die Uebrigen sich zu den Füßen der Sängerin auf den Boden hingestreckt hatten und allgemach die Schläuche leerten. „Bei den Gestirnen Sabas, sie hat Recht! Singe also, Tochter der Wüste, wir wollen schweigend zuhören, ohne unsere Arme zu etwas Anderem zu gebrauchen, als um die Schläuche zu fassen!" Der Wächter streckte sich ebenfalls hin, lehnte aber sein Angesicht auf den rechten Arm und starrte das Mädchen mit einem Ausdruck der Bewunderung und Liebe an. Das Mädchen warf einen ängstlichen Blick auf die ringsum lagernden rauhen Gestalten, schüttelte dann das sonderbare Instrument und lockte einzelne dumpfe Töne aus dem aufgespannten Fell. Die Szene war auffallend, weil die edle Gestalt der Sängerin in seltsamem Gegensatz zu den Wächtern stand. Die Szene verlor alle Anmuth durch diesen sonderbaren, peinlichen Kontrast — es lag etwas Unpassendes, Gezwungenes darin — und dies war der Eindruck, welchen die edle, zu ihrem Stande durchaus nicht paffende Gestalt der Sängerin ausübt«. Das Mädchen hatte seinen Gesang kaum beendet, als die Thür, welche in Resons Kerker führte, heftig aufgeriffen wurde, und der Edomiter selbst in derselben erschien, mit aufgeregten Zügen und bei dem Erblicken der Sängerin einen Ausruf des Erstaunens ausstoßend.