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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-20 · Heft 3 (20.1.1899) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Das Schicksal Pharaos und Aegyptens zeigt uns. in welchen Abgrund ein Volk versinken kann, wenn seine Priester und Weisen dem Unrecht dienen, den Leidenschaften schmeicheln, statt ihre Macht und ihren Einfluß zum Schutz der Unterdrückten anzuwenden. Auch für diese alte Zeit gilt das Wort des späteren Propheten: „Der weisen Berather des Pharao Rath ist thöricht geworden, wie könntet ihr über Pharao reden: er sei ein Sohn der Weisen, ein Sohn von Königen der Urzeit". Die Priesterkaste in Aegypten war in der That im Besitz tiefer Weisheit; wissen wir doch, daß noch in den späteren Zeiten des heidnischen Alterthums Männer, die ob ihrer Erkenntniß und ihres Wissens viel gefeiert waren, sich rühmten, diese Kunde von Aegyptens Priestern empfangen zu haben; sie hatten eifrig über die letzten Gründe nachgedacht, und in das Walten der Kräfte der Natur hatten sie manch tiefen Einblick gethan. Auch die alten Lehrer lassen den Ruhm der ägyptischen Priester gelten und sagen: Gott habe sie ausgezeichnet mit „Wissenschaft. Einsicht und Kraft". Aber wie haben sie den goldenen Hort des Wissens verwaltet? Haben sie diese Schätze ins Volk getragen und besten Augen erleuchtet? O nein, diese reinere Kenntniß hielten sie für sich oder theiltcn sie allenfalls wistensdurstigen Fremdlingen mit, die, angelockt von dem Rufe ihrer Weisheit, in ihr Land kamen, um sich damit vor diesen zu brüsten und ihren Ruhm weithin zu verbreiten; das Volk aber hielten sie in dumpfer Unwissenheit, für diese war der roheste Götzendienst gut genug, und. sie verbreiteten abergläubische, schreckhafte Vorstellungen über das Leben nach dem Tode, um Geist und Gemüth dieser Armen und Elenden zu knechten. Diese Priester waren mächtig im Lande, sie waren die Ersten, kein König durfte an ihre Rechte tasten. Aber wo waren sie, als ein grausamer König die Israeliten, die bisher mit dem ägyptischen Volke in Eintracht zusammengelebt hatten, zu unterdrücken begann und mit böser List ihre Ausrottung betrieb? Traten sie hin vor den Thron Pharaos und verwiesen ihm sein Unrecht? O nein, sie, die sonst bei der geringfügigsten Gelegenheit sich in die Nähe des Königs drängten und mit ihrem Rath nicht geizten, bei diesem Anlaß hören wir nichts von ihnen. Die Seufzer der Unterdrückten dringen nicht zu den Tempeln der weisen Priester. Sie lassen jede Gewaltthat geschehen, so lange nur keine Hand an ihre geheiligten Vorrechte rührt, jene Schriftkundigen und Weisen und Zauberer Aegyptens; Mosel) tritt auf als ein todesmuthiger Anwalt der Israeliten; aber die Weise» verstehen nichts von dem Zauber dieser großen Persönlichkeit, sie sehe» in ihm nur einen großen Zauberer, auf den sie dadurch Eindruck machen wollen, daß sie ihm ihre Künste zeigen. Was Wunder, daß dieser König, dessen Unthaten sie so lange geduldet hatten, auch dann nicht auf sie hört, als diese Schriftkundigen spät, zu spät, ihm die Hand Gottes in den Schicksalen Aegyptens weisen. Jene falschen Priester-Propheten, die die Wahrheit nur für sich hielten und ihre Mitmenschen in die Kerker des Aberglaubens sperrten, die es zugaben, daß Pharao den Gott des Himmels und der Erde leugnete und sich selbst vergötterte, sie haben das Unheil heraufgeführt über Aegypten, von dem die Schrift berichtet, wie es aller Orten und zu allen Zeiten die Priester gethan haben, die ihren Einfluß dazu ausnutzen, nicht um die Menschei; zu befreien, sondern um sie zu knechten, die den Mächtigen schmeicheln, statt die Rechte der Unterdrückten vor ihnen zu vertreten. Wie licht und frei und offen ist hingegen das Verhalten des Moseh, ein Zeugniß und ein Vorbild für Israel bis auf den heutigen Tag. Ohne List, ohne Falsch, schlicht und gerad vollzieht er seine Sendung; nicht auf dem Wege der Verschwörung will er seines Volkes Befreiung herbeiführen. sondern stolz und aufrecht, im Bewußtsein des guten Rechtes tritt er hin vor Pharao und verlangt, daß er die Israeliten ziehen laste aus dem Lande, mit desten Einwohnern sie nach dem Bericht der Schrift bis zum letzten Tage ihrer Anwesenheit in gutem Einvernehmen gelebt hatten. Nicht an eine Kaste, nicht an eine kleine Schaar von Eingeweihten, sondern an das ganze Volk wandte er sich mit der Heilslehre, von der wir es an jedem Sabbath rühmen, daß sie die Augen erleuchtet und den Thoren Weisheit lehrt. Wie Moseh, so waren auch alle nach ihm kommenden Propheten echte Volksmänuer, die oft genug mit Gefährdung des eigenen Lebens vor den Mächtigen das Recht vertheidigt, die nach dem Prophetenwort das Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zum Maß genommen haben. Berlin, 17. Januar. enn Jemand noch glauben sollte, daß zwischen den Konservativen und den Antisemiten i» Bezug auf ihre Judenfeindschaft ein wesentlicher Unterschied besteht, so möge er nur in der Nummer 2 der'„Deutschen Reform" Nachlesen, auf welche Bedingungen sich der konservative Abgeordnete für Kolberg- Köslin, Zimmermeister Firzlaff, verpflichtet hat, um die Stimmen der Antisemiten von Bublitz zu gewinnen. Wir schweigen davon, daß er versprechen mußte, im Reichstag für Schächtverbot, konfessionellen Eid und Einwanderungsverbot gegen ausländische Juden zu stimmen. Was aber neu ist und was einen Ruhmestitel und eine Origmalleistung der Bublitzer Antisemiten vorstellt, das ist ihre Forderung, daß der konservative Abgeordnete für ein Auswanderungsgesetz wirken soll, welches alle Juden in Deutschland zur Auswanderung zivingt. Und dieser würdige Vertreter des deutschen Volkes, Herr Zimmermeister Firzlaff, hat es für angemessen erachtet, um mit Hilfe einiger Hundert antisemitischer Stimmen in den Reichstag gewählt zu werden, sich den ihm gestellten Bedingungen zu fügen. Mehr als eine halbe Million deutscher Staatsbürger soll also gezwungen werden, ihr Vaterland aufzugeben und sich eine neue Heimath in der Fremde zu suchen. Der Mann aber, der dies im Reichstag verlangen wird, ist nicht Ahlwardt, sondern ein Mitglied der konservaiiven Fraktion. Es ist gut, daß solche Zwischenfälle von Zeit zu Zeit die wahre Gesinnung der konservativen Fraktion enthüllen, denn es giebt nur allzu viele Optimisten unter uns, welche mit dem Rückgang der antisemitischen Partei den Antisemitismus beseitigt glaubten. Diese Optimisten werden jetzt wenigstens darüber aufgeklärt sein, daß die Konservativen ebenso schlimme Judenfeinde sind wie die reinen Antisemiten. * In der Tonhalle, der alten Stätte Stöcker'scher Triumphe, hat am 13. d. Mts. die kirchliche Vereinigung in Berlin eine angeblich imposante Protestversammlung gegen die „von der Stadtverordnetenversammlung betriebene Verjudung der christlichen Schulen der Reichshauptstadt" abgehalten. Als erster Redner behandelte Pastor a. D. Zilleffen das Thema: Simultanschulen oder konfessionelle Schulen? Dann sprach der antisemitische Stadtverordnete Pretzet speziell über Judenthum und Schule in Berlin, und schließlich kam Herr Stöcker mit einem Vortrage über Volkserziehung und Schule in Berlin. Er klagte dabei überden Mangel an evangelischem Bewußtsein beim Volke in Berlin, weil eS sonst wie ein Mann aufstehen und den Schrei nach christlichen Lehrern für christliche Schulen

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