Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228315--55199-3291380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

27 erheben würde. Pon welch frommem Geist diese Versammlung geleitet war. .erhellt aus der Thatsache, daß in der Diskussion ein Pastor Koch die Notwendigkeit eines echt christlichen Unterrichts durch christliche Persönlichkeiten mit dem Hinweis auf die vielen jugendlichen Uebelthäter und Verbrecher — in seiner 26 000 Seelen zählenden Gemeinde sind 47 Kinder im Jahre 1898 angeklagt gewesen — begründete! — Also die jüdischen Lehrer seien für die angeblich wachsende Kriminalität verantwortlich zu machen!! Die Aeußerung des Herrn Pretzel, daß die Wahl des jüdischen Stadtverordneten Preuß in die Schuldeputation als vollzogen angesehen werden könne, wenn ihm auch Genaueres nicht bekannt sei, gab zu Pfuirufen Anlaß. Schließlich wurde folgende Resolution gegen die Stimmen einiger Lehrer angenommen: „In der Tonhalle versammelte Männer haben mit lebhaftem Danke die Stellungnahme des Provinzial-Schnlkolleginms in der Frage der Anstellung jüdischer Lehrkräfte an christlichen Schulen begrüßt und sprechen die Erwartung aus, daß die christlichen Privatschulen geschützt werden, und daß jüdische Lehrkräfte höchstens so weit angestellt werden dürfen, als es der jüdische Religionsunterricht durchaus verlangt. Die Errichtung rein jüdischer Schulen würde dem Uebelstande am besten abhelfen. Die Versammlung giebt ihrer Entrüstung darüber Ausdruck, daß in der deutschen Reichshauptstadt der Versuch gemacht worden ist, die jüdischen Stadtverordneten Singer und Dr. Preuß in die städtische Schuldeputation zu bringen." In einer zweiten Resolution wurde Herrn Pretzel der Dank für „sein echt deutsches Auftreten" in der Stadtverordnetenversammlung ausgesprochen. Weitere Folgen hatte die Versammlung nicht. Sie wird hoffentlich auch ferner keine solchen haben. * Wir haben bereits früher gemeldet, daß die belgische Kammer kürzlich einer Anzahl von Personen die Naturalisation in Belgien verweigert hat, weil man dieselben für Juden hielt. Diese Angelegenheit hat noch ein Nachspiel gehabt, da die Deputirten Fournemont und Lorand Namens der liberalen und sozialistischen Abgeordneten erklärten, daß ihre'Parteien gegen diesen Akt der Intoleranz seitens der klerikaleil Majorität proteflirten. Dabei hat sich herausgestellt, daß mehrere der Betroffenen gar keine Juden sind, sondern nur zufällig jüdisch klingende Namen führen. * Im russischen Ministerium für Volkserziehung wird ein neues Pensionsgesetz für Lehrer ausgearbeitet. Daffelbe verleiht diesen gewiffe Rechte, von denen auch die Juden nicht ausgeschloffen sein sollen, z. B. daß die Söhne der Lehrer umsonst auf Staatsgymnasien Aufnahme finden. Dieses Privileg findet aber nur auf die jüdischen Lehrer an Gouvernementsschulen Anwendung, das heißt den von der Regierung eingerichteten, von der Koscher-Fleischtaxe erhaltenen Schulen, lind sind auch nur diese Lehrer pensionsberechtigt, aber natiirlich zahlt die Pensionen nicht der vom Staate dafür bestimmte Fonds, sondern wieder die Koscher-Fleischsteuer. Die Lehrer an den jüdischen Gemeindeschulen utib den Talmud-Thoraschulen haben kein Anrecht all die durch das neue Gesetz verliehenen Wohlthaten. In einigen Gouvernements wird übrigens auch noch die Lichtsteuer zur Unterhaltung der Gouvernementsschulen erhoben, und auch dies« ist recht bedeutend. So beträgt sie z. B. im Gouvernement Cherson mit seiner armen Bevölkerung 23000 Rubel und bildet in vielen Genmnden eine schwere Last für die armen Juden. * Auf der Insel CYpern ist unter der englischen Verwaltung vollkommene Gleichberechtigung aller Konfessionen die Regel. Sie hat sogar einen jüdischen Polizeiinsp^!:mit Hauptmaunsrang Es ist dies ein gewisser Paul Volatea der 1877 nach Cypern kam, um als Kaufmann sein Glück zu versuchen, dann 1879 in die neugebildete englische Polizei eintrat und hier seinen hohen Rang allmälig erwarb. Er ist ein gründlicher Kenner des englischen und des einheimischen Rechtes, und spricht zugleich Englisch, Französisch, Deutsch, Türkisch, Arabisch und Griechisch. Lange Zeit war er der einzige Jude auf Cypern und ist noch der einzige in seinem Wohnort Nikosia, dennoch hat er nie sein Judenthum verborgen, sondern sich immer dessen gerühmt. Die Kolonisten von Ahawath Zion haben von ihm viele Gefälligkeiten empfangen. * In Algier hat der Gemeinderath bekanntlich beschlossen, angesichts der Absetzung des Maires Max Regis, diesen als Ehrenmaire anzusehen. Die Regierung aber schweigt, oder sie läßt sich gar, wie es neuestens den Anschein hat, zu gewissen Konzessionen herbei. Anders kann man die Rede kaum auffaffen, die bei der Eröffnung des Oberen Rathes von Algier der Generalgouverneur Laferriöre gehalten hat, und in der er das zunehmende Uebergewicht der französischen Raffe in Algier betonte, wodurch die Naturalisation von Ausländern und die Anwendung des Dekrets Cremieux, das en bloc naturalisirt habe, weniger nothwendig gemacht würden. Diese gesetzgeberischen Maßnahmen hätten zu den Mißständen in Algier beigetragen und die Befürchtung entstehen lassen, daß das französische Element durch das Zuströmen verschiedenartiger und zuweilen unverträglicher Elemente zurückgedrängt werden könnte. Eine Revision dieser Gesetzgebung sei wünschenswerth, vorausgesetzt, daß sie ohne Haß und ohne gewaltsamen Umsturz, sondern mit reiflicher Ueberlegung durchgeführt und auf die politischen Rechte beschränkt werde. Diese Mission habe er übernehmen zu müssen geglaubt zum Wohle des Ganzen und der Zukunft der Kolonie. Freiherr von Mirbach über die Kaiferreise. B. Berlin, 16. Januar. Ser Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherr v. Mirbach, der auch der Begleiter des deutschen Kaiserpaares aus der Reise nach Palästina war, hat in Potsdam in einer Serie von Borträgen die Eindrücke geschildert, welche diese Reise in ihm hervorgerufen hat. Uns interesstren von den außergewöhnlich ansprechenden Schilderungen hauptsächlich diejenigen Stellen, in denen von jüdischen Dingen die Rede ist, und diese wollen wir nach dem stenographischen Bericht eines hiesigen Blattes wiedergeben. Auf der Reise von Haifa nach Jerusalem sah Freiherr von Mirbach auch einige jüdische Kolonien in der Ferne liegen, über die er sagt: „Auf den entfernter liegenden Höhen bemerkten wir auch einige Tscherkessendörfer, aus kleinen Lehmhäusern mit Strohdächern bestehend, sowie die von Rothschild und Montefiore angelegten jüdischen Kolonien, die sich mit ihren weißgefirichenen modernen Steinhäusern und rothen Ziegeldächern ganz nett präsentirten." Beim Empfang des Kaisers in Jerusalem halten bekanntlich die Juden die erste Ehrenpforte erbaut und begrüßten dort zuerst den Festzug. Freiherr von Mirbach berichtet darüber: „Der Jubel, die Zurufe, das Winken und Grüßen der Christen, Juden, Muhamedaner und Heiden war unbeschreiblich. Die neuen Häuser und Dächer des Judenviertels waren von nach ihrer Art geputzten Frauen dicht besetzt. Eine große Ehrenpforte wölbte sich über der Straße. Hier standen zu dem Empfang auf der einen Seite die türkischen Behörden, an ihrer Spitze der schweigsame, ernste, gefürchtete Gouverneur von Damaskus, dem der Sultan die Ueberwachung der Kaiserreise in Palästina anvertraut halte; auf der anderen Seite standen alte, weißbärtige Rabbiner,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.