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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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83 der Regen, der Sturm. Aus dem kosmologischen Gottesbegriff „entwickelte" sich irgend einmal (wenn man nur erführe, wie?) der ethische und aus dem Polytheismus der Monotheismus, den sammt dem Sittengesetz die Propheten erdacht haben. Die höchste Stufe haben selbstverständlich WIR, die Kritiker, erreicht. Nach solcher Entwickelung nun sehe ich mich im ganzen Weltall und in der ganzen Weltgeschichte vergebens um. Ich leugne nicht, daß die Bäume wachsen, ich behaupte nur,- daß der liebe Gott dafür gesorgt hat, daß sie nicht in den Himmel wachsen. Die Schwalben bauen ihr Nest heute so wie vor fünftausend Jahren. Nirgends macht uns die Natur, wenn sie in Ruhe gelaffen wird, das Experiment vor, sich aus dem Birnbaum den Apfelbaum, aus dem Esel das Pferd „entwickeln" zu laffen. „Gott schuf die Dinge nach ihrer Art." Die Reihenfolge der Begriffe im System ist nicht die Reihenfolge der Dinge in der Wirklichkeit. Wenn der Orgelbauer die Pfeifen nach der Größe aufstellt, so darf man noch nicht sagen : die größeren sind aus den tleinercn entstanden. So auch in der Religion. Als ich in der Untersekunda saß, vielleicht war es schon in der Tertia, da warnte uns unser deutscher Lehrer bei der Erklärung der Aufsatz-Chrie ganz besonders vor dem erkenntnißtheoretischen (oder sagte er: methodologischen?) Fehler, doch niemals exempla mit argumenta zu verwechseln. Beispiele können erläutern, aber nie beweisen. Wenn die Religion bei den Botoknden mit dem Fetisch ansängt, so ist das kein Beweis für die Religion Israels, wenn bei den Jndogermanen mit dem Gewitter, so muß es bei den Semiten nicht ebenso zugegangen sein. Die Bibel lehrt Jeden, der nicht blind auf das Dogma der Entwickelung schwört, daß die Religion Israels von allem Anfang an auf der höchsten denkbaren Stufe stand. Der Gott des Propheten Amos, den die Kritik (nächst dem Liede der Debora) für den ältesten biblischen Schriftsteller hält, ist schon völlig so erhaben und universalistisch, wie er überhaupt gedacht werden kann. Hier wieder ein kleines Beispiel aus der Praxis unserer dogmatischen Pseudowiffenschast. Das Wort für Gott, El, kann befriedigend nur aus der Wurzel WAL „Schutz suchen bei Jemand", abgeleitet werden. Aber die Kritik sagt: ist auch etymologisch nichts dagegen einzuwenden, aus entwickelungsgeschichtlichen Gründen geht es nicht an. So hoch kann der Gottesbegriff jener Zeit nicht gewesen sein. Man muß die Ableitung von AWL „stark, furchtbar sein", annehnren, obgleich sie etymologisch mindestens bedenklich ist. Ist das nicht dogmatische Befangenheit schlimmster Art? Die Religion muß durchaus auch beim Semiten mit einem Donnerwetter angefangen haben. Er muß es mit der Angst bekommen haben, um Religion zu kriegen. Trotzdem ich mir meine Angriffe gegen die Kritik also wohl überlegt habe, und sie aus meiner innersten wisienschaftlichen Ueberzeugung stammen, habe ich doch gesagt, ich wolle vorläufig alles für diskutabel gelten laffen, so lange die unumgänglich nöthige Detailuntersuchung noch nicht geführt sei. Darauf antwortet mein Kritiker: Der Berfaffer gesteht also „ruhig" ein, daß er selbst diese Detailuntersuchung noch nicht geführt hat. — Ja! ganz „ruhig" gestehe ich es ein. Wenn mein Herr Kritiker nur ahnte, was er da gefordert! Ich will ihm aber verrathen, daß es mich fast meine ganze Muße eines vollen Jahres gekostet hat, einige Seiten des Dillmann'schen Kommentars bis auf das kleinste Detail zu piüfen. Aber aus dieser Prüfung habe ich gelernt, wie windig es mit den Behauptungen der Kritik aussieht, habe ich ihnen gegenüber einen „schrankenlosen Skeptizismus" erworben. Ich glaube jetzt dieser Wissenschaft nichts, rein gar nichts, so lange ich nicht selbst geprüft habe. Die pseudowissenschaftlichen Nachbeter ihrer Dogmen haben es natürlich viel leichter. Für sie genügt ein: Kuenen sagt, Wellhausen hat bewiesen. Nach den „neuesten" Forschungen (Anderer!), nach der übereinstimmenden Ansicht u. s. w. Ich erkläre ausdrücklich, daß ich sehr froh wäre, wenn ich den hundertsteil Theil der Gelehrsamkeit und Geisteskraft dieser hochbedeutenden Männer hätte, aber darum brauche ich noch nicht auf niein bischen eigene Vernunft lind mein eigenes Urtheil zu verzichten, so wenig wie ich zugebe, daß ich mit meiner Religion gegen die Religion der gelehrtesten Christen und Heiden im Unrecht bin. Besonders aber soll ich wiffenschaftlich zerschmettert werden durch den Vorwurf, daß das, was ich will, nicht Wissenschaft, sondern Erbauungsbestrebungen sind. Ob der Berfaffer rioch etwas ganz Besonderes damit meint, weiß ich nicht, aber so. wie er es sagt, acceptire ich den Vorwurf mit Vergnügen, denn das sind in der That meine bibelwiffenschaftlichen Bestrebluigen. Die rechte Wissenschaft hat jedes Werk nach der ihm eigenthümlichen Natur lind in einem ihm verwandten Geiste aufzufassen und zu behandeln. Die Bibel ist ein erbauliches Buch, sie giebt eine Geschichte der Gotteserkenntniß und Gottesfurcht. Nur wer mit Sinn für Gott und Gottesfurcht an sie herantritt, wird ihr Wesen, ihre Seele verstehen. Die Pseudowissenschaft kann eine Antiquität erschnüffeln, der Geist der Bibel wird ihr ewig verschlossen bleiben. Mit dem klassischen Alterthum ist es ähnlich. Du gleichst dem Geist, den du begreifst, d. h. du mußt dem Geist gleichen, den du begreifen willst. Wissenschaft ohne Tendenz ist eine hohle Phrase. Wenn z. B. Geiger eine Zeitschrift für „Wissenschaft und Leben" herausgab, wenn er beständig verlangte, daß die Wisienschaft das Leben befruchte und die treibenden Kräfte des Lebens die Wissenschaft, was ist diese Tendenz anders als meine „Erbauungsbestrebung"? Ohne solche Bestrebung könnte uns die Bibel ganz gleichgiltig sein. Also ja! ich verfolge Erbauungsbestrebungen, ich will Gott erkennen lernen und Andere lehren, wenn ich über die Bibel forsche, ich habe keinen anderen Zweck, selbst wenn ich die mikroskopischen Varianten der Sixtina und Clementina sammele oder die der Psalmenüberschriften in sämmtlichen Handschriften der Septuaginta und der Kirchenväter. Schließlich erhebt sich mein Kritiker im Namen der jüdischen „Gelehrtenkreise" zu einer feierlichen Protesterklärung gegen meinen jesuitischen Rath, die feindlichen Richtungen der Bibelkritik als tertins gaudens auf einander zu hetzen. Trotzdem bleibe ich bei meinem teuflischen Rath, den ich so unbegreiflich unklug war, sogar zu allgemeiner Kenntniß drucken zu laffen. Wenn wir die Kritik in ihrer Bekämpfung der Christologie unterstützen, so thun wir es, weil wir darin die gleichen Ueberzeugnngen haben, wenn wir der konservativen christlichen Bibelforschung in ihrer Bekämpfung der destruktiven, Gott eliminirenden Tendenzen helfen, so thun wir es, müssen es thun, weil wir darin mit ihr die gleichen Ueberzeugungen haben. Von unseren Sonderllberzeugungen geben wir dieser wie jener gegenüber nicht das Geringste auf. Durchaus mit Unrecht maßen sich die Vertreter und Nachbeter dieser Bibelkritik den Ehrennamen religiösen Freisinns oder wohl noch gar die Führung desselben an. Sie sind nichts als neuarlig Orthodoxe. Orthodoxie heißt Rechtgläubigkeit, die jeden anderen Glauben für Ketzerei verschreit. Es verschlägt aber im Wesen gar nichts, ob diese Orthodoxie weiß oder schwarz ist, ob sie auf Wellhausen oder den Schulchan aruch schwört, ob das Dogma auf der Synode zu Lydda im Jahre 98 oder auf einem modernen Konventikel im Jahre Eintausend achthundert und achtundneunzig festgesetzt ist. Diese weiße Orthodoxie ist ebenso sehr eine unjüdische Unterjochung der Vernunft wie die schwarze. Sie gleichen sich auch durchaus i» ihrem Charakter, in ihrem blinden Fanatismus, ihrer

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