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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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so das Sittengesetz als innerlich nothwendige Folg« des Wesens Gottes und des Menschen seinen Grund und seine verpflichtende Kraft in sich selber trägt, daß es unmittelbar aus dem menschlichen Bewußtsein selbst geschöpft werden kann, daß eS nicht darum sittlich ist, weil Gott es geboten, sondern daß «S darum Gott geboten, weil es sittlich ist. Dies ist die Autonomie der jüdischen Sittlichkeit. Ich glaube, daß selbst die strengste jüdische Orthodoxie, wofern es ihr nur nicht an der nöthigen Schärfe des Denkens gebricht, sich mit diesem Grundgedanken in Uebereinstimmung befinden muß. Das wird erst recht einleuchtend, wenn man es versucht, den Gedanken umzukehren. Durch den Kontrast rückt die Wahrheit des Gedankens erst in die rechte Beleuchtung. Man veranschauliche sich nur einmal die Umkehrung unseres Gedankens, daß nämlich das Sittengesetz nur darum sittlich sei, weil es Gottesgesetz, und nicht, weil es an sich (autonom) sittlich sei. Es ist dies die Lehre des Kirchenvaters Terlullian und der späteren Scholastiker Duns Scotus und Wilhelm v. Occam. Diese lehren: Lediglich der Wille Gottes bestimmt, was sittlich ist, und sittlich ist es nur, weil Gott es geboten hat. Gott könnte auch das Gegentheil wollen, und auch dann würde sein Wollen gut sein. Gott hätte auch ein anderes Sittengesetz geben können, dann würden eben auch unsere Begriffe von Sittlichkeit andere geworden sein. Auf diese Weise gäbe es also gar keinen ewig gütigen, unveränderlichen, unzweifelhaften Inhalt der Sittlichkeit, sondern die Sittlichkeit beruhte einzig und allein auf der willkürlichen und an sich zufälligen göttlichen Fügung. Von dieser äußerlichen Austastung des Wesens der Sittlichkeit ist das Judenthum weit entfernt. Ihr gegenüber lautet die Lehre des Judenthums, um wieder mit den Worte» des Verfaffers zu reden: „Nicht aus einem göttlichen Willensakt, nicht durch einen göttlichen Machtspruch entsteht das Sittengesetz, sondern aus dem ureigenen Wesen Gottes selbst, aus seiner unbedingt und unendlich sittlichen Natur fließt es. Darum heißt es bei dem allgemeinen Grundgesetz, als dem zusammenfastenden Ausdruck aller Sittlichkeit, bei dem Gebote: «ihr sollt heilig sein", nicht: denn ich will es, nicht: denn ich befehle es, sondern „ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig". Und noch präziser an einer anderen Stelle: „So wie es für Gott schlechthin keinen anderen Grund des Sittlichen geben kann als die Natur des Sittliche» selbst, so soll es auch für den Menschen keinen anderen geben." Aber die „Autonomie der Sittlichkeit" ist ein deutungsreicher Begriff. Man versteht darunter nicht nur die Autonomie des Prinzips, sondern auch die Autonomie des Motivs resp. Zweckes, und nicht immer wird dieser Doppelsinn aus einander gehalten. Wenn es auf das Prinzip ankommt, lautet die Frage: Wo ist die Quelle der Sittlichkeit? Wenn es auf das Motiv aukommt, lautet aber die Frage: Aus welchem Grund oder zu welchem Zweck soll man sittlich sein? Solche Motive, die mit den Zwecken meistens zusammenfließen, da das Motiv nichts anderes ist als der in der Vorstellung antizipirte Zweck, sind gleichfalls entweder autonom, d. h. der Zweck der (objektiven) Sittlichkeit ist die (subjektive) Sittlichkeit, oder Heteronom, d. h. die Sittlichkeit dient als Mittel zur Erreichung persönlichen oder allgemeinen Nutzens oder der Herbeiführung wahrer menschlicher Glückseligkeit (Egoismus, Utilismus, Eudämonismus). Welches ist nun der Ztveck der Sittlichkeit nach jüdischer Auffaffung? Warum soll man sittlich sein, oder, um in der Sprache des Judenthums zu rede», warum soll man den Gesetzen Gottes gehorchen? Dient der Gehorsam zur Erreichung irgend eines außerhalb der Sittlichkeit liegenden Zweckes, der Nützlichkeit, des Glückes oder irgend eines irdischen oder überirdischen Gutes? „Nein," antwortet der Berfaffer und belegt dieses Nein durch zahlreiche Beweise. Dem Geist des Judenthums liegt die Frage nach dem „höchsten Gut", jene Frage, welche die griechische und auch die neuere Ethik so viel beschäftigt hat, ganz fern. .In der rabbinischen Forschung lautet die Frage nach dem Ziel der Sittlichkeit nicht: Welches ist das höchste Gut, das der Mensch erringen, sondern welches ist der rechte Weg? welches ist der gute Weg, den der Mensch gehen soll? (S. Aboth II, 1 lind II, 13.) — Nicht auf die Erfolge, sondern auf die Maximen des sittlichen Handelns ist hier der Blick des Denkers gerichtet. ... Als das höchste Gut, oder genauer genommen, als das wahre Gut überhaupt erscheint hier nur das Sittlich-Gute selbst. . . Alles andere, was wohlthut, angenehm, nützlich und zweckdienlich ist und darum auch „gut" genannt wird, ist Nebensache, ist untergeordnet. Um es mit einein Wort zu sagen: Die Liebe zum Sittlich-Guten allein ist die Ethik des Lebens, alles andere gehört zur Technik des Lebens." Wie wird durch diese das Verhältniß des Judenthums zu allen Heteronomen Systemen ausführlich untersuchende Ausführung alles das hinfällig, was Schopenhauer und Hartmann und so viele Andere gegen die theistische Ethik eingewendet haben! Gewiß, wer das Gute thut und das Böse unterläßt, nicht aus Liebe zum Guten und Abscheu vor dem Bösen, sondern weil Gott die Erfüllung des Gebotes belohnt, die Uebertretuug bestraft, der ist nicht sittlich; denn er wird zur sittlichen That aus unsittlichen Motiven bestimmt. Aber warum ist denn bei diesen Gegnern der theistischen Moral immer nur von Furcht und Hoffnung die Rede? Giebt es nicht auch eine frei sich unterordnende Liebe? Und sollte die sittliche That weniger Werth haben, wenn der aus hingebungsvoller Liebe entspringende Gehorsam ihr Motiv ist, als wenn sie aus dem völlig autonomen Gefühl der sittlichen Verpflichtung fließt? Ist die Liebe zu Gott und der autonome Gehorsam gegen das Gute ein schlechteres Motiv als der edle Stolz der freien Sittlichkeit, die bisweilen s o frei ist, keine Sittlichkeit zu sein? Daß Lazarus für alle seine Thesen zahlreiche Belegstellen aus Bibel und Talmud anführt, ist schon erwähnt und versteht sich eigentlich von selbst. Nun giebt es freilich im jüdischen Schriftthum wenige oder vielleicht gar keine Stellen, in welchen derartige allgemeine Prinzipien der Sittlichkeit erörtert und formulirt wurden; wohl aber schwebten insbesondere den Rabbinen unbewußt bei ihren Aussprüchen die allgemeinen Prinzipien der Sittlichkeit vor, und es ist eben die schwere und von Lazarus so meisterhaft geübte Kunst — ich möchte sie eine Bergmannskunst nennen — aus den Schachten jüdischer Geisteswerke solche Aussprüche auszugraben, aus welchen bald offener, bald verhüllter die inneren Gesinnungen und die allgemeinen Prinzipien hervorblicken, und diese Aussprüche von den zeitlichen und zufälligen Schlacken zu befreien, daß der innere Gedanke rein und goldhell hervorleuchtet. Den Schluß des ersten Abschnitts über die Grundlegung der Sittenlehre bildet das schöne Kapitel: „Der Charakter der jüdischen Sittenlehre", welches aufs Engste mit dem vorhergehenden zusammenhängt. Denn der Charakter einer Sittcnlehre steht unzweifelhaft in einem innigen Zusammenhang mit den Prinzipien, so daß man zwar nicht von den angeblichen Prinzipien auf den Charakter, wohl aber von dem Charakter auf die wirklichen Prinzipien einen sicheren Rückschluß zu machen berechtigt ist. Welche Makel hat man nicht dein Charakter der jüdischen Sittenlehre anzuheften sich vermeffen! Um das Prinzip herabsetzeu zu können, hat man den Charakter verdächtigt. Man höre nur, wie der bekannte Religionsphilosoph Otto Pfleiderer über den Charakter der jüdischen Sittenlehre aburtheilt: „Nur das Volk Israel (und

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