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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 in den Armen die großen, schwervergoldeten Gesetzesrollen tragend, in langen Gewändern und hohen Baretts, wie wir sie uns zur Zeit Christi denken. Sie hielten lange hebräische Ansprachen, — die ersten hier, — in denen sie in überschwenglichen Worten die ihnen und der Menschheit von Gott zum Schutz und Segen gesandten Majestäten begrüßten. Jüdische Kinder sangen Lieder mit fast noch überschwenglicherem Inhalt." Bezüglich der gegenwärtigen Bevölkerung theilt Freiherr von Mirbach Folgendes mit: „Während dieser vielen Kämpfe und Verwüstungen . war Jerusalem immer tiefer gesunken, immer mehr verarmt; seine Einwohnerzahl war ganz zurückgegangen, und erst um das Jahr 1800 hatte sie sich wieder auf etwa 20 000 gehoben, darunter aber wenig Christen und Juden, meist Muhamedaner. Zwischen 1860 und 1870 nahm die Stadt einen Aufschwung, besonders durch den Zuzug von Christen,- welche viel zur Hebung von Handel und Gewerbe beitrugen, und durch deren Niederlassungen sowie zahlreiche jährliche Pilgerfahrten reges Leben und Mittel in die Stadt gebracht wurden. Am größten ist durch die großartig betriebene Kolonisation der reichen Rothschild, Montefiore und Hirsch der Zuzug der Juden, allerdings meist ganz armer, verwahrloster aus Rußland, Polen und Galizien. So zählt heute die Stadt mit den Vorstädten 67 000 Einwohner, darunter fast 50 000 Juden, 8000 Muhamedaner und 10 — 11000 Christen, von diesen die größere Hälfte griechisch-orthodox, 4000 Lateiner, d. h. römisch-katholisch, und kaum 1000 Evangelische." Diese Ziffern sind um so bemerkenswerther, als sie auf der Zählung der deutschen Konsulatsbehörden beruhen, welche wohl in der Lage sind, die Verhältnisse gründlich zu kennen. Aeußerst interessant sind die Bemerkungen des Vortragenden über die Klagemauer: „Tieftraurig und abschreckend war der Besuch der Klagemauer, und zwar in solchem Maße, daß man die Majestäten nicht hinführen konnte. Der Weg führte uns durch die vielen Gaffen des Bazars, der nichts Besonderebot, höchstens daß man hier, in dem unruhigen Treiben und Getümmel um die schmutzigen, dumpfigen Kaufbuden, neugierig umdrängt von den ärmeren Einwohnern, einmal einen Blick in das Alltagsleben der Stadt that. Bon hier stiegen wir, theilweise auf Stufen, steile, enge Gassen hinab und gelangten zu den Wohnungen im Elend verkommener fanatischer Muhamedaner aus Afrika und der ärmsten Juden, errichtet auf den Schutthaufen des Tyrochoen-Thales. Nur elende, viereckige Steinkäftge und winzige, von Schmutz starrende Höfe, die Bewohner abgezehrt, in Lumpen, die Kinder halb nackt, von Schmutz bedeckt, krank aussehend, bettelnd sich an die Fremden herandrängend, Greise, wie stumpfsinnig im Schmutz hockend. Im Inneren der Häuser nur Unrath und Lumpen herumliegend, überall ein schrecklicher Geruch — ein Bild schaudererregender Armuth und Verkommenheit. Wie oft erinnerte man sich in Palästina und besonders hier der Worte des Neuen Testaments: „Ihn jammerte des Volkes". Von Bettlern umgeben, steht man plötzlich auf einem nur wenige Meter breiten und vielleicht zwanzig Meter langen Platz vor den verwitterten gewaltigen Quadern eines Stückes der Westmauer des Tempelplatzes, die sich hier einst in der Glanzzeit über das Tyrochoenthal erhob. Da stehen und sitzen die Juden, einige in besseren, die meisten barfuß in zerlumpten, schmutzigen Gewändern, alte Gebetbücher in der Hand, weinend, die Steine küssend, laut betend, klagend über den Untergang ihrer Größe, ihres Tempels und des Palastes, über die Könige und Priester, die gestrauchelt sind und den Herrn verachteten, flehend, daß der Erlöser komme und sie erretten möge. Einzelne sieht man andächtig, Andere mechanisch betend, wieder Andere sich umsehend und versuchend, durch ihr Gebühren Geld von den Fremden zu erhalten. Viele, namentlich halberwachsene Kinder, laufen schreiend und bettelnd umher, mit unangenehmster Zudringlichkeit die Fremden belästigend." Welcher Jude, der diese Worte liest, kann sich des schmerzlichen Gefühles erwehren, daß von jüdischer Seite die Pflicht den nothleidenden Brüdern in Jerusalem gegenüber noch vielfach versäumt wird. Gin jüdisches Asyl für Kranke und Altersschwache in Westfalen. Bon I. Ostwald in Witten. s war am 31. Oktober v. I., als die Gemeinden Neuenkirchen und Witten auf dem Gemeindetage zu Münster den Antrag auf Errichtung eines Asyls rc. stellten und durch die Herren Vorsänger und Ostwald begründen ließen. Wohl selten hat ein Antrag solch begeisterte Zustimmung gefunden wie dieser. Nicht eine einzige Stinime erhob sich dagegen. Ja, zwei Herren aus Rietberg stellten sofort 5000 bezw. 3000 Mk. für den edlen Zweck zur Verfügung. Erfreulicherweise wurde beschlossen, die Anstalt nicht auf die Verbandsgemeinden zu beschränken, sondern sämmtliche Glaubensgenossen Westfalens zur Theilnahme an dem Unternehmen einzuladen. Die Delegirten trugen die erhaltene Anregung in ihre Gemeinden, ein Rundschreiben des Verbandsausschusses in die weitesten Kreise der Provinz, und bald zeigte sich das regste Jntereffe für unser Projekt. Die großen Gemeinden gingen mit ihren Zeichnungen voran, viele kleinere folgten; selbst Kinder legten ihren Sparpfennig auf den Altar der Menschenliebe; junge Damen spendeten kleine Summe», die für Vergnügungszwecke bestimmt waren. Im Anschluß an den Gemeindetag in Herford, 12. Juni v. I., fand eine Delegirtenversammlung der verschiedenen Asyl-Komitees statt, und der Verbandsausschuß, der bis dahin die Leitung der Angelegenheit besorgt hatte, war in der angenehmen Lage, berichten zu können, daß bereits 73 000 Mk. gezeichnet seien. Die fernere Leitung der Asyl-Bestrebungen wurde einem Komitee von 5 Mitgliedern übertragen mit der Maßgabe der Zuwahl auf mindestens 12 Herren und der Bestimmung, den Bau des Asyls erst zu beginnen, wenn die Kapitalsunnne 100 000 Mk. betrage. Die Herren A. Elias-Dortmund, I. Mendel-Bochum, I. Ostwald-Witten, S. Porta-Neuenkirchen und I. Steinberg-Münster bilden das Komitee. — Mit Freuden nahm die Herforder Versammlung Kenntniß vom dem Jntereffe, das der Landeshauptmann von Westfalen unserem Unternehmen entgegenbringt, unb von dem Erbieten einer erheblichen materiellen Unterstützung, wenn wir auch eine jüdische Anstalt für Epileptiker gründen würden. Meines Wiffens existirt eine solche Anstalt in Deutschland nicht, und mich beglückt schon die schwache Hoffnung, daß wir diesen Unglücklichsten der Unglücklichen eine Heimstätte bereiten werden. Ich bin der Ansicht, daß edle Wohlthäter der Menschheit schon humanen Zwecken, die vielleicht minder dringend waren, große Spenden zugewandt haben. Das Komitee ist inzwischen recht eifrig gewesen. Die Zahl seiner Mitglieder ist durch Kooptation auf 20 gewachsen; der Vorsitz wurde Herrn I. Mendel-Bochum übertragen, zum Schatzmeister Herr Bankier L. Hanf-Witten, Mitinhaber der Firma S. Hanf, gewählt, für die verschiedenen Zweige der Thätigkeit wurden besondere Kommissionen ernannt, namentlich zur Erlangung des nervus rerum, der Beschaffung weiterer Geldmittel. Denn noch sind ansehnliche Gemeinden Westfalens, größere wie kleinere, mit ihre» Spenden zurückgeblieben, vermuthlich, weil sich in ihrer Mitte Niemand gefunden, der die Agitation organisirte. Hoffen wir auch von diesen Gemeinden das Beste. In der jüngsten Komitcesitzung wurde nun beschloffen, die Sammellisten durch den Druck zu veröffentlichen und an alle außerhalb Westfalens wohnenden begüterten ehemaligen Westfalen die Bitte um gütige Unterstützung unseres edlen Werkes zu richten. Die Zeichnungen für das Asyl betragen nunmehr annähernd 80000 Mark. Wenn man erwägt, wie manche unserer Gemeinden durch den Wegzug ihrer begüterten Mitglieder ihre Leistungsfähigkeit verloren haben, wie große Opfer gerade in unserer Provinz für Unterrichts-, Kultus- und Armeiizwecke zu bringen sind, wie neu und

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