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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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81 keine anderen Völker) ist Gegenstand des göttlichen Willens — dies der mosaische PartikulariSmu»; und nur das Volk Israel ist Gegenstand deS göttlichen Willens, nur der theatralische Staat als Ganzes, der einzelne Israelit, aber nur als Bürger dieses Staates, nicht schon als Mensch an sich — dies der politisch - legale Charakter der mosaischen Religion und Sittlichkeit." („Moral und Religion" p. 34; ähnlich in „Die Religion" I. p. 282 ff.) Dem gegenüber ist unser Kapitel durch di« alleinige Wucht der angeführten Thatsachen und durch die unwiderstehliche Ueberzeugungskraft der angehäuften Beweise eine wahre Ehrenrettung des Charakters der jüdischen Sittenlehre zu nennen. Der allgemein menschliche Charakter derselben, der jüdische Universalismus findet hier seine gerechte Würdigung. Packend heißt es an einer Stelle: „Für die Frage, ob wirklich die nationale Beschränkung aufgehoben, der reine und volle Begriff der Menschheit in eine Sittenlehre eingeführt ist, sind nicht abstrakte theoretische Sätze, ist auch nicht die Ausdehnung der ethischen Verpflichtung und Würde maßgebend. Es mag sich »m das Verhältniß des Einzelnen zum Einzelnen, des Volkes oder Staates zu anderen Völkern oder Staaten oder der Einheimischen zu den Fremden, der Majoritäten zu den Minoritäten handeln — in allen diesen Fällen kommt es (vielmehr) für die Würde und Vollkommenheit einer Ethik darauf an, welche konkreten Pflichten ihren Bekennern allen Freniden gegenüber auferlegt werden. Nicht welche sittlichen Pflichten man dem Fremden, sondern welches ethische Verhalten gegen ihn man sich selbst auferlegt, welche Rechte man Jenem einräumt, welche Theilnahme auch an der Wohlfahrt wie an dem Wollen und Wirken der Gesammtheit man ihm gewährt." Im Anschluß an diesen Gedanken wird dann das mosaische und talmudische Frenidenrecht in ausführlicher Darstellung erörtert und daraus, aus positiven sittlichen Vorschriften, nicht aus abstrakten Theorien, der Charakter der jüdischen Sittenlehre abgeleitet. In gewissem Sinn zur Charakteristik gehört auch die ausführliche Anmerkung über nKJlN. Gerade diesen Abschnitten wünschte ich besonders viele christliche (und auch jüdische) Leser. Sie werden beim Lesen manches Mal verwundert und bewundernd ausrufen: Wie, das steht im Talmud geschrieben! Dann ist doch der Talmud, jenes verlästertste aller Bücher, das reinste, erhabenste und sittlichste Buch, dann sind ja die Talmudlehrer die edelsten Menschen der Geschichte gewesen! Nach der allgemeinen Grundlegung der Sittenlehre, die wir um der prinzipiellen und schwierigen Fragen willen ausführlicher besprechen zu müssen geglaubt haben, wendet sich der Verfasser im zweiten Abschnitt zur Darstellung des Zieles der Sittlichkeit. Als ideales Ziel der Sittlichkeit, so wurde schon in der Grundlegung der Sittenlehre erkannt, schwebt dem Judenthum die Gottähnlichkeit vor. Wie aber kann der Mensch Gott ähnlich werden? Wie ist denn Gott selbst, daß wir uns bemühen können, ihm ähnlich zu werden? Unsere ganze Kenntniß von Gottes Persönlichkeit besteht in der Einsicht, „daß Gott Urquell und Urbild der Sittlichkeit, daß er die personifizirte und realiflrte oder vielmehr die reale Idee der Sittlichkeit selbst ist". Diese Sittlichkeit nennt das Judenthum Heiligkeit. Gott ist heilig, der Mensch soll heilig werden, d. h. er soll nach Heiligung seines Lebens streben. Darum ist das Ziel aller Sittlichkeit Heiligung des Lebens. Nun deckt zwar der Begriff Heiligkeit den Begriff Sittlichkeit nicht vollkommen, denn der Begriff Heiligkeit ist weiter, er schließt nicht nur das Ethische, sondern auch das Rituelle und das allgemein Religiöse in sich ein. Dennoch ist Heiligung nichts anderes als Bersittlichung. Denn auch das rituell Heilige, das ja nur als Symbol eine werthvolle Bedeutung besitzt, erlangt seine Vollkommenheit nur, wenn es innerlich erlebt und empfunden wird, d. h. wenn es nicht in der Aeußerlichkeit stecken bleibt, sondern sich zum religiös Heiligen erhebt; das religiös Heilige selbst aber, d. h. „alle Selbstbeziehung des Menschen auf Gott, alle Erhebung durch und alle Hingabe an Gott, hat zum innersten Kern und Grund das Ethische". So mündet also jeder Nebenbegriff des Heiligen in den Hauptbegriff des sittlich Heiligen, und es läuft alle Heiligung auf Versittlichung hinaus. (Schluß folgt.) ' Dogmatische Pseudowissenschaft. Bon Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. faß mein in dieser Zeitung (Nr. 43—45 v. I.) abgedruckter Vortrag: „Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht" den Widerspruch einiger Vertreter — oder besser Nachbeter — einer dogmatischen Pseudowissenschaft erwecken würde, hatte ich erwartet. Aber ich hatte mehr erwartet als die Auseinandersetzungen des Herrn Dr. Kellermann, der mich in Nr. 49 mit seinem Aufsatz „Bibel und Wissenschaft" nicht blos wissenschaftlich, sondern auch moralisch todt gemacht zu haben sich den Anschein giebt. Wenn ich mich auf die Aeußerungen des Herrn Dr. Kellermann schließlich doch einlasse, so geschieht es nur aus Rücksicht auf den weiten Leserkreis dieser Zeitung, der von manchen meiner Sätze eine nähere Begründung verlangen wird. Ich bin meinem Kritiker j dankbar dafür, daß er mir hierzu Gelegenheit giebt, da ich in j meinem Vortrage mich so präzis und knapp wie möglich zu! fassen, hatte. Ich habe mich als einen entschiedenen Gegner der heute herr-! schenden pseudowissenschaftlichen Bibelkritik bekannt und ihr in allen i Stadien die schwersten Jrrthümer und Willkürlichkeiten zum Vorwurf j gemacht. Zunächst in der Textkritik. Die Septuaginta, die griechische j Bibelübersetzung, auf die sich die Kritik stützen will, um den hebräischen I mafforetischen Text durchgehends zu verbessern, nannte ich eines der! elendesten Uebersetzungswerke, die es in irgend einer Litteratur giebt, j und überdies sei sie in einem kritisch unheilbaren Zustande. Darauf! mein Herr Kritiker: „bisher war „man" gerade der entgegengesetzten! Meinung, „man" erkannte in ihr eine hervorragende jüdische Geistesi arbeit, und diese Ansicht wird auch in neuester Zeit von Deißmann, i einem der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiete, getheilt". —! Ich habe gesagt, die Septuaginta ist ein elendes Uebersetzungsj werk, und darauf antwortet er: im Gegentheil, sie ist eine hervori ragende jüdische Geistesarbeit! Das Eine hat mit dem Anderen gar nichts zu thun. Eine Uebersetzung kann als Uebersetzung sehr schlecht sein und doch für sich betrachtet eine hervorragende; Geistesarbeit. Gerade bei Bibelübersetzungen trifft dies öfter zu, zum i Beispiel bei der Lutherschen. Schlegel-Tiecks deutscher Shakespeare ist als Uebersetzung längst überholt, aber für sich betrachtet eines der hervorragendsten Geisteserzeugniffe der deutschen Litteratur. Bei der Benutzung der Septuaginta für die Textkritik handelt es sich aber lediglich um die Frage: was ist sie als Uebersetzung werih?! Was ste an sich werih ist, ist eine andere Frage, und ich glaube dies i früher begriffen zu haben als Herr Dr. Kellermann und selbst als Deißmann. Denn der erste wissenschaftliche Satz, den ich in meinem Leben habe drucken lassen, lautete: „Die hellenistische Bibelübersetzung der Septuaginta verlangt und verdient, auch wenn sie nicht unter dem Gesichtspunkt einer textkritischen Mittels betrachtet wird, als rin immerhin bedeutsames litterarisches Erzeugniß eine selbständige Durchforschung und Klarlegung rc." Deißmann

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