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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 befaßt sich mit der Septuaginta als Uebersetzung überhaupt nicht, sondern lediglich mit ihrem Griechisch zur Feststellung des neutestamentlichen Sprachgebrauchs!! Er sucht dieses Griechisch — wie er selbst anerkennt, auch nach meinem Vorgang — aus der besonderen Färbung zu bestimmen, die es im Aegypten der Ptolemäerzeit erhalten hatte, wofür er ebenso wie ich in umfassender Weise die Papyri durchforscht. Wer ist also der „man", der „im Gegentheil" behauptet hat, die Septuaginta sei eine gute Uebersetzung? Mir war eine solche Meinung bisher unbekannt, obgleich ich die Litteratur einigermaßen zu kennen glaube. Vielmehr wird mir Jeder, der von der Septuaginta etwas versteht, durchaus beistimmen. Fast jedes Buch bietet massenhafte Beweise ihrer Unwissenheit im Hebräischen, ihrer Flüchtigkeit, Liederlichkeit und selbst von Verfälschungen gröbster Art. Ja. ich gehe weiter und behaupte: die Nachwirkung der Septuaginta und die ungerechtfertigte Rücksicht auf sie ist einer der verderblichsten Fehler der heutigen Bibelwissenschaft und eine Quelle zahlloser lexikalischer, exegetischer und Hermeneutischer Jrrthümer. Viel wichtiger wäre z. B. die stete Befragung des genuinen nachbiblischen Sprachverständnisses. Um nur eine Einzelheit anzuführen: das ganze irreführende Gerede vom „Gesetz" haben wir in erster Linie der falschen Uebersetzung von Thora durch das Nomos der Septuaginta (statt Lehre oder Unterweisung) zu danken. Ein anderes Beispiel? die Lebensalter der ersten Menschengeschlechter vor und nach der Sintfluth weichen in der Septuaginta erheblich von dem hebräischen Texte ab. Welchem Text soll man also glauben? Lagarde, den überall das Bemühen leitet, die verhaßte jüdische Ueberliefcrung zu diskreditiren (man bemerke wieder die antijüdische Tendenz dieser Bibelkritik!) behauptete nicht blos, daß die Zahlen der Septuaginta die richtigen seien, sondern auch, die Juden hätten die Zahlen in der hebräischen Bibel absichtlich gefälscht, um den Christen das Argument zu entziehen, daß der Messias im Jahre 6000 der Welt erschienen sei. Jetzt hat aber Oppert die ausgezeichnete Entdeckung gemacht, daß die Zahlen des hebräischen Textes, und zwar nicht blos bis Abraham, sondern bis zum Bau des salomonischen Tempels, ein einheitliches chronologisches System darstellen, dessen Proportionen für die vorisraelitische Zeit genau die gleichen sind wie in gewissen alten babylonischen Kalendersystemen. Damit ist die Behauptung Lagardes — die er einigen Kirchenvätern nachgesprochen — endgiltig widerlegt und der mafforetische Text gegen die Septuaginta glänzend gerechtfertigt. Mein zweiter Vorwurf galt der Quellentheorie. Diese feiert als ihren Copernicus den französischen Arzt Astruc, der in einem 1753 erschienenen Werke Nachweisen wollte, daß die Genesis (wie er noch behauptet, von Moses) aus verschiedenen Quellenschriften zusammengesetzt sei. Sein Hauptargument war, daß Gott im ersten Buche bald Elohim, bald JHWH genannt werde. Dies erkläre sich am einfachsten so, daß Mose zwei Urkunden zusammengearbeitet habe, von denen die eine Gott immer E., die andere beständig I. nannte. Damit schwänden auch alle Widersprüche der Erzählung. Der eine Erzähler hat dieselbe Sache so, der andere anders erzählt. Niemals ist in einer Wissenschaft ein absurder Einfall kritikloser angenommen und ohne jede Prüfung zur Grundlage des ganzen Aufbaues gemacht worden. Ich habe diese Behauptung durch die ganze Geschichte der Kritik von Astruc-Eichhorn bis auf Kuenen und Dillmann verfolgt und auch nicht den Schatten, nirgends den ernstlichen Versuch eines Beweises gefunden, daß die verschiedenen Gottesbezeichnungen verschiedenen Verfassern angehören müssen, nirgends eine gründliche Widerlegung aller gegentheiligen Nachweise. Einer spricht es dem Anderen nach, bis auf diese Weise eine „erdrückende Uebereinstimmung der Forscher" entsteht. Auf diesem Argument beruht die ganz« Quellenkritik. Das meinte ich mit der pstitio priuoipii, worin mich mein Kritiker wieder einmal falsch verstanden hat. . Wiederholungen sind noch lange kein Beweis verschiedener Verfasser, zumal wenn die angeblichen Wiederholungen auf falscher Exegese beruhen. Nicht einmal Widersprüche sind es. Ich will mich z. B. anheischig machen, nachzuweisen, daß Goethes Faust von mindestens einem halben Dutzend Verfasser sei, G, O, E, T. H, E u. s. w.. UebrigenS werde ich mich mit der Quellenkritik in einer wissenschaftlichen. demnächst erscheinenden größeren Arbeit auseinandersetzen. Darauf hatte ich die Litterarkritik angegriffen. „Kaum ein Professor stimmt völlig mit dem anderen über die Abfassung einer biblischen Schrift überein, und es ist fast ergötzlich, zu sehen, wie dasselbe Kapitel oft durch alle Epochen eines Jahrtausends gehetzt wird." Darauf mein Herr Kritiker: Hier ist „wieder" eine „unrichtige Thatsache" mitgetheilt. Von den Meisten wird heute die Entstehung des Deuteronomiums um das Jahr 621 angesetzt, von den meisten Forschern, wird übereinstimmend der Priesterkodex als ein litterarisches Erzeugniß des Exils u. s. w. betrachtet. Mein Herr Kritiker merkt also gar nicht, wie er mir völlig Recht giebt. Von den meisten Forschern, also nicht von allen; heute, also gestern stimmten sie anders überein, und morgen werden sie sich wieder anders einigen. Hier ein kleines Beispiel für diese Art Litterarkritik: Die Kapitel 24—27 des Buches Jesaja stammen: nach Delitzsch von einem Schüler des Jesaja, also achtes Jahrhundert; nach Hitzig von einem in Assyrien sich aufhaltenden Nordisracliten; nach Bleck von einem Zeitgenossen Jossas, nach Grätz von einem Zeitgenossen des Zephanja; sie sind geschrieben während der Zerstörung Jerusalems nach Knobel; am Ende des babylonischen Exils nach Gesenius; in der Zeit des Kambyses nach Ewald; des Darius nach Dillmann; im fünften Jahrhundert nach Oort; im vierten Jahrhundert nach Smend; in den ersten Jahren Alexanders des Großen nach Hilgenfeld; um die Zeit der Zerstörung Sidons durch ArtaxerxeS Ochus; 351 vor Christi nach Vatke; in der griechischen Zeit nach Stade; in der Zeit des Hyrcan und Alexander Jannai nach Duhm. Genügt das? Von den Psalmen nun gar nicht zu reden. Verdient eine solche Kritik nicht das größt« Mißtrauen? Giebt es in irgend einer Wissenschaft etwas Aehnliches? Mag sich doch Jeder niit litterarhistorischen Vermuthungen ergötzen, so viel er Lust hat, und z. B. behaupten, die fünf Bücher Mosis seien von Philo oder von Josephus geschrieben, aber man rede angesichts solcher Zustände nicht mehr von gesicherten Ergebnissen, um den Laien zu imponiren oder gar die Köpfe von Kindern zu verwirren. Jetzt aber kommt mein größtes Verbrechen! Ich habe — entsetze dich, o Publikum! — die Entwickelung auf dem Gebiete: des Geistes, insbesondere in der israelitischen Religion geleugnet!! Zunächst Berichtigung eines kleinen Lesefehlers! Ich habe gesagt den Begriff der Entwickelung hat die Bibelkritik der Naturwissenschaft entlehnt. Daraus liest der Kritiker, daß ich also der Naturwissenschaft den Entwickelungsgedanken zu billige. Jene „Zubilligung" ist mir gar nicht eingefallen. In der Naturwissenschaft leugne ich die Entwickelung erst recht. Zuvor aber eine Definition, damit wir uns nicht um Worte streiten. Unter Entwickelung versteht die Kritik: die stufenweise Fortbildung von niederen Lebenserscheinungen zu immer höheren und vollkommeneren in ununterbrochenem Fortschritt. Diese Entwickelung habe auch in der Religion, insbesondere in der Religion Israels, stattgefunden. Im Anfang war der Fetisch. Dann schritt man fort zur göttlichen Verehrung von Steinen, Bäumen, Bergen. Dann zu den Himmelskörpern und den atmosphärischen Erscheinungen, die man personifizirte. Gott ist der Donner und Blitz, das Gewitter,

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