Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 3. SerUn. 20. Januar 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 2lr- LuLmig PHMppson-Vomi. Verlags-Crpedition: Gertin, Jerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenlhums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Leitartikel r Gegen die Dunkelmänner. — Die Woche. — Freiherr von Mirbach über die Kaiserreise. Ein jüdisches Asyl für Kranke und Altersschwache in Westfalen. Von I. Ostwald. — Die Ethik des Judenthums von Lazarus. II. Von Dr. C. Seligmann. — Dogmatische Pseudowissenschaft. Von Rabb. Dr. B. Jacob. — Feuilletonr Die Rose von Saron. XXIX. — Jüdische Dorfbewohner. Von B ernst ei n- Sawersky. (Schluß.) Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Landsberg a. W., Breslau, Aus der Provinz Posen, Nakel, Aus Westpreutzen, Kolberg, Lage (Lippe), Frankfurt a. M., Aachen, Metz, Wien, Budapest, Rew- Pork — Don Nab und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Gegen die Dunkelmänner. f Berlin, 18. Januar. er Wochenabschnitt, der am letzten Sabbath in allen Synagogen verlesen wurde, ist ein wuchtiger Protest gegen die Dunkelmänner aller Zeiten. Denn es giebt wohl, wie es scheint, keine größere Schuld, als wenn Einer, ausgestattet mit der Kraft, die Wahrheit zu erkennen und zu verbreiten, und sonach dazu berufen, die Nebel zu zerreißen, welche den Blick des Volkes trüben und sein Herz beengen, diese seine Fähigkeit dazu mißbraucht, um die Menge im Jrrthum festzuhalten und zu bestärken, um Diejenigen, die gläubig auf ihn horchen, durch den Glanz seiner falschen Worte zu blende», wenn er seinen Geist in den Dienst der Lüge stellt und mit Bewußtsein als ein Herold des Wahns die Menschen bethört. Schon ohnedies ist jeder geistige Fortschritt so unendlich erschwert durch die Trägheit der Massen, die von den abergläubischsten Vorstellungen kaum sich losreißen können, wenn sie in diesen erzogen und groß geworden sind. Schon diese Trägheit der Masten bereitet eine harte Pein Dem, der für den Fortschritt der Menschheit erglüht ist; fortgewiesen wird, wer sie unterweisen will, oder im besten Fall hören sie auf ihn mit halbem Ohr und lasten am Ende seine Gründe gerade so lange gelten, als sie den Schall seines Wortes vernehmen; die Arbeit der Aufklärung gleicht nur allzu häufig jener Marter, von welcher die Sage berichtet, wo Einer verurtheilt wird, einen Stein zur Spitze des Berges zu rollen; so oft er sich aber seinem Ziele schon nahe glaubte, immer wieder stürzte der Fels in die Tiefen hinab, und die Arbeit mußte von Neuein beginnen. Jndeß mit dieser Noth hat der Denker, der in echter Treue zur Fahne der Aufklärung geschworen hat, dennoch Geduld; er arbeitet ruhig weiter, zufrieden, auch nur einige Steine aus dem Wall des Jrkthums herausgenommen zu haben; wie sollten die Menschen nicht denkträge werden, da sie von Jugend an härter als die Thiere arbeiten müssen um den kargen Bedarf des Lebens, da in ihr sorgenumwölktes Sein so wenig Sonnenblicke des Glückes hereinfallen.- Die Sache der Aufklärung nnd des geistigen Fortschrittes hängt a»fs Innigste zusammen mit der Förderung des sozialen Wohls; es ist trivial, aber wer karg und sorgenvoll sich ernährt, wer in harter Arbeit kaum das Nothwendigste erringt und heute nicht weiß, wovon er morgen leben wird, wo soll der die Zeit und Lust hernehmen, über die Ammenmärchen nachzudenken, die man ihm in der Jugend eingeprägt hat, oder auf Den hinzuhören, der seinen Geist zu lichteren und freieren Anschauungen führen will? Wir beklagen die Dumpfheit der Masten, indeß wir haben kaum ein Recht, sie darob anzuklagen. Aber ungestümer Groll erfaßt jeden Freund der Wahrheit, wenn er es sieht, wie verständige, begabte Menschen, denen er wohl die richtige Erkenntniß zutraut, jeder Lüge, jedem Wahn, jeder Thorheit ihre Kraft leihen, wie die zarte Aussaat der Erkenntniß von Denen zertreten wird, die zu ihrer Hut und Pflege berufen sind. Zuweilen haben humane, aufgeklärte, edle Männer sich zu Akten der Gewalt hinreißen lasten gegen jene Dunkelmänner, die der Volksausdruck drastisch, aber treffend mit Wölfen im Schafspelz verglichen hat; hin und wieder nicht ohne Schein von Grund hört man wohl diese Lichtfeinde klagen, daß sie allein von den Segnungen sollen ausgeschlosten werden, welche das Erbtheil Aller sind; und diese gewaltsame Ausschließung hat auch stets ihre großen und gefährlichen Bedenken; aber zu verstehen ist es schon, wenn edlen Männern die Zornesader schwillt gegenüber Menschen, die einen reichen Geist dazu ausnutzen, um die Völker in Dumpfheit und Finsterniß zu erhalten oder gar wieder hinabzustoßen, die als Herolde der Lüge durch die Lande streifen. Was dann in dieser Zorneswallung geschieht, ist nicht recht, aber wohl erklärlich. Die Gerechtigkeit hat ihre schwerste Probe gegen Diejenigen zu bestehen, die selbst, wenn sie die Macht besäßen, ungerecht und gewaltsam wären; jedoch die Majestät des Rechtes leidet, wenn es nicht auch in solchen Fällen rein und unverletzt bleibt. Als der Prophet Elia auf dem Berg Karmel, nachdem er die falschen Propheten vor allem Volk entlarvt und gedemüthigt hatte, diese Verführer nicht nach dem Recht richtete, sondern niederschlug, da brachte er sich durch diese Ungebühr um allen Erfolg, er stand nach wenigen Tagen wieder so vereinsamt wie vordem, und er hörte die Anklage, daß sein eigenes Ungestüni ihm die Gemüther entfremdet habe, weil er vergessen habe, seinen Sieg, den Triumph des Gottespropheten über die Lügengeister, durch Gerechtigkeit und Milde zu krönen; aber trotz alledem ist dieser Groll des wahrhaftigen Mannes gar wohl zu entschuldigen, da er es sah, wie diese falschen Propheten bald dem Volk zu Munde redeten und ihm das Herz stahlen, bald sich geberdeten, als hätten sie die ewige Seligkeit und die ewige Verdammniß in Verwahrung und könnten sie vertheilen nach der Lust ihres Herzens.