Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228315--55201-3291382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

LS unfertig in den Jndustriebezirkm die Verhältnisse oft noch sind, wie namentlich die Verzinsung der Bausummen für die prachtvollen Tempel recht drückend empfunden werden, wenn man alles dies erwägt, so muß man die Opferwilligkeit der westfälischen Gemeinden bewundernd und freudig anerkennen. Ist auch das bis jetzt erzielte Resultat relativ groß, wie klein erscheint es gegen die erforderliche Summe! Erst jetzt, nachdem die Asylfrage in Fluß gebracht worden, gewahrt man. wie nothwendig und heilbringend eine solche Heimstätte ist. In kleineren, abgelegenen Orten verkommen die Vereinsamten ganz einfach, und man betrachtet diesen erschrecklichen Zustand wie ein unabwendbares Fatum. In den Herbstferien befand ich mich eines Abends in einem vertrauten Familienkreise, in welchem sich ein ehemaliges Mitglied der betreffenden kleinen Gemeinde besuchsweise aufhielt. Ich besprach unser Asylprojekt, und da sagte mein Wirth: „Da haben Sie wahrhaftig Recht. Eine Stunde von hier wohnt ein altes, armes Mädchen. Es schläft bei geringen Leuten auf dem Boden unterm Dach. Juden giebr's da nicht. Wenn das Mädchen mal stirbt, dann weiß ich nicht, wie wir's von dem Boden herunterkriegen wollen, denn es steigt auf einer Leiter hinauf und kriecht dann durch ein Loch auf die Schlafstelle." — Also nur das machte dem guten Manne Sorge, wie das arme Wesen dereinst beerdigt werden könne; für die Qualen, die die Verlassene und Vereinsamte täglich, namentlich in der kalten Winterzeit, zu erdulden hat, fehlte ihm bisher das Verständniß. — Und nun erzählte uns unser Gast, ein Herr, der jetzt Vorstandsmitglied in einer großen Stadt ist, wie er in jüngeren Jahren die Leiche eines.in größtem Elend gestorbenen Juden vom Heuboden herabgeholt habe. Mit Rücksicht auf meine zartbesaiteten geschätzten Leserinnen und Leser muß ich mir's versagen, die grausige Schilderung meines neuen Freundes hier zu wiederholen. Und doch sollte es geschehen, damit unsere mit Glücksgütern Gesegneten auch einmal einen Einblick in das wirkliche Elend thun. Denn das ist oft erforderlich, um zur Opferwilligkeit nach Maßgabe des Glückes veranlaßt zu werden. Daher nur noch zwei Beispiele. Vor etlichen Dezennien lebte zwei Stunden von hier ein ehrenwerther Jude auf dem sogenannten Schnee, wo .es sonst keine Glaubensbrüder giebt. Bon Zeit zu Zeit holte er Almosen von uns. Eines Toges berichtete mir ein mitleidiger Bergmann, der alte „Eisek vom Schnee", so wurde er genannt, sei sehr krank und.liege bei einem armen Arbeiter auf der Bank. Ich schickte einen Wagen hin, ließ ihn holen und ins Krankenhaus bringen, wo er nach kurzer Zeit starb. Vor etlichen Monaten kam eine ältere Dame aus dem Städtchen H. zu mir lind trug mir Folgendes vor: „Ich lebe mit meiner alten Mutter allein und ernähre uns beide durch den Hausirhandel. Die alte Frau ist aber nachgerade körperlich und namentlich geistig so schwach geworden, daß ich sie nicht mehr allein lassen kann. Ich habe gehört. Sie gründeten eine Altersversorgungsanstalt; können Sie meine arme Mutter nicht aufnehmen?" Schweren Herzens mußte ich die bedrängte Tochter auf die Zukunft vertrösten. Gewahre ich auf der einen Seite so viel still erduldetes, unverdientes Elend, von dem Tausende der Glücklichen keine Ahnung haben, und auf der anderen Seite die großen Wohlthätigkeitsanstalten, die neuerdings christlicherseits ins Leben gerufen werden, so thut mir das Herz weh. Herr Pastor A. in Volmarstein z. B. hat aus eigener Kraft eine Reihe von Instituten ins Leben gerufen, sein sogenanntes Siechenheim beherbergt 100 Hospitaliten. Wie erklärt sich dieser Erfolg? Er hat alles zusammengebettelt. Erläßt er einen Aufruf, so stellt sich jeder Amtsbruder in den Dienst der humanen Sache; jeder Bauer, jeder Arbeiter, jeder Bergmann öffnet die Börse, wenn der Bettelpastor (diesen Ehrennamen führt er) kommt. — Gebe Gott, daß auch uns ein solches Glück zu Theil werde, daß auch meine Amtsbrüder, hoch und niedrig, unserem edlen W>' .ke eine liebevolle Theilnahme zuwenden wollten. Dem Herrn Pastor A. steht ein großer Kreis von Spendern zur Verfügung, der uns natürlich bei unserer geringen Zahl fehlt. Meine Hoffnung dagegen stützt sich auf den ererbten Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensbrüder. Bringt doch jede Nummer jüdischer Blätter aufs Neue den Beweis, daß es gerade unter unseren Stammesgenossen edle Menschen giebt, die ihr Glück in wirklich großartiger Weise der armen Menschheit zu gute kommen lassen. O, möchten sie auch unseren westfälischen Unglücklichen ihre Theilnahme zuwenden! Me Ethik des Irrdenthums von Lazarus. Besprochen von Dr. C. Seligmann in Hamburg. II. elcheS ist nun das Prinzip der jüdischen Ethik? Hören wir den Verfasser selbst: „Die jüdische Ethik ist ursprünglich eine theologische. Im Vordergrund alles Nachdenkens über die Sittlichkeit steht dem jüdischen Geist ihre theistische Begründung. Die gesammte jüdische Weltanschauung kann nicht gedacht werden ohpy Gott. . . . Innerhalb des Judenthums ist das Wesen der Sittlichkeit niemals anders angeschaut worden, als daß sie der Ausfluß einer göttlichen Ordnung, der Ausdruck eines göttlichen Gesetzes, die Erfüllung eines göttlichen Gebotes ist. Aber nicht aus einem Belieben, aus einem eigenwilligen Befehl oder einem Machtgebot hat Gott das Gesetz gegeben, und nicht deshalb sollen die Menschen es erfüllen, sondern weil wir in Gott die Urgestalt aller Sittlichkeit erkennen, weil er die schöpferische Kraft aller sittlichen Weltordnung und des auf Sittlichkeit gerichteten Weltzweckes ist. Also nicht auf irgend eine dogmatische Vorstellung von Gott, sondern ans den Gedanken seiner Sittlichkeit, das heißt also ans das Wesen der Sittlichkeit selbst, ist das Sittengesetz gegründet. Wenn also auch unzweifelhaft innerhalb des Judenthums . . . jede moralische Vorschrift zugleich als eine religiöse erkannt . . . wird, so hebt doch diese Verbindung mit der Religion die Selbständigkeit des Ethischen nicht auf; nicht zur Begründung des Sittlichen, sondern zur Einschärfung desselben gehört die Beziehung auf Gott.... Nicht über und nicht neben dem göttlichen Wesen ist das Moralprinzip; es ist in sich selbst, aber eben deshalb ist es zugleich in Gott, in Gott, weil und inwiefern er das Urbild aller Sittlichkeit ist. Nicht weil das Prinzip in Gott ist, deshalb ist es das Moralprinzip, sondern weil es das Moralprinzip auch an sich und ganz absolut ist, deshalb ist es nothwendig in Gott." In diesen Sätzen gelangen zwei fundamentale Gedanken der jüdischen Ethik zu ihrem Ausdruck. Der eine Gedanke, daß das Sittengesetz untrennbar mit dem Gottesgedanken verbunden, daß Gott einerseits Urbild des Sittlichen, andererseits Urquell, wie des menschlichen Geistes überhaupt, so der sittlichen Idee im menschlichen Geiste, Schöpfer des Gefühls der sittlichen Verpflichtung und insofern Gesetzgeber der Sittlichkeit sei. Wenn man will, mag man das immerhin als Heteronomie der Sittlichkeit bezeichnen. Jedenfalls stellt diese Heteronomie die Sittlichkeit auf die einzige unerschütterlich feste Grundlage der unbedingt verpflichtenden göttlichen Autorität. Mit erhellender Kraft aber leuchtet auch der — vielleicht noch schärfer hervorgehobene — Gedanke aus diesen Sätzen hervor, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.